Eine nackte Frau tastet ihre Beine ab (Quelle: Colourbox)
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rbb Praxis Feature - Gesunde Gefäße - gesunde Beine, Therapien im Check

Schöne Beine wünscht sich jeder, aber noch wichtiger sind gesunde Beine. Die Reporter der "rbb Praxis", Britta Elm und Justus Kliss, begleiten vier Patienten aus der Region monatelang auf ihrem Weg zu schmerzfreien und gesunden Beinen.

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Krampfadern sind ein Volksleiden. Jeder zweite Deutsche ist im Verlauf seines Lebens mindestens einmal davon betroffen. Frauen leiden drei- bis viermal häufiger unter schwächelnden Venen, denn ihr Bindegewebe macht schneller schlapp. Je nach Studie schwanken die Zahlen für Menschen mit einer dauerhaften Venenschwäche hierzulande zwischen fünf und 20 Millionen.

Anzeichen für ein Venenleiden sind geschwollene Füße und bleischwere Beine; Besenreiser können ein erstes Indiz für spätere Krampfadern sein. Seinen Namen hat das Phänomen vom "Besenreisig", weil die Gefäßknäuel an einen Kehrbesen aus dünnen Zweigen erinnern. Abhilfe bieten Gefäßspezialisten oder Phlebologen: Sie entfernen die unschönen sichtbaren Äderchen per Laser oder Mikroverödung. Die Behandlung garantiert jedoch nicht, dass die Besenreiser dauerhaft verschwinden. Treten sie erneut auf, könnte das ein Indiz sein für eine bereits vorhandene, ernsthafte Schädigung des tiefen Venengeflechts.

Wofür sind die Venen da?

Die Gefäße transportieren das Blut aus allen Winkeln des Körpers zurück zum Herzen. Besonders weit ist die Strecke von Beinen und Füßen: Rund anderthalb Meter aufwärts muss das Blut bis zum Herzen überwinden – und das Tag für Tag, ein Leben lang. Um diese Wegstrecke zu vereinfachen, schließen sich hinter jeder Portion Blut die schaufelförmigen Klappen der Venen. So verhindern sie, dass das Blut durch die Schwerkraft in die Beine zurückfließt. Zusätzlich zur Sogwirkung des Herzens unterstützen die Beinmuskeln die Arbeit der Venen: Als Muskelpumpe pressen sie die Gefäße zusammen und quetschen sie regelrecht aus.

Wie entsteht ein Venenleiden?

Wenn sich jemand zu wenig bewegt, lange sitzt oder steht, wenn große Hitze herrscht oder man eine angeborene Bindegewebsschwäche hat, erschöpft sich die Muskelpumpe und kann die Venen nicht länger unterstützen. Auch hormonelle Einflüsse spielen eine wichtige Rolle. Bindegewebe beispielweise wird unter dem Einfluss des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen weicher. Zu viel Gewicht, Schwangerschaften und Geburten drücken auf den Bauch. Der Druck setzt sich bis in die Beinvenen fort und presst das Blut nach unten. Die Gefäßwände geben leichter nach, das Blut staut sich in den Venen und beschädigt die zarten Klappen, die nicht mehr richtig schließen. Immer mehr Blut versackt in den Beinen, überdehnt die Gefäße – und sucht sich seinen Weg entlang der oberflächlichen Venen. Es entstehen Krampfadern. Der Begriff leitet sich übrigens ab vom mitteldeutschen "Krummader", weil sich die vergrößerten Gefäße unter der Haut auffällig entlangschlängeln.

Welche Folgen haben Krampfadern?

Wer unter schmerzenden, müden, unruhigen Beinen leidet, bei dem staut sich mit großer Wahrscheinlichkeit bereits das Blut in den Extremitäten. Der dadurch entstehende Druck presst Flüssigkeit ins umliegende Gewebe. Außer Flüssigkeit lagern sich auch Eiweiße und Blutpigmente ab. Die Blutfarbstoffe zerfallen und verfärben die Haut bräunlich. Mit zunehmender Dauer verhärten die Haut und das darunter liegende Gewebe.

Weil Beine und Füße nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt sind, fehlen Sauerstoff und Nährstoffe. Die Haut wird zunehmend dünner; es bilden sich weißliche, narbenähnliche Flecken. Hautinfektionen, Ekzeme und Nagelpilz können entstehen.

Das so genannte offene Bein ist die schwerste Form des chronischen Venenleidens: Infolge des dauerhaften Sauerstoffmangels stirbt das Gewebe regelrecht ab. Die dabei entstehenden Geschwüre sind anfangs klein, können sich aber rasch über den gesamten Unterschenkel ausdehnen und sind schwer zu behandeln. Die offenen, meist nässenden Wunden heilen über lange Zeit nicht ab. Eine weitere Komplikation sind Blutgerinnsel, welche die Venen verstopfen. Reißen die Thromben sich dann in Richtung Herz los, droht eine – möglicherweise tödliche – Lungenembolie. Rund 30 000 Deutsche sterben jährlich daran.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Die Wahl der Therapie hängt davon ab, wie viele Gefäße betroffen sind und wie intensiv die Beschwerden der Patienten sind. Folgende Möglichkeiten stehen zur Krampfader-Therapie zur Verfügung:
• konservative Maßnahmen
• operative Verfahren (Stripping)
• Sklerosierungstherapie ("Verödung")
• endoluminale Verfahren (Laser- und Radiowellen-Therapie)

Als Goldstandard bei den invasiven Verfahren gilt das seit hundert Jahren bekannte Venenstripping. Dafür bindet der Arzt die Zuflüsse zur erschlafften Vene ab und entfernt sie über mehrere Minischnitte. Bei der Laserbehandlung legt der Arzt unter Ultraschallkontrolle eine Glasfaser in die zu behandelnde Vene ein, die durch Laserlicht erwärmt wird. Folge: Die Venenwände verkleben. Auch die Radiowellentherapie verklebt mit Wärme die Venen von innen. Für die Sklerosierung oder Verödung wird ein reizender Wirkstoff, etwa die Alkohollösung Aethoxysklerol, als Flüssigkeit oder Schaum in das erweiterte Gefäß injiziert. Das Mittel schädigt die Gefäßwand, der Körper verschließt das Gefäß und baut es nach einer Weile ab.

Konservative Möglichkeiten

Sie erleichtern und verbessern die Zirkulation des Blutes; Krampfadern beseitigen lassen sich dadurch nicht. Betroffene sollten sich regelmäßig bewegen und gelegentlich die Beine hoch legen. Nützliche konservative Maßnahmen sind:
• Stütz- und Kompressionsstrümpfe
• Kompressionsverbände
• Lymphdrainage und andere entstauende, manuelle Behandlungen
• Balneotherapie (Bädertherapie)
• Venengymnastik

OP: Goldstandard Venenstripping

Therapie der Wahl gegen Krampfadern ist seit mehr als 100 Jahren das operative Venenstripping. Der Eingriff wird ambulant oder stationär vorgenommen und erfolgt in örtlicher Narkose oder Vollnarkose. Der Gefäßspezialist setzt zunächst zahlreiche kleine Schnitte entlang des Beines. Im Anschluss unterbindet er alle zuführenden Venen, die er vor dem Eingriff mittels Ultraschall angezeichnet hat. Dann zieht er die krankhafte Stammvene mit Hilfe einer Spezialsonde aus dem Bein heraus. Danach folgen gegebenenfalls die Seitenäste.

Die Operation dauert je nach Ausmaß der Krampfadern eine bis zwei Stunden. Nach der OP können sich blaue Flecken bilden. Die Patienten müssen nach dem Eingriff für vier bis sechs Wochen Kompressionsstrümpfe tragen. Zu den Komplikationen zählen Verletzungen von Blut- und Lymphgefäßen sowie Nerven. Das Stripping aus gesundheitlichen Gründen bezahlen alle Krankenkassen. Der Vorteil des Verfahrens besteht darin, dass damit ganz gezielt kranke Venen entfernt werden; gesundes Gewebe wird geschont.

Endoluminale Verfahren: Lasern

Eine weitere Methode ist das Lasern. Auch dieser Eingriff kann ambulant ausgeführt werden. Für die Laserbehandlung macht der Arzt an der Knöchelinnenseite oder in der Kniekehle einen kleinen Schnitt. Darüber legt der Arzt unter Ultraschallkontrolle eine Glasfaser in die zu behandelnde Vene ein. Sie erwärmt sich durch Laserlicht, so dass die Innenwände der krankhaften Gefäße verkleben.
In den ersten Wochen nach dem Eingriff müssen die Patienten Stützstrümpfe tragen. Der Körper baut die zerstörten Krampfadern innerhalb weniger Monate ab. Auch das Lasern wird inzwischen von den meisten Krankenkassen bezahlt.

Methodenvergleich

Eine Studie aus dem Jahr 2014, die im angesehenen amerikanischen Ärzteblatt veröffentlicht wurde, hat die drei invasiven Verfahren verglichen – und fand gewaltige Unterschiede. Die Verödung verschloss Gefäße mit 43 Prozent nur halb so oft wie die anderen beiden Verfahren und zog häufiger Nachbehandlungen nach sich. Bei sieben Prozent der Patienten traten Komplikationen auf wie Gefäßentzündungen, eine verstärkte Pigmentierung oder allergische Reaktionen. Auch beim Stripping war die Komplikationsrate mit sechs Prozent im Vergleich zur Lasertherapie erhöht. Die Studie habe gezeigt, so das Fazit von Julie Brittenden, Gefäßchirurgin an der schottischen Universität Aberdeen und Erstautorin der Studie, dass die Laserbehandlung die zu bevorzugende Methode ist.