Frau formt ein herz mit ihren Händen (Quelle: imago/Westend61)
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rbb Praxis Feature - Frauenherzen schlagen anders - mit lebensgefährlichen Folgen?

Frauen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von Männern und auch ihre Herzen sind alles andere als gleich: Frauenherzen sind im Schnitt kleiner und schlagen schneller. Die Symptome eines Herzinfarktes können bei Frauen ganz anders sein und manche Herzmedikamente führen zu stärkeren Nebenwirkungen. Die Missachtung dieser Unterschiede kann lebensgefährliche Folgen haben.  

Tödliches Klischee
Ein älterer Mann mit heftigen Schmerzen in der Brust und im linken Arm – das ist für viele noch immer der typische Herzinfarktpatient. Und auch viele Frauen selbst denken nicht daran, dass sie einen Herzinfarkt haben könnten. Denn häufig sind die Symptome des Infarkts bei Frauen eher untypisch. So haben sie häufiger Schmerzen im Rücken oder im Schulterblatt als Männer. Auch klagen sie doppelt so häufig über Übelkeit und Erbrechen. Die Folge: Frauen haben ein um ein Drittel höheres Risiko, den Infarkt nicht zu überleben als Männer. Denn oft verstreicht wertvolle Zeit, bevor sie eine adäquate medizinische Versorgung bekommen. Bei Männern vergingen in einer Studie im Durchschnitt 76 Minuten vom Auftreten der Symptome bis zur Einlieferung ins Krankenhaus, bei Frauen 90 Minuten. Doch gerade beim Herzinfarkt zählt jede Minute.

Kleine und große Unterschiede

Aufbau und Arbeitsweise des Herzens sind bei Männern und Frauen gleich. Doch Frauen haben ein deutlich kleineres Herz und pumpen daher pro Herzschlag weniger Blut durch den Körper. Das gleichen sie aus, indem ihr Herz schneller schlägt. So liegt der Ruhepuls bei Männern im Durchschnitt bei etwa 60 Schlägen pro Minute, bei Frauen sind es 70 Schläge.

Frauen sind mit durchschnittlich über 70 deutlich älter als Männer, wenn sie einen Herzinfarkt erleiden. Denn das weibliche Geschlechtshormon Östrogen vermindert die Gefahr, dass sich eine Gefäßverkalkung ausbildet. Allerdings lässt dieser Schutz mit den Wechseljahren nach.

Doch es gibt nicht nur hormonelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wissenschaftler haben entdeckt, dass auch die Zellen selbst ein "Geschlecht" haben und unterschiedlich auf Umwelteinflüsse reagieren. Dazu haben sie Gefäßzellen aus den Nabelschnüren von zweieiigen Zwillingen unterschiedlichen Geschlechts untersucht. Durch die exakt gleichen hormonellen Bedingungen im Mutterleib, zeigen die Gefäßzellen ihre ganz ursprünglichen Geschlechtsunterschiede. Zum Beispiel in punkto "Reparaturmechanismen" bei Durchblutungsstörungen. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass die weiblichen Zellen sich besser organisieren und schneller neue Gefäßstrukturen bilden, als die männlichen. Das könnte dazu führen, dass auch Reparaturmechanismen bei Frauenherzen schneller und besser ablaufen als bei Männern.

Durchblutungsstörungen am Herzen sind mittlerweile auch bei Frauen die Haupttodesursache. Das war nicht immer so. Einer der Gründe für den Anstieg bei den Frauen: Die Zunahme und der frühere Beginn des Zigarettenrauchens in der weiblichen Bevölkerung.

Doch nicht nur die klassischen Risikofaktoren wie Nikotin, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck gefährden das Herz. Auch Stress ist ungünstig und geht Frauen oft mehr zu Herzen als Männern.

Herzerkrankungen bei Frauen

Psychische Belastungen können besonders bei Frauen zu Symptomen führen, die einem Herzinfarkt ähneln: Brustenge, Schmerzen, Todesangst. Noch ist der genaue Mechanismus bei diesem so genannten "Broken Heart Syndrome" (Syndrom des gebrochenen Herzens) nicht bekannt, jedoch ist klar: "Broken Heart Syndrome" erleiden zu 90 Prozent Frauen. Wissenschaftler vermuten, dass eine extreme psychische Belastung das vegetative Nervensystem in Alarm versetzt. Durch die massive Ausschüttung von Stresshormonen wird die Herzwand überreizt und der Herzmuskel und die Gefäße, die ihn mit Blut versorgen, verkrampfen.

Ein weiteres Phänomen, das gehäuft bei Frauen auftritt ist die "mikrovaskuläre Dysfunktion": etwa 70 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Diese spezielle Form der Durchblutungsstörung ist erst seit wenigen Jahren überhaupt im Fokus der Mediziner. Dabei sind nicht die großen Herzkranzgefäße betroffen, sondern die kleinen Arterien, die netzförmig das Herz umgeben. Diese Gefäße haben einen Durchmesser von weniger als einem halben Millimeter. Sind sie eng gestellt, kann das die gleichen Beschwerden hervorrufen wie bei einem Herzinfarkt. Eine herkömmliche Herzkatheteruntersuchung oder ein Belastungs-EKG bleiben jedoch ohne eindeutigen Befund. Gerade nach den Wechseljahren haben Frauen mit Infarktsymptomen häufig eine solche Engstellung in den mikroskopisch kleinen Gefäßen.

Auch die diastolische Kardiomyopathie kommt bei Frauen häufiger vor und wird bei ihnen häufiger übersehen. Bei Männern ist die Ursache einer Kardiomyopathie, einer Herzschwäche, meist ein Herzinfarkt, der das Herz schwächer pumpen lässt.

Bei der frauenspezifischen, diastolischen Herzschwäche, ist die Durchblutung nicht vermindert und das Herz pumpt normal. Das Problem hier: als Folge des hohen Blutdrucks versteift die Muskulatur der linken Herzkammer und ist immer weniger elastisch. Dadurch passt weniger Blut in die Herzkammer. Die Folge: Das Blut staut sich zurück bis in die Lungenvenen. Schließlich sammelt sich Wasser in der Lunge, das führt letztlich zur Luftnot. Ursache ist oft eine langanhaltende Druckbelastung etwa durch Bluthochdruck, die dazu führt, dass mehr Bindegewebe in den Herzmuskel eingelagert wird.

Unabhängig von dieser Sonderform der Herzschwäche werden Untersuchungen zufolge Frauen mit Herzschwäche auch insgesamt weniger intensiv und effektiv behandelt als Männer. Eine aktuelle Studie legt nun nahe, dass man diese Schieflage zum Teil mit einer telemedizinischen Überwachung ausgleichen kann. Denn anscheinend sind auch und zum Teil gerade Frauen für eine solche "Telemedizinische Versorgung" zu gewinnen. Telemedizin hat sich bewährt, wenn ein Facharzt weit weg und die engmaschige Versorgung der Patienten gefährdet ist. Im Rahmen dieser telemedizinischen Versorgung werden Werte (wie Gewicht oder Blutdruck) von den Patienten über spezielle Kommunikationshilfen übermittelt. Steigt beispielsweise das Gewicht an, kann das ein Hinweis auf Wassereinlagerungen sein. Und damit ein Zeichen dafür, dass die Herzschwäche zugenommen hat.

Im Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité hat man die Effekte einer solchen Überwachung in einer fünfjährigen Studie untersucht: Bundesweit hat man dazu über 1500 Herzschwäche-Patienten rund um die Uhr beobachtet. Verschlechterte sich der Zustand eines Patienten, wurde sofort gehandelt. Das Ergebnis: Telemedizinpatienten verbrachten weniger Tage aufgrund von Herzerkrankungen im Krankenhaus und lebten länger. Von 100 Patienten mit Herzschwäche verstarben innerhalb eines Jahres unter telemedizinischer Betreuung acht, ohne diese Kontrolle waren es 11 Patienten. Und die Studie ergab auch, dass von der Überwachung insbesondere Frauen profitieren.

Diagnose

So unterschiedlich die Erkrankungen am Herzen von Frauen sind, so unterschiedlich kann auch die Diagnostik sein. So sind etwa die Herzkranzgefäße von Frauen dünner und geschlängelter als die von Männern. Daher gibt es extra feine Katheter, die über eine Arterie an Arm oder Bein bis zum Herzen geführt werden, um die Gefäße gut darzustellen. Zusätzlich können Ärzte heutzutage die Gefäße auch mit Infrarotlicht untersuchen. Die optische Kohärenz-Tomographie (OCT) ermöglicht den Ärzten, die Herzkranzgefäße beinah mikroskopisch genau darzustellen und so Veränderungen oder Risse auf der Innenseite der winzigen Gefäße und selbst kleinste Ablagerungen zu orten.

Das ist besonders bei Frauenherzen vorteilhaft. Denn bei Frauen lösen sich Ablagerungen in den Gefäßen meist langsamer als bei Männern. Sie verschließen das Gefäß nicht sofort. Ob also ein Gefäßverschluss droht und damit ein Herzinfarkt, können die Kardiologen mit der Infrarot-Methode genau beurteilen.

Anders bei der mikrovaskulären Dysfunktion. Denn dort sind nicht Ablagerungen in den Gefäßen die Ursache der Beschwerden, sondern eine zu starke Engstellung der Gefäße. Hier hilft bei der Diagnostik der so genannte Acetylcholin-Provokationstest. Dabei wird das Acetylcholin in steigender Dosierung gespritzt und die Herzkranzgefäße mit Kontrastmittel dargestellt. Normalerweise weiten sich die Herzkranzgefäße auf, wenn Acetylcholin ins Spiel kommt. Kranke Gefäße dagegen ziehen sich zusammen und unterbrechen so den Blutfluss. In Studien war dieser Test bei 70 Prozent der Frauen, aber nur 43 Prozent der Männer mit Brustschmerzen und normaler Herzkatheteruntersuchung auffällig.

Therapie von Herzerkrankungen

Frauen mit Herzerkrankungen sind ebenso wie Männer auf Medikamente angewiesen. Allerdings basieren die Therapie-Empfehlungen für Herzmedikamente auf Studien, die eher mit Männern durchgeführt wurden. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bleiben dabei meist unberücksichtigt. Dabei werden die Inhaltsstoffe im weiblichen Körper anders verarbeitet als im männlichen: Frauen haben einen höheren Körperfettanteil und bestimmte Enzyme, die Medikamentenwirkstoffe abbauen, wirken bei ihnen schwächer.

Diese Unterschiede zeigen sich schon bei der Acetylsalicylsäure ASS, die die Durchblutung fördern und so vor einem erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall schützen soll. Das Interessante. Männer schützt der Wirkstoff eher vor einem erneuten Infarkt, Frauen eher vor einem Schlaganfall.
Doch bei anderen Medikamenten ist besondere Vorsicht geboten: So können Präparate gegen Herzrhythmusstörungen bei Frauen einen paradoxen Effekt haben und zu Rhythmusstörungen führen, statt sie zu vermeiden. Und eine Reihe von Wirkstoffen gegen Bluthochdruck haben bei Frauen stärkere Nebenwirkungen als bei Männern. Und Digoxin, beispielsweise, lange Jahre ein Standardmedikament gegen Herzschwäche, führt Untersuchungen zufolge bei Frauen zu einer Erhöhung der Sterblichkeit. Deshalb sollte Digoxin bei Frauen nicht mehr eingesetzt werden.

Um solche Zusammenhänge aufzuklären, ist es nötig, dass mehr Frauen in die Studien einbezogen werden, die die Wirksamkeit bestimmter Medikamente untersuchen. Daher fordern Wissenschaftler, dass der Anteil von Frauen in den Studien auch dem wirklichen Anteil von Frauen entsprechen sollten, die von der Erkrankung betroffen sind.

Rehabilitation

Auch in der Nachsorge nach einem Herzinfarkt zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So nehmen Frauen Rehabilitations-Maßnahmen - etwa nach einem Herzinfarkt - weniger oft in Anspruch als Männer. Nur rund 30 Prozent nutzen die Chance einer solchen Nachsorge. Manche beginnen, brechen aber dann die Rehabilitation ab, weil sie sich in den meist männerdominierten Gruppen nicht wohlfühlen. Eine spezielle kardiologische Frauenrehabilitation bietet die Klinik Höhenried am Starnberger See an. Sie ist die einzige Reha-Klinik deutschlandweit, die schon vor etwa fünfzehn Jahren damit begonnen hat, spezielle Gruppen für Frauen einzurichten. Mittlerweile haben über 2000 Frauen dieses Programm durchlaufen, das auch wissenschaftlich begleitet wurde.

Mediziner, Angehörige und Patientinnen können einiges tun, damit diese kleinen Unterschiede zwischen Frau und Mann keine lebensgefährlichen Folgen haben. Erste Anzeichen für ein Umdenken deuten sich an: Herzerkrankungen sind längst nicht mehr nur Männersache. Das zeigt sich auch inzwischen in der Mediziner-Ausbildung bei den Studierenden. Und wenn alle dafür sensibilisiert sind, werden Frauen in Zukunft immer bessere Chancen haben, Herzerkrankungen zu überleben.

Film von Ursula Stamm
Infotext: Dr. Katrin Krieft

Interviewpartner

  • Prof. Dr. Verena Stangl / Charité Berlin

  • Prof. Dr. Friedrich Köhler / Dr. Kerstin Köhler, Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin

  • Dr. Bernd A. Leidel / Charité Berlin

  • Prof. Dr. Ulf Landmesser / PD Dr. David M. Leistner / Dr. Julia Steiner - Charité

  • PD Dr. Martin Stockburger, Havelland Kliniken

  • Dr. Christa Bongarth, Klinik Höhenried

  • Dr. Annette Loewe / Jana Berkholz, Herzhaus Berlin

  • Dr. Steffen Mark Sonntag, Ärztehaus Schöneweide

  • Claudia Wolf, Verein für Körperkultur