Hand mit Schläuchen zur Dialyse und Verbänden liegt auf Krankenbett (Bild: imago/Lars Berg)
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rbb Praxis Feature - Chronisch krank - Raus aus dem Aus

Chronisch kranke Menschen haben oft einen langen Leidensweg. Das belastet körperlich, seelisch, oft auch finanziell. Welche Hilfen gibt es? Was heißt Erwerbsminderung? Und wann macht es Sinn, sich berenten zu lassen? Die rbb Praxis hat Betroffene aus Berlin und Brandenburg über viele Monate begleitet. Wir zeigen, wie sie den Kampf gegen ihr Schicksal aufnehmen und verraten, wo Patienten und Angehörige Hilfe und Beratung finden.

Als chronische Krankheiten werden lang andauernde Krankheiten bezeichnet, die nicht vollständig geheilt werden können. Mehr als jeder dritte Deutsche gilt heute chronisch krank. Durch den demografischen Wandel wird die Zahl weiter zunehmen, denn je älter wir werden, desto größer ist unser persönliches Risiko dauerhaft zu erkranken.

Organerkrankung ist häufigste Ursache

Chronische Erkrankungen der inneren Organe sind mit rund 25 Prozent der häufigste Grund für eine Schwerbehinderung. In Deutschland sind 1,8 Millionen Menschen davon betroffen. Zu den chronischen Krankheiten, die eine Dauerbehandlung erfordern, gehören zum Beispiel:

• Krebs,
• Diabetes mellitus,
• Asthma,
• chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen oder
• koronare Herzkrankheit

Auf Heilung können die wenigsten Patienten hoffen. Im Gegenteil, oft schreitet die Erkrankung fort. Manchmal werden mit der Zeit auch weitere Organe in Mitleidenschaft gezogen, neue Krankheiten treten auf. Einige Erkrankungen wie Diabetes mellitus verlaufen zwar symptomarm, können aber jederzeit in bedrohliche Krisenzustände übergehen. Andere sind gekennzeichnet durch Krankheitsschübe, die jederzeit und unerwartet auftreten können und oft mit Schmerzen verbunden sind.

Voraussetzung für eine chronische Krankheit

Damit eine Krankheit wirklich als chronisch anerkannt wird, muss sie einige Faktoren erfüllen: Die Krankheit muss mindestes ein Jahr lang bestehen.
Betroffene müssen wegen der Erkrankung mindestens einmal pro Quartal zum Arzt gehen, sprich, die Patienten sind in einer sogenannten Dauerbehandlung.

Zudem muss mindestens eins der folgenden Merkmale erfüllt sein:

• Patienten müssen kontinuierlich medizinisch versorgt werden, damit sich nach Ansicht des Arztes die Krankheit nicht lebensbedrohlich verschlimmert, die Lebenserwartung vermindert oder die Lebensqualität dauerhaft beeinträchtigt wird.
• Patienten sind pflegebedürftig ab Pflegegrad 3.
• Patienten sind aufgrund der Krankheit mindestens zu 60 Prozent erwerbsgemindert oder behindert.

Reduzierte Zuzahlung

Für chronisch Kranke gibt es finanzielle Entlastung: Sie müssen Zuzahlungen nur bis zu einer Belastungsgrenze von einem Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen leisten – und nicht wie alle anderen Bürger von zwei Prozent.

Das betrifft Zuzahlungen zu:

• Medikamenten
• Krankenhausbehandlungen
• stationäre Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen
• Heil- und Hilfsmitteln
• Fahrkosten
• Arznei- und Verbandmitteln
• Zahnersatz sowie
• Haushaltshilfe und häusliche Krankenpflege

Strukturierte Behandlungsprogramme

Besser leben, die persönliche Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit erhalten: Das sind wichtige Ziele bei der Behandlung chronisch Kranker. Dafür sollte die Behandlung möglichst strukturiert und koordiniert erfolgen. Das kompetente medizinische Management einer schweren chronischen Erkrankung ist noch immer keine Selbstverständlichkeit in Deutschland.

Für einige chronische Erkrankungen gibt es allerdings bereits heute strukturierte Behandlungsprogramme der Krankenkassen, kurz DMP (Disease Management Programme).
Sie sorgen für eine koordinierte, qualitätsgesicherte Behandlung nach dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft. Ihr Ziel: Chronisch kranke Menschen sollen so gut wie möglich mit ihrer Erkrankung leben. Die Patienten wirken an den Programmen aktiv mit: Sie werden regelmäßig über Diagnosen und therapeutische Schritte informiert und von Anfang an in die Behandlungsentscheidungen miteinbezogen.

Im Rahmen von DMP-Programmen werden Patienten-Schulungen angeboten. Dazu gehören beispielsweise Schulungen:

• dazu, wie man Insulin spritzt,
• Schulung zu Blutglukose-Wahrnehmungstraining oder
• Schulung für das Gerinnungs-Selbstmanagement.
Bereits geschulte Patienten können auch erneut geschult werden.

DMP-Programme sind freiwillig. Bisher gibt es Angebote für:

• Asthma bronchiale
• Brustkrebs
• Chronische Herzinsuffizienz
• Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
• Diabetes Typ 1 und Typ 2
• Koronare Herzkrankheit
• Depressionen
• Chronischer Rückenschmerz (noch nicht in Kraft)
• in Vorbereitung: Osteoporose, Rheumatoide Arthritis

Medizinische Rehabilitation

Den Arbeitsplatz behalten, weiter beschäftigt sein und Geld verdienen – das ist für die Lebensqualität chronisch Kranker äußerst wichtig und nicht selbstverständlich. Deshalb hat der Gesetzgeber Mechanismen geschaffen, um Betroffenen, aber auch deren Arbeitgeber zu unterstützen. Dazu gehört beispielsweise die Medizinische Rehabilitation. Sie umfasst sowohl die Anschlussheilbehandlung nach einem Krankenhausaufenthalt als auch Rehabilitationsmaßnahmen, die infolge der Erkrankung wiederholt notwendig sind.

Das gilt für die Medizinische Rehabilitation:

• Erfolgt unmittelbar nach dem Krankenhausaufenthalt bei Anspruch auf Anschlussheilbehandlung (AHB)
• Antrag auf medizinische Reha danach alle 4 Jahre möglich
• In kürzerem Abstand, wenn medizinisch notwendig
• Kosten übernehmen Rentenversicherung oder Krankenkassen
• Rehabilitationsnachsorge-IRENA begleitend zur Berufstätigkeit

Berufliche Rehabilitation

Bei dieser Reha steht das Berufsleben im Mittelpunkt von Gesprächen und Therapien. Das Ziel dabei ist es, dass Betroffene dauerhaft arbeiten können. Dafür trainieren die Patienten unter Anleitung eines Physiotherapeuten beispielsweise gezielt Abläufe aus ihrem Arbeitsalltag.

Beispiel: Für einen Hausmeister, der sich nach einer Rücken-OP in Kur befindet, bedeutet das, dass er Fertigkeiten übt wie das Montieren einer Kellerlampe, das Beladen von Schubkarren, oder das Tragen der Mehrzweckleiter. Arbeitet jemand hauptsächlich am Schreibtisch, wird auch das trainiert. Die Patienten erleben, dass sie die Bewegungen trotz ihrer Einschränkung schaffen und dass sie ihnen von Mal zu Mal leichter fallen.

Um folgende Dinge kümmert sich die Berufliche Rehabilitation:

• Übernahme Kosten für technische Hilfen, zur Ausstattungen des Arbeitsplatzes, Arbeitsassistenz
• Aus- und Weiterbildung, Umschulung, Trainingsmaßnahmen, Berufsvorbereitung
• Zuschüsse für Arbeitgeber, beispielsweise wenn der Arbeitsplatz für den Betroffenen angepasst werden muss
• Kraftfahrzeughilfe
• Leistungen vom Rentenversicherer, Integrationsamt, Sozialamt, Agentur für Arbeit

Hamburger Modell

Nicht bei jedem klappen der Ausstieg aus der chronischen Erkrankung und der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben völlig reibungslos. Die meisten Betroffenen nutzen deshalb das sogenannte Hamburger Modell. In diesem Modell sind die Modalitäten einer schrittweisen Rückkehr ins Arbeitsleben nach längerer Erkrankung genau geregelt.

Das gilt für das Hamburger Modell:

• Eingliederungsplan zur Rückkehr ins Arbeitsleben nach längerer Krankheit über mehrere Wochen oder Monate
• Entspricht dem Genesungsfortschritt des Arbeitnehmers
• Allmähliche Steigerung der Arbeitsstunden bis zur Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit
• In der Zeit: Krankengeld von Krankenkasse bzw. Übergangsgeld von der Rentenversicherung

Erwerbsminderungsrente

Wer durch seine Krankheit so eingeschränkt ist, dass er nicht mehr oder nur teilweise arbeiten kann, sollte sich in Sachen Erwerbsminderungsrente beraten lassen.
Wichtig ist dabei: Die Erwerbsminderungsrente sollte dazu dienen, dem Leiden gerecht zu werden. Man sollte jedoch bedenken, dass ein Abschlag von der Alters-Rente abgezogen wird. Früher war es möglich, eine Erwerbsminderungsrente bereits ab dem 63. Lebensjahr ohne Abschläge zu erhalten. Seit dem Jahr 2012 wird die abschlagsfreie Rente schrittreise auf das 65. Lebensjahr angehoben. Bei einer Erwerbungsminderungsrente kann in bestimmten Grenzen zuverdient werden. Diese individuelle Zuverdienstgrenze kann man sich berechnen lassen.

Die Bewilligung dieser Rente ist von verschiedenen Voraussetzungen abhängig. Das gilt für die Erwerbsminderungsrente:

• Prüfung durch Gutachter
• unter 6 Stunden arbeitsfähig = Anspruch auf Rente wegen Erwerbsminderung
• 3 bis 6 h arbeitsfähig = teilweise Erwerbsminderung
• unter 3 h arbeitsfähig = volle Erwerbsminderungsrente
• Hinzuverdienst in Grenzen möglich

Beratungsstellen

Schwer krank, nicht mehr arbeiten können, im Behördendschungel untergehen – nicht selten landen chronisch Kranke so im sozialen Abseits. Dann muss man wissen, wer noch helfen kann oder welche Stellen sogar zur Beratung verpflichtet sind, wie beispielsweise die Krankenkassen und Rentenversicherer. Selbsthilfegruppen können unterstützen. Hilfreich ist auch ein relativ neues Angebot: die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB).

Unterstützung für Betroffene, Gefährdete und ihre Angehörigen

Die EUTB unterstützt und berät Menschen mit Behinderungen, von Behinderung bedrohte Menschen, aber auch deren Angehörige unentgeltlich bundesweit zu Fragen der Rehabilitation und Teilhabe. Die EUTB ist ein neues kostenloses Angebot des "Bundesministerium für Arbeit und Soziales". Beratungsstellen gibt es deutschlandweit. Die Beratungsstellen sind unabhängig, keiner Institution und keinem finanziellen Budget verpflichtet, so dass sich die Mitarbeiter Zeit nehmen können. Denn: Mit einem Gespräch ist es oft nicht getan.

Das Besondere: Die Berater kommen auch zu den Betroffenen nach Hause, wichtig für chronisch Kranke, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Beratung erfolgt auch durch:

• Krankenkassen
• Rentenversicherer
• Integrationsämter
• Sozialämter
• Selbsthilfegruppen
• Sozialverband VDK

Psychische Betreuung

Die Diagnose einer schweren Krankheit ist für viele Menschen mit psychischen Belastungen verbunden – vor allem dann, wenn Heilung ausbleibt. Fast niemand, der chronisch erkrankt, ist wirklich auf eine dauerhafte Erkrankung vorbereitet. Den meisten fehlt das "seelische Rüstzeug", um die Krankheit zu bewältigen. Oft entsteht ein Teufelskreis, bei dem sich körperliche und seelische Misere abwechseln und den Einzelnen immer weiter schwächen. Das behindert die weitere Krankheitsverarbeitung zusätzlich: Der Körper ist angegriffen und geschwächt, Ohnmacht und Hilflosigkeit verstärken sich durch die fehlenden "Coping-Fähigkeiten". Doch gerade jetzt wären innere Stärke, Stabilität und Umsicht für den Umgang mit der Krankheit besonders notwendig. Eine Psychotherapie kann daher hilfreich sein.

Wer Psychotherapie benötigt und auf Engpässe stößt, kann sich an die Terminservicestellen der Krankenversicherer wenden:

• Terminservicestellen der KV sind verpflichtet, Termine für Erstgespräch in psychotherapeutischen Sprechstunden und zeitnahe erforderliche Behandlungen zu vermitteln.
• Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dürfen auch Behandlungen verordnen: psychotherapeutische Rehabilitation, Krankentransport, Krankenhausbehandlung, Soziotherapie

Spezialistensuche

Bei der Suche nach Spezialisten können Selbsthilfegruppen Tipps geben. Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung helfen konkret dabei, freie Termine bei Spezialisten oder Fachärzten zu finden. Sie sind telefonisch unter 116177 oder online erreichbar.

Heilmittel

Wer chronisch krank ist, benötigt oft über lange Zeit Heilmittel. Heilmittel sind persönlich erbrachte Leistungen aus den Bereichen Physikalische Therapie, Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie, Podologie sowie Ergotherapie. Das kann das eigene Zeitbudget sprengen, aber auch das des Arztes. Unser Tipp in diesem Fall: Stellen Sie und Ihr Arzt einen Antrag auf langfristige Genehmigung nach §32 Absatz 1a SGB V.

Prävention

Viele chronische Erkrankungen werden durch vier wichtige Faktoren beeinflusst:

• Fehlernährung,
• mangelnde körperliche Aktivität,
• Tabakkonsum und
• exzessiver Alkoholkonsum.

Mit einer dauerhaften Änderung des Lebensstils ließen sich daher viele chronische Erkrankungen verhindern.

Film von Cornelia Fischer-Börold
Infotext: Constanze Löffler

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