Blonde Frau schüttelt ihre Haare (Quelle: imago/Westend61)
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rbb Praxis Feature - Der große Haar-Check

Kann man den Kampf um den Haarverlust auf dem Kopf gewinnen? Was geschieht bei einer Eigenhaartransplantation und was bewirken Haarwuchsmittel gesundheitlich? Mediziner beantworten dem rbb Praxis Moderatorenteam Britta Elm und Justus Kliss Fragen rund ums Haar.

Die Geschichte der menschlichen Behaarung ist eine Geschichte des Verlustes. Im Gegensatz zu unseren animalischen Vorfahren ist unser Fell auf ein paar wenige Körperpartien verteilt. Einst sollte es vor Kälte schützen. Doch diese Funktion wurde mehr und mehr überflüssig, als wir den aufrechten Gang lernten. Vom ehemaligen Fell sind uns heute nur vereinzelte Haarinseln geblieben mit definierten Aufgaben. Die Augenbrauen zum Beispiel verhindern, dass der Schweiß uns in die Augen läuft. Achsel- und Schamhaare dienen dem effektiven Verteilen von sexuellen Lockstoffen. 

Noch normal – oder schon krankhaft?

Die gute Nachricht: Wir verlieren Haare, jederzeit und überall. Das ist normal und zunächst kein Grund zur Sorge. Schließlich verbleiben Haare maximal sechs Jahre auf dem Kopf. Hormonelle Schwankungen oder ein sogenannter Fellwechsel im Frühling oder Herbst, bei dem saisonal bedingt vermehrt Haare ausfallen, können unseren natürlichen Kopfschmuck vorübergehend lichten.

Finden sich Haare jedoch zuhauf auf Kragen und Kopfkissen, hängen sie büschelweise in der Bürste oder verstopfen den Abfluss der Dusche, sollte man einen Haarspezialisten aufsuchen. Gründe für den Schwund gibt es viele, beispielsweise Haarwurzeln, die besonders sensibel auf Hormone reagieren, Eisenmangel oder diverse Medikamente. Die Fachleute unterscheiden zwischen mehreren Arten von krankhaftem Haarausfall. Die häufigsten sind der erblich bedingte oder androgenetische und der kreisrunde Haarausfall, seltener sind der diffuse und der vernarbende Haarausfall.

Vom krankhaften Haarverlust spricht der Fachmann erst, wenn eine Person über eine längere Zeit mehr als 100 Haare täglich verliert. Hierzulande trifft das auf jeden dritten Mann und jede zehnte Frau zu. Je früher man dann einen Arzt aufsucht, umso besser sind die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie, die den Verlust stoppt. Haare sind sogenannte Hautanhangsgebilde – und damit sind Hautärzte oder Dermatologen für Haarprobleme zuständig. Am besten konsultiert man einen Spezialisten in der Uniklinik oder in einer Spezialpraxis. Mithilfe verschiedener Tests wird er schnell die richtige Diagnose stellen.

Gezupft, gefilmt, gezählt

Der Zupftest gibt dem Arzt einen ersten Hinweis, wie ausgeprägt der Haarverlust ist. Für den Test greift sich der Arzt jeweils zwischen Daumen und Zeigefinger ein Büschel Haare und zupft diese mit sanftem Zug an verschiedenen Stellen schmerzlos aus.

Auch für das Trichogramm reißt der Arzt Haare aus: das erste Büschel da, wo sich das Haar bereits lichtet; die zweite Probe von einer gesunden Stelle dient als Kontrolle. Unter dem Lichtmikroskop zählt er die Haare und berechnet, wie viele Haare sich in der Wachstums- oder Ruhephase befinden. Dadurch weiß er, wie ausgeprägt der Haarverlust wirklich ist.

Für den Trichoscan rasiert der Arzt einen kleinen Bereich auf der Kopfhaut. Er färbt die rasierten Haare an und speichert davon ein Videobild bei zwanzigfacher Vergrößerung. Eine Software hilft dem Arzt, die Gesamt-Haaranzahl und das Verhältnis der Haare zueinander zu berechnen, die sich in der Wachstums- oder in der Ruhephase befinden. Dieser Test ist auch bei der Protagonistin im Film, Nora Walter, durchgeführt worden. Sie hatte Angst, dass sie eine Glatze bekommen könnte. Der Trichoscan hat bewiesen, dass dies unbegründet war und ist.

Die Biopsie ist eine etwa vier Millimeter große Gewebeprobe, die der Arzt von der Kopfhaut entnimmt. Anschließend untersucht er das Gewebe unter dem Mikroskop, um beispielweise Erkrankungen des Haarbodens zu diagnostizieren. Typischerweise setzt der Spezialist diese Untersuchung beim narbigen Haarausfall ein.

Haarwachstum

Haare wachsen in Zyklen, ein Haarfollikel durchläuft pro Zyklus mehrere Phasen. Als Haarfollikel bezeichnet man die Strukturen, welche die Haarwurzel umgeben und dadurch das Haar in der Haut verankern. Der Großteil der Haare befindet sich in der Wachstums- oder Anagenphase, in der die Haare alle drei Tage ungefähr einen Millimeter sprießen. Das Wachstum ist genetisch festgelegt und beispielsweise alters- und geschlechtstypisch: Bei Männern wachsen die Haare zwei bis vier, bei Frauen vier bis sechs Jahre. Auch die Körperregion spielt eine Rolle, wie lang und schnell Haare wachsen. In der zwei bis vier Wochen dauernden Übergangs- oder Katagenphase stoppt das Haarwachstum. Der Haarfollikel schrumpft, das Haar löst sich. Etwa jedes hundertste Haar befindet sich in diesem Zustand. Daran schließt sich die Ruhe- oder Telogenphase an, die durchschnittlich drei bis vier Monate dauert. Danach fällt das Haar aus; ein neues wächst nach. Jeder Haarfollikel kann bis zu zwölf Mal ein neues Haar hervorbringen.

Behindert Stress das Haarwachstum?

Experten diskutieren viele Gründe von Haarausfall. Möglicherweise ist auch Stress für die schwindende Haarpracht verantwortlich. Die Wissenschaftler gehen von drei Fällen aus: Stress ist direkt die Ursache von Haarverlust, er verschlimmert ihn als zusätzlicher Faktor, oder Stress ist die Folge des Haarausfalls. Forscher der Berliner Charité konnten mit Hilfe experimenteller Tiermodelle die Hypothese bekräftigen, dass Stress Haarausfall auslöst. Dafür setzten sie Mäuse Lärm von 70 Dezibel oder 400 Hertz aus. Der Radau löste in den Haarfollikeln des Mäusefells eine Entzündung aus. Dadurch waren sowohl der Haarzyklus als auch das Wachstum der Haare gestört. Weitere aktuelle Studien stützen die Stressthese.

Alopecia areata

Kreisrunder Haarausfall ist relativ weit verbreitet. Schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind betroffen, Männer wie Frauen. Die Haare fallen typischerweise an verschiedenen Stellen in mehr oder weniger großen Kreisen aus. Was ist die Ursache? Kreisrunder Haarausfall gilt als Autoimmunerkrankung. Das Abwehrsystem ordnet die eigenen Haarwurzel-Zellen als fremd ein. Dadurch wehren sich die Immunzellen gegen die Haarzellen. Die Haarfollikel entzünden sich. Dadurch werden die Haare so stark angegriffen, dass ihr Wachstum gestört ist und sie fleckförmig ausgehen. Die Entzündung spielt sich in der Tiefe ab, so dass man optisch davon nichts erkennen kann. Der Verlauf der einzelnen Herde auf der Kopfhaut variiert von zwei bis vier Wochen bis zu mehrere Monate.

Gelegentlich verlieren die Patienten ihr gesamtes Haupthaar einschließlich der Brauen, Wimpern und Nasenhärchen. Selten fällt die gesamte Körperbehaarung inklusive Bein-, Scham- und Achselhaar aus. Die Fingernägel sind beim kreisrunden Haarausfall typischerweise rau wie Sandpapier und von Rillen oder Grübchen durchsetzt.

Die Hautärzte verschreiben zur Behandlung Kortison-Schaum und Zinktabletten. Die Hoffnung: Das Immunsystem beruhigt sich, und der Haarausfall wird gestoppt. Nicht immer klappt das, denn die Erkrankung hat auch eine genetische Komponente: Menschen innerhalb einer Familie sind häufiger betroffen. Und: Damit werden auch nur die Symptome des Haarausfalls und nicht die Ursachen behandelt. Wissenschaftler haben in den letzten Jahren viele Studien durchgeführt, um die Wirksamkeit von immunschwächenden Substanzen wie Tacrolimus und Entzündungshemmern wie Sulfasalazin oder Kortison zu testen. Auch die Therapie mit verschiedenen Lasern wurde untersucht. Bislang gibt es für den kreisrunden Haarausfall jedoch abgesehen von Zink und Kortison keine weitere Standartbehandlung, die sich in wissenschaftlichen Studien als wirklich nachhaltig wirksam erwiesen hat. Eine Hoffnung bleibt: die unter Schulmedizinern sonst so verrufene Spontanheilung. Bei jedem dritten Patienten wachsen die kahlen Stellen innerhalb eines halben Jahres von ganz allein wieder zu, nach einem Jahr ist jeder Zweite ohne Beschwerden.

Erblich bedingter Haarausfall

Der anlagebedingte Haarausfall ist bei Männern und Frauen der häufigste Grund für ein lichtes Haupt. Männer büßen ihre Haare an Stirn, Scheitel und am Hinterkopf ein. Bis zum fünfzigsten Lebensjahr sind 50 Prozent der Männer betroffen, bis zum 70. Lebensjahr sind es mehr als zwei Drittel. Frauen verlieren ihre Haare entlang des Mittelscheitels. Bis zur Menopause schwindet die Pracht bei jeder zehnten, danach sogar bei jeder dritten Frau. Wer wissen will, ob er ein erhöhtes Risiko hat, später mal eine Glatze zu bekommen, sollte sich den Vater der Mutter anschauen, denn erblich bedingter Haarausfall wird über die weibliche Linie vererbt.

Die Ursache des androgenetischen Haarausfalls sind Haarwurzeln, die genetisch bedingt besonders sensibel auf männliche Hormone reagieren. Ein Enzym, die 5-Alpha-Reduktase, wandelt das Testosteron direkt in der Kopfhaut in das aktive Dihydrotestosteron (DHT) um. Die ererbte Information besteht darin, dass in den Geheimratsecken und in der Vertix-Region (der Tonsurregion) vermehrt Androgen-Rezeptoren sitzen, so dass das Hormon vermehrt andocken und wirken kann. Die Haarwurzeln schrumpfen, die Haare fallen schneller aus ihrer Verankerung – und der Haarzyklus verkürzt sich. Die Haarwachstumsphasen werden immer kürzer, es wächst nur noch ein zarter Haarflaum. Sterben die Haarwurzeln ganz ab, entstehen die typischen spiegelglatten, haarlosen Areale.

Bei der Haartransplantation (Quelle: rbb)Vor der Transplantation müssen die Haareinheiten präpariert werden

Haartransplantation

Die Haartransplantation ist eine kostspielige Angelegenheit – je nach Fläche müssen die Patienten mit bis zu 10.000 Euro für eine Haartransplantation rechnen. Um die Geheimratsecken, sowie den Vorderkopf und den Wirbelbereich aufzufüllen wird zunächst am Hinterkopf ein Stück Kopfhaut mit Haarwurzeln von etwa 20 Zentimeter Länge und einem Zentimeter Breite chirurgisch entnommen. Dafür wird die gesamte Kopfhaut betäubt, außerdem bekommen die Patienten eine Beruhigungstablette. Zwanzig Minuten später ist das notwendige Stück Kopfhaut entfernt und kommt ins Labor. Der Spalt auf der Kopfhaut wird wieder vernäht. Womit müssen die Patienten nach einer Transplantation rechnen? Typischerweise entsteht eine Stirnschwellung bis zu fünf Tage. Dagegen helfen Kühlung und Schmerzmittel. In den ersten Tagen sollten die Haare nicht gewaschen werden.

Das Hauptstück des Transplantats wird wie Brotscheiben geschnitten, dann werden daraus die einzelnen Haareinheiten präpariert. Je nach Umfang der Haartransplantation kommen am Ende etwa 1700 Haarwurzelteile mit insgesamt 4000 Haaren aus dem Labor. Auf der Kopfhaut des Patienten werden kleine Kanälchen vorbereitet, sogenannte Empfängertaschen für die Transplantate. Für den Arzt ist während der Transplantation Vorsicht geboten: Die Wurzeln dürfen nicht reingestopft werden, sondern sollten ohne besonderes Quetschen oder Druck in den Kanal gezogen werden. Der Haaransatz muss unregelmäßig gestaltet werden, sonst würde es später nicht natürlich aussehen. Zentimeter für Zentimeter – aber eben unregelmäßig - werden die Geheimratsecken mit den eigenen Haaren aus dem Hinterkopf bepflanzt. Rund sechs Stunden dauert der Eingriff für gewöhnlich. Dr. Finner und sein Team führen einen solchen Eingriff in der Regel drei- bis viermal pro Woche durch.

Bei der OP-Planung wird auch berücksichtigt, dass der Haarausfall weiter gehen könnte – gerade bei jungen Patienten. Deshalb werden Haare in der Spenderregion belassen, die für eine erneute Transplantation in 10, 20 Jahren verwendet werden können.

Reporter sieht sich Haarshampoos gegen Haarausfall auf Tablet an (Quelle: rbb)
Die Beweis- und Studienlage, dass Koffein den Haarwuchs effektiv anregt, ist dünn | Bild: rbb

Haarwuchsmittel

Welche Möglichkeiten gibt es außer einer Haartransplantation, um eine Glatze zu vermeiden? Unzählige Produkte versprechen Abhilfe bei erblich bedingtem Haarausfall: Biotin, Panthenol, Zink, Vitamine, Algen, Phytoflavonoide oder Traubenkernöl. Am Ende halten sie in den seltensten Fällen, was sie versprechen. Vor allem Koffein-Präparate sind beliebt, doch die Beweis- und Studienlage, dass sie den Haarwuchs effektiv anregen, ist dünn.

Die Mittel, die wirklich helfen, sind in der Medizin entdeckt worden: Tabletten mit dem Wirkstoff Finasterid und die Minoxidil-Lösung. Das verschreibungspflichtige Finasterid wurde (und wird) für die Behandlung der vergrößerten Prostata eingesetzt. Zufällig entdeckte man, dass der Wirkstoff auch das Haarwachstum fördert. Finasterid hemmt das Schlüsselenzym 5-Alpha-Reduktase, das Testosteron auf der Kopfhaut in seine aktive, enthaarende Form umwandelt. Gegen Haarausfall schlucken Männer eine weitaus geringere Dosis als bei Prostatabeschwerden. Bei Frauen ist Finasterid wirkungslos und zudem fruchtschädigend.

In einer Studie an der Charité wird der Wirkstoff aktuell als Creme getestet. Die Forscher wollen herausfinden, ob Finasterid das Haarwachstum auch fördern kann, wenn man es direkt auf die Kopfhaut aufträgt. Dann bliebe die Wirkung lokal begrenzt und Nebenwirkungen wie eine eingeschränkte Libido im besten Falle aus. Forscher erwarten in drei bis fünf Jahren ein marktfähiges Produkt.

Reporter sieht sich grafische Darstellung des Haaraufbaus auf Tablet an (Quelle: rbb)
Medikamente und andere Therapien können die Haare immer nur während der Wachstumsphase beeinflussen | Bild: rbb

Minoxidil ist ein Mittel, das bereits in den 1970er Jahren in den USA entwickelt und als Blutdrucksenker eingesetzt wurde. Eine – zunächst unerwünschte – Nebenwirkung war damals Haarwachstum. Seit 1988 ist es für die Therapie von erblich bedingtem Haarausfall bei Männern und Frauen zugelassen. Minoxidil muss täglich auf die Kopfhaut aufgetragen werden, am besten zwei Stunden vor dem Schlafengehen, damit es eingezogen ist und nicht im Kopfkissen landet. Denn es fördert das Haarwachstum an fast allen Stellen des Körpers. Minoxidil wird ein Leben lang angewendet, sonst fallen die Haare wieder aus. Hautärzte warnen davor, sich Minoxidil auf eigene Faust zu besorgen. Denn zunächst muss ein Arzt klären, ob hinter dem Haarausfall nicht doch ein anderes gesundheitliches Problem steckt. Eisenmangel, Schilddrüsenstörungen, aber auch das An-Ab-oder Umsetzen einer Pille oder Gewichtsschwankungen können zu Haarausfall führen.

Richtig angewendet ist Minoxidil sehr gut verträglich und wirksam, vorausgesetzt, es leben noch Haarwurzeln.

Sind die Haarwurzeln bereits abgestorben, bleibt die Anwendung erfolglos. Denn Medikamente und andere Therapien können die Haare immer nur während der Wachstumsphase beeinflussen. Sind sie bereits in der Ruhephase, fallen sie auf jeden Fall aus – mit oder ohne Behandlung. Erst beim nachwachsenden Haar kann das Medikament dann wieder wirken und dazu führen, dass weniger Haare ausgehen. Ob die Therapeutika helfen, lässt sich also frühestens nach drei bis sechs Monaten beurteilen.

Zuchthaare – bald schon Wirklichkeit?

Bestimmte Zellen der Haarwurzel sind in der Lage, neue Haare wachsen zu lassen. Diese sogenannten Haar-Stammzellen befinden sich in den Haarfollikeln und steuern dort das Haarwachstum. Tatsächlich ist es Wissenschaftlern im Tierexperiment bereits gelungen, aus Stammzellen Haare zu züchten: Mäusen, denen man diese Zellen in die Follikel einpflanzte, wuchs ein neues Fell. Zukünftig wird zeigen, ob derartige Ergebnisse auch beim Menschen möglich sind.

Fazit: ein Wundermittel gegen Haarausfall gibt es nicht. Wer Haarausfall beobachtet, sollte mit einem Arztbesuch nicht zu lange warten, um die Ursache zu klären. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser kann der Haarausfall gestoppt werden. Sind Haarwurzeln erst einmal untergegangen, lassen sie sich nicht wieder erwecken. Ob Mähne oder Glatze, was auch immer Sie tragen – tun Sie es erhobenen Hauptes.

Weiterführende Adressen

Ein Film von Erika Brettschneider

Infotext von Constanze Löffler