Dicker Mann bewegt sich schnell (Quelle: imago/Science Photo Library)
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rbb Praxis Feature - Dick und trotzdem fit - wieviel Übergewicht ist gesund?

Seit Jahrzehnten warnen Mediziner: Übergewicht erhöht das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und sogar für manche Krebsarten. Doch ist Übergewicht wirklich immer schädlich? Und können Sport und Bewegung die Risiken wieder senken? Die rbb Praxis beleuchtet neue und überraschende Erkenntnisse zu den übermäßigen Pfunden und begleitet Patienten aus unserer Region, die ein paar Pfunde zu viel auf die Waage bringen, aber nicht unbedingt krank sind.

Im Volksmund heißt es, Übergewicht hat man, wenn man zu schwer für seine Körpergröße ist oder zu klein für sein Körpergewicht. Tatsächlich errechnen Mediziner Übergewicht über den Body-Mass-Index, einen Wert, der die Körpergröße ins Verhältnis zum Gewicht setzt (Körpergewicht (kg) durch Körpergröße (m) mal Körpergröße (m)). Ein Body-Mass-Index zwischen 20 und 24,9 gilt als normalgewichtig. Zwischen 25 und 29,9 sprechen Ärzte von Übergewicht, ab 30 von Fettleibigkeit, der so genannten Adipositas.

Das Problem: der BMI erfasst nur Gewicht und Größe, berücksichtigt aber nicht, wo genau das Fett sitzt. Und da gibt es große Unterschiede. Auch Laien wissen inzwischen, dass es Unterschiede zwischen der so genannten Apfelform und der Birnenform gibt: Fett vor allem am Bauch, erkennbar an einem hohen Taillenumfang, ist "gefährlicher", als wenn sich das Fett auf Hüften und Beinen verteilt. Das Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauferkrankungen steigt mit zunehmendem Bauchumfang an. Dabei geht es aber nicht in erster Linie um das Unterhautfett, sondern auch um das Fett im Bauch, das so genannte Bauchfett.

Gefährliche Botenstoffe aus dem Bauchfett

Bauchfett sendet gefährliche Botenstoffe aus, die sich auf den Blutdruck auswirken, die Freisetzung des Hormons Insulin fördern und Entzündungen auslösen können - und damit wahrscheinlich verantwortlich sind für die Folgeerkrankungen des Übergewichts: Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkte.

Die Ausschüttung dieser Botenstoffe lässt sich über die Ernährung beeinflussen - und das unabhängig von BMI oder Gewichtsverlust. Eine Studie der Charité Berlin möchte jetzt herausfinden, ob man auch ohne Gewichtsreduktion seine Risikofaktoren herabsetzen kann. Das soll nicht durch eine Diät, sondern durch Ernährungsumstellung auf die so genannte Mittelmeerkost geschehen, also mit viel pflanzlichen Lebensmitteln und wenig tierischen Produkten. An der Charité allerdings wird die Mittelmeerkost an die Lebenswelt der deutschen Patienten angepasst: es werden viele regionale Produkte empfohlen, statt Olivenöl wird Rapsöl verwendet, auch anstelle von Butter oder Sahne in Backwaren, Fertiggerichten und Brotaufstrichen. Die Ernährung ist arm an tierischen Proteinen und reich an Ballaststoffen. Wichtige Nahrungsfasern werden in einigen beliebten Produkten wie zum Beispiel Cornflakes zugesetzt.

Der Kaloriengehalt der Ernährung spielt dabei eine untergeordnete Rolle. In einer großen spanischen Studie zeigte sich, dass genau diese Mittelmeerkost Schlaganfällen und Herzinfarkten vorbeugen kann. Im Vergleich zu Patienten, die eine fettarme Kost erhielten, hatten Patienten, die sich nach dem Prinzip der Mittelmeerkost ernährten ein bis zu 30 Prozent reduziertes Risiko, an Herzkreislauferkrankungen zu erkranken. Die spanischen Forscher errechneten, dass durch die Umstellung auf mediterrane Kost jährlich drei schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse wie Schlaganfall oder Herzinfarkt pro 1000 Personen verhindert wurden.

Stress als Dickmacher

Mit mangelnder Selbstbeherrschung hat eine Gewichtszunahme wenig zu tun. Davon ist der Internist Professor Achim Peters vom Studienzentrum CBBM an der Universität Lübeck überzeugt. Er sucht im Gehirn nach den Ursachen für Übergewicht und sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Gewichtszunahme und dem Hunger des Gehirns bei andauerndem Stress.

Unter Stress - besonders chronischem Stress - braucht das Gehirn viel Energie. Allerdings ist der Schädel zu klein, um hier ein Depot anzulegen. Daher legt der Körper seine Energiespeicher in Form von Fettgewebe an. Wo genau er das tut, ist individuell sehr unterschiedlich. Bei Stress versorgen die einen ihr hungriges Gehirn direkt durch die Nahrung. Sie gewöhnen sich an die Dauerbelastung - und lagern nur einen Teil der zusätzlichen Nahrung als Unterhautfett ab. Schwieriger ist es, wenn durch Stress unaufhörlich das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird. Arme und Beine magern ab, um das Gehirn zu versorgen. Aber es bildet sich dennoch inneres Bauchfett.

Peters ist überzeugt davon, dass es einen großen Unterschied macht, wo genau der Körper seine Energie speichert. Ob sich das Zuviel an Bauchfett in einer apfelförmigen Figur zeigt oder die günstigere Fettverteilung in einer eher birnenförmigen Figur. Professor Peters wissenschaftliches Fazit ist radikal: Nicht weniger Essen macht schlank, sondern weniger Dauerstress.

Operation gegen Übergewicht

Nicht immer reicht eine Ernährungsumstellung, um das Risiko für Folgeerkrankungen zu senken. Im Adipositas-Centrum der Charité Berlin finden schwer übergewichtige Patienten Hilfe, bei denen weder Diäten, noch Bewegungsprogramme zu einer ausreichenden Gewichtsreduktion geführt haben. Insbesondere Patienten, die bereits Folgeerkrankungen durch das Übergewicht haben, können von einer Operation profitieren.

Zur Auswahl stehen verschiedenste Verfahren. Die Ärzte können mit einem Magenband den Magen verkleinern oder über einen wassergefüllten Magenballon den Großteil des Magens füllen. Bei einer Magen-Bypass-Operation bilden die Ärzte einen kleinen Vormagen, den sie direkt mit einer Dünndarmschlinge verbinden. Durch den sehr kleinen Magen stellt sich schneller ein Sättigungsgefühl ein und die Patienten essen weniger.

Allerdings wird ein solcher Eingriff nur in Einzelfällen von der Krankenkasse genehmigt. Erst ab einem BMI von über 35 mit einer oder mehreren Folgeerkrankungen prüfen die Krankenkassen eine Kostenzusage. Ebenso müssen mehrere Diätversuche, Kuren und Rehabilitationsmaßnahmen unter ärztlicher Anleitung gescheitert sein.

Neue Erkenntnisse zum Fettgewebe

An der Universität Leipzig gehen Forscher der Frage nach, was genau das Fettgewebe von extrem übergewichtigen Patienten so ungesund macht. Daher forschen sie an Fettgewebsproben, die bei Operationen wie sie oben beschrieben sind, gewonnen wurden. Mit Hilfe einer so genannten Fettgewebebank wollen sie Gene identifizieren, die zu den sehr unterschiedlichen Fettverteilungsmustern führen und ihre Verbindung zu Stoffwechselerkrankungen untersuchen.

Insbesondere interessieren sich die Leipziger Forscher für die Anzahl der Immunzellen im Fettgewebe. Denn Fettgewebe ist mehr als nur ein Energiespeicher, gerade bei Menschen mit starkem Übergewicht und Folgeerkrankungen. Im Vergleich zu "fitten" Menschen mit Übergewicht haben Patienten mit krankhaftem Übergewicht deutlich mehr Immunzellen im Fettgewebe. Und diese Immunzellen geben die Botenstoffe in die Blutbahn ab, die dann zu entzündlichen Reaktionen im gesamten Körper führen können. Und nicht nur das: auch auf die Psyche, das Hungergefühl und den Energiehaushalt haben diese Botenstoffe negative Auswirkungen. Menschen, bei denen das Übergewicht noch nicht durch Folgeerkrankungen begleitet ist, haben deutlich kleinere Fettzellen und nicht so viele Entzündungszellen im Fettgewebe.

Im Fokus der Leipziger Forschung steht neuerdings sogenanntes braunes Fett. Das haben vor allem Neugeborene, es nimmt aber üblicherweise beim Älterwerden ab. Die Aufgabe des braunen Fettgewebes ist die Verbrennung von Energie aus dem gespeicherten Fett etwa zur Erzeugung von Wärme. Erwachsene haben mehr weißes Fett, das hauptsächlich als Energiespeicher wirkt. Das braune Fettgewebe gilt als das "gesündere Fettgewebe".

Die Leipziger Forscher sind überzeugt, dass man den Anteil des braunen Fettgewebes durch seinen Lebensstil beeinflussen kann. Gerade körperliche Aktivität fördere die Bildung des braunen, energieverbrauchenden Fettgewebes - zum Teil auch aus weißem Depot-Fett.

Auf die Fitness kommt es an!

Etwa vier von fünf Patienten werden durch ihr Übergewicht krank. Aber einer von fünfen bleibt trotz Übergewicht gesund. Ob Übergewicht Folgen hat oder nicht, hängt maßgeblich von der Fitness ab. Und die wird vor allem durch sportliche Aktivität gesteigert - auch bei Übergewicht. Und genau diese Fitness mindert dann die Entstehung von Krankheiten. Dick und trotzdem fit - das ist möglich!

Film von Erika Brettschneider
Infotext: Dr. Katrin Krieft

Interviewpartner im Film

  • Prof. Dr. Tobias Pischon | Max-Delbrück-Centrum Berlin

  • Prof. Dr. Achim Peters | Universität zu Lübeck

  • Prof. Dr. Knut Mai | Charité - Endokrinologie

  • Prof. Dr. Joachim Spranger | Charité - Endokrinologie

  • Dr. Ricardo Zorron | Charité - Zentrum für Innovative Chirurgie

  • PD Dr. Christian Denecke | Charité - Zentrum für Adipositas

  • Dr. Uwe Primessnig | Universitätsklinikum Leipzig

  • Tina Stavemann | Aquamondo