Mädchenchor (Quelle: imago/photothek)
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- Chor & Corona: Wie groß ist das Übertragungsrisiko beim Singen?

Gottesdienste, Karnevalsfeiern, Chorproben: Nach all diesen Veranstaltungen kam es zu massenhaften Covid-19-Infektionen. Möglicher Übertragungsweg: Aerosole, wie sie gerade durch Singen verstärkt produziert werden. Aber ohne Gesang ist die Krise für viele noch schwerer zu bewältigen. Hobbychöre in Berlin und Brandenburg warten sehnlichst darauf, wieder loszulegen. Wie sicher sind gemeinsame Chorproben? rbb Praxis hat nachgehakt.

Millionen Deutsche singen in Chören – nicht nur aus Freude am Musizieren, sondern auch wegen des Zusammenkommens mit anderen. In Zeiten der Corona-Pandemie jedoch ist das nicht möglich. Insbesondere, weil es beunruhigende Nachrichten über Chorproben gab, in denen sich viele Sänger infiziert haben.

Bei einer Chorprobe der Berliner Domkantorei am 9. März 2020 infizierten sich 60 von 80 Chormitgliedern mit SARS-CoV-2 – inzwischen sind alle wieder wohlauf. So viel Glück hatten die Mitglieder eines amerikanischen Chors nicht: Er probte am 10. März 2020 in Skagit County, US-Staat Washington: Von den 61 Chormitgliedern war nur einer infiziert. 52 Chormitglieder steckten sich an. Drei erkrankten so schwer, dass sie ins Krankenhaus mussten, zwei von ihnen verstarben.

Digitale Chorproben – (k)eine echte Alternative?

Offenbar scheinen Chorproben aus Virussicht die perfekte Gelegenheit zu sein, um sich zu verbreiten. Daher suchen Chöre nach Alternativen. Viele treffen sich im digitalen Raum, geprobt wird per Videokonferenz. Das größte Problem dabei ist allerdings die Verzögerungszeit zwischen den Sängern. Der Dirigent schaltet daher die Chorsänger stumm, so dass nur er sie hören kann – untereinander hören sie sich nicht. Das allerdings widerspricht dem Chorgedanken, denn ein Chor lebt davon, dass man zusammen singt.

Der Chorverband Berlin testet nun die Software "Soundjack". Die Sänger können sich damit zwar nicht sehen, aber immerhin zusammen singen. Die Zeitverzögerung beträgt nur zwei hundertstel Sekunden, ist also kaum hörbar. Mit wenigen Sängern gleichzeitig läuft die Software stabil, soviel weiß man bisher.

Proben: Nicht mal auf Abstand und mit Mundschutz?

Eine weitere Alternative könnten Chorproben in kleineren Gruppen sein, mit mehr Abstand oder Infektionsschutzmaßnahmen wie Masken sein. Der Rundfunkchor Berlin etwa probt im Moment nur mit jeder Stimmgruppe einzeln – und das auch noch geteilt: In dem Saal, in dem normalerweise 64 Profis gemeinsam proben, dürfen sich im Moment nur maximal 11 Personen aufhalten. Nach jeder Probe einer der Kleingruppen wird intensiv gelüftet. Das ist nicht nur zeitaufwändig, auch der Klang des Chores lässt sich so kaum steuern, geschweige denn ausschöpfen. Denn die Qualität eines Chores liegt eigentlich in seiner Dichte. Zwei oder mehr Meter Abstand untereinander bedeuten auf Distanz zu singen und stellt die Sänger vor neue Herausforderungen.

Abhilfe könnten da Schutzvisiere oder ein Mund-Nasen-Schutz schaffen. Unter den Plexiglasvisieren können sich die Sänger zwar selbst gut hören, insgesamt verändert sich aber der Klang des Chores, er wird "topfig", wie es der Chorleiter des Rundfunkchores nennt. Außerdem können Aerosole unter dem Plexiglasschirm leicht eingeatmet werden.
Mund-Nasen-Bedeckungen dagegen erschweren das Atmen erheblich und feuchten gerade beim Singen auch schnell durch – dann wiederum müssten sie eigentlich gewechselt werden.

Gefährliche Aerosole

Das Problem: Solche Schutzmaßnahmen können zwar die Zahl der großen Tröpfchen, die beim Singen ausgestoßen und zu den Mitsängern getragen werden, reduzieren, aber sie können vermutlich die Aerosole nicht stoppen. Aerosole sind winzig kleine – bei einer Infektion möglicherweise auch virenhaltige – Tröpfchen, die nicht nur beim Husten ausgestoßen werden sondern auch beim Atmen, Singen und Sprechen. Diese Aerosole stehen im Verdacht für die massiven Infektionsgeschehen bei Chorproben verantwortlich zu sein.

Nach wie vor gilt die Tröpfcheninfektion als wichtiger Übertragungsweg für SARS-CoV-2. Diese Tröpfchen werden beim Husten oder Niesen ausgestoßen und fliegen etwa 1 - 2 Meter weit. Danach fallen sie wegen ihrer Größe und ihres Gewichts recht schnell zu Boden. Aerosole hingegen sind viel kleiner und schweben oft stundenlang in der Luft, gerade in Innenräumen, wenn die Luft nicht oder wenig bewegt ist. Ob das SARS-Coronavirus-2 auch über Aerosole verbreitet wird, ist wissenschaftlich noch nicht gesichert, aber es gibt Hinweise darauf.

Die Gretchenfrage: Wie gefährlich ist Singen?

Eine weitere noch offene Frage ist, wie stark Aerosole beim Singen ausgestoßen werden. Verschiedene Forschergruppen haben sich damit beschäftigt und kommen zu teilweise unterschiedlichen Einschätzungen.

So hat die Münchener Bundeswehr-Universität anhand von strömungsmechanischen Experimenten untersucht, wie stark die Luft beim Musizieren mit verschiedenen Blasinstrumenten und eben auch beim Singen bewegt wird. Beim Singen würde sie diesen Experimenten zufolge nur im Bereich von einem halben Meter vor dem Mund des Sängers in Bewegung versetzt, weitestgehend unabhängig von der Lautstärke oder der Tonhöhe. Das würde für kein besonders hohes Risiko beim Singen sprechen.

Die Deutsche Stimmklinik hingegen hält das Risiko beim gemeinschaftlichen Singen für besonders hoch, vor allem auch, weil es meist in geschlossenen Räumen stattfindet und die infektiösen Partikel durch das tiefe Ein- und Ausatmen beim Singen besonders weit fliegen und tiefer in die Lunge eindringen könnten. All diese Faktoren erhöhen das Risiko für eine Ansteckung.

Schwebstoffe unterm Laserpartikelzähler

Am Institut für Heiz- und Raumlufttechnik der Technischen Universität Berlin versuchen Forscher den Ausstoß von Aerosolen direkt zu messen. Dazu werden in einem Reinraum die Teilchen, die beim Atmen, Sprechen und Singen aus dem Mund ausströmen, mithilfe eines Laserpartikelzählers gemessen. Erste Tests zeigen, dass die Menge der ausgestoßenen Partikel beim Singen erheblich größer ist als beim Atmen und Sprechen. Beim Atmen zählten die Forscher relativ wenig Partikel, beim Sprechen schon etwa dreimal mehr. Beim Singen war der Partikelausstoß sogar 50 Mal höher als beim Sprechen. Das sind nur erste Ergebnisse und noch keine wissenschaftliche Studie.

Dennoch sprechen diese ersten Tests dafür, dass eine deutlich erhöhte Last von Aerosolen durch das Singen in den Raum gelangt, die dann auch über längere Zeit in der Luft verbleiben. Da bei einem Chor zeitgleich mehrere Menschen singen, ist die Raumluft relativ dicht mit Aerosolen angefüllt. Und solange die Aerosole im Verdacht stehen, an der Übertragung von SARS-CoV-2 beteiligt zu sein, kann es nach Ansicht der Berliner Forscher keine Entwarnung für Chorproben mit vielen Mitgliedern in geschlossenen Räumen geben.

Filmbeitrag: Carola Welt
Infotext: Dr. Katrin Krieft

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