Frau steht mit geschlossenen Augen am Spiegel (Quelle: Colourbox)
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rbb Praxis Feature - Wenn Angst den Alltag bestimmt - Welche Therapien helfen?

Angst gehört zum Leben - als wichtiges Signal, das uns vor Gefahren warnt. Und: Angst ist eines der zentralen Gefühle des Menschen. Bei rund 15 Prozent der Deutschen entgleist die natürliche Angstreaktion und wird krankhaft. Dann schränken Ängste den Alltag der Betroffenen erheblich ein. Welche Ursachen haben Angststörungen und wie kann man sie am besten behandeln? Die gute Nachricht: Heilung ist möglich.

Angsterkrankungen zählen neben der Depression zu den häufigsten psychischen Störungen. Betroffen ist jeder fünfte Deutsche, das sind insgesamt rund 15 Millionen Menschen. Jeder siebte muss behandelt werden. Tückisch ist, dass die Gefühle oft nicht mehr weggehen, sondern sich mitunter weitere psychische Beschwerden hinzugesellen.

Menschen entwickeln krankhafte Angst vor den unterschiedlichsten Dingen und Situationen. Geschlossene Räume. Luftige Höhen. Spinnen. Spritzen. Menschen. Die Ursachen von Angststörungen liegen in unserer Vergangenheit. Zu Zeiten von Säbelzahntigern und kämpferischen Völkern war Angst lebensrettend. Die Angst vor öffentlichen Plätzen steht zum Beispiel für die Urfurcht, leicht angreifbar zu sein; die Panik in geschlossenen Räumen geht auf die Angst vor Dunkelheit in Höhlen zurück. Die Vorsichtigen überlebten, während die Furchtlosen ausstarben. Wen wundert es da, dass erfolgreiche Menschen überdurchschnittlich oft ängstliche Menschen sind.

Angst ist demnach eine wichtige Emotion, die lebensrettend sein kann. In kritischen Situationen werden verschiedene Regionen im Gehirn aktiv, um uns vor Gefahren zu schützen. Die Information gelangt unter anderem zur Amygdala, auch Mandelkern genannt. Sie steuert Gefühle wie Wut, Liebe und eben auch Angst. Weil Angst Gefahr bedeutet, beginnen die Nervenzellen zu feuern. Der Körper wird mit Stresshormonen überflutet. Puls, Blutdruck und Atemfrequenz steigen und sorgen dafür, dass die Muskulatur besser durchblutet wird. Der Körper ist bereit für Kampf oder Flucht.

Heutzutage ist das kaum noch nötig. Verstand und das Gedächtnis übernehmen und bewerten die Situation. Meist fällt die Entscheidung: Diese Situation ist harmlos. Der Verstand gibt Entwarnung, die Amygdala beruhigt sich - die Angst verschwindet. Normalerweise. Bei manchen Menschen funktioniert diese Angstbremse nicht.

Gründe für Angststörungen

Bei Gesunden wirkt Angst wie das Schmieröl für den Motor. Sie spornt zu Höchstleistungen an und stimuliert das Nervensystem. Tritt Angst aber unabhängig von einer bestimmen Situation auf oder verlagert sie sich auf andere Bereiche, wird es allerdings kritisch. Doch warum neigen Menschen überhaupt zu übertriebenen Ängsten?

• Zum einen wird die Neigung zu Ängsten vererbt. Wenn enge Familienangehörige zu Ängsten neigen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, selbst angstkrank zu werden. Dafür ist vermutlich kein einzelnes Gen verantwortlich, sondern das Zusammenspiel verschiedener Erbfaktoren. Experten zufolge sind 30 bis 50 Prozent aller Angststörungen vererbt.

• Genau wie bei Depressionen gibt es auch bei Angstörungen ein Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn. Dazu gehören Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Deshalb lassen sich Angststörungen mit Medikamenten behandeln, die dieses Ungleichgewicht harmonisieren.

• Ein dritter, nicht zu unterschätzender Grund sind psychische Auslöser. Traumatische Kindheitserlebnisse zählen genau wie langanhaltende und stressreiche Belastungen zu den Risikofaktoren für die Entwicklung einer Angststörung.

Die wichtigsten Formen von Angststörungen:

• Panikstörung: Angstattacken kommen aus dem Nichts und sind unvorhersehbar. Es gibt keine eindeutigen Auslöser
• Spezifische Phobien: Sie beziehen sich auf Plätze, Höhe, Gewitter, Dunkelheit, Tiere o.ä.
• Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Die Ängste werden durch einschneidende Erlebnisse ausgelöst, die mit oder ohne Personenschäden einhergehen können
• Generalisierte Angststörung: Sie ist immer und überall da
• Soziale Angststörung: Betroffene fürchten ihre Mitmenschen und deren Kritik und Bewertung

Ohne Behandlung verselbständigt sich eine Angststörung. Betroffene meiden die angstauslösenden Situationen, ziehen sich zurück. Sie haben Ein- und Durchschlafstörungen, erleben Probleme in Familie und Partnerschaft sowie im Berufsleben.

Panikstörung

Die Panikstörung ist eine von fünf verschiedenen Angststörungen. Frauen erkranken zweimal häufiger daran als Männer. Schätzungsweise zwei bis drei Prozent der Bevölkerung - das sind drei bis vier Millionen – leiden an dieser speziellen Form der Angststörung. Meist erkranken die Patienten, wenn sie zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. Mit Mitte 30 ist die Ausprägung am stärksten; nach dem 45. Lebensjahr verlieren sich die Symptome oft. Mal dauert eine Attacke wenige Minuten an, mal eine halbe Stunde. Der eine leidet einmal im Monat, die andere mehrmals pro Woche.

Die Angstattacken überfallen die Menschen ohne Vorwarnung: In der U-Bahn, im Kino, vor Prüfungen, im Fahrstuhl, im Flugzeug bekommen sie Panik. Völlig unvermutet steigt der Stresspegel. Das Herz rast, der Blutdruck geht in die Höhe, Schweiß tritt aus, sie erleben stärkste Schwindelgefühle, können nicht mehr atmen. Die Angsterregung steigt noch weiter an, bis hin zum Gefühl zu sterben.

Mit dem Körper ist dabei alles in Ordnung, er reagiert völlig normal und adäquat auf das Gefühl. Nur nicht angemessen auf die jeweilige Situation. Die richtige Diagnose lässt meist auf sich warten. Mit ihren beängstigenden Beschwerden gehen die Betroffenen in die Notfallambulanz der Akutkrankenhäuser, weil sie denken, sie haben einen Herzinfarkt. In der Regel wird ein EKG gemacht und häufig auch gesagt, dass sie körperlich gesund sind. Allerdings wird dann häufig verpasst darauf hinzuweisen, dass eine Angststörung vorliegen könnte. So landen sie immer wieder in der Notfallaufnahme - und manchmal wird erst kurz vor einem Herzkatheter-Eingriff deutlich: Es ist eine Panikstörung.

Diese Anzeichen sind typisch

Menschen in einer Panikattacke können kaum atmen, fühlen einen schweren Stein auf der Brust, der Körper kribbelt erst, dann fühlt er sich taub und völlig starr an. Sie haben das Gefühl, die Kontrolle über sich komplett zu verlieren.

Häufige Symptome:
• Atemnot
• Benommenheit
• Gefühl der Unsicherheit, Gefühl in Ohnmacht zu fallen, weiche Knie, Schwindel
• Herzklopfen oder unregelmäßiger Herzschlag
• Zittern oder Beben
• Schwitzen
• Erstickungsgefühle, Engegefühl im Hals
• Übelkeit, Bauchbeschwerden
• Entfremdungsgefühle (Gefühle der Unwirklichkeit, Gefühle, nicht da zu sein)
• Hitzewallungen oder Kälteschauer
• Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust
• Furcht, zu sterben
• Angst, die Kontrolle zu verlieren
• Angst, wahnsinnig zu werden
• Taubheits- oder Kribbelgefühl

Doch wie lässt sich die Kontrolle über Gedanken und Alltag in diesem Fall zurückgewinnen? Dafür hilft es zum einen, wenn die Betroffenen die Zusammenhänge verstehen. Panikattacken entstehen durch die falsche gedankliche Bewertung einer meist harmlosen Situation. Die Angst löst die typischen körperlichen Reaktionen aus. Die Fehlinterpretation bestätigt sich so scheinbar. Der Teufelskreis der Angst wiederholt sich immer wieder. Wer früh genug zum richtigen Arzt geht, hat gute Behandlungsaussichten. Vielen Betroffenen fällt es allerdings schwer wahrzuhaben, dass die Panikstörung etwas Psychisches ist und nichts Organisches, sie wollen eine psychische Erkrankung zunächst nicht wahrhaben.

Panikattacke mit Agoraphobie

In zwei Drittel der Fälle sind Panikattacken mit einer sogenannten Agoraphobie verbunden: Die Panikattacke überfällt die Betroffenen in Situationen, in denen es schwierig ist, ärztliche Hilfe zu bekommen:

• In Menschenmengen,
• Auf öffentlichen Plätzen,
• Bei Reisen über weite Entfernungen,
• Wenn sie alleine verreisen,
• Wenn sie in einer Schlange stehen,
• Wenn sie Fahrstuhl, Bus oder Auto fahren,
• Wenn sie im Flugzeug fliegen.

Diese Form der speziellen Phobie gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Fünf von 100 Menschen leiden mindestens einmal im Leben an dieser Angststörung. In Deutschland sind etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen.

Spezifische Phobien

Bei den spezifischen Phobien fürchten sich Menschen vor Dingen oder Situationen, die eigentlich ungefährlich oder harmlos sind. Dazu gehört neben der Agoraphobie die Furcht vor Tieren (Hunde, Katzen, Mäuse), Insekten, die Höhenphobie sowie die Blut- und Verletzungsphobien wie die Angst vor Spritzen. Allein der Gedanke an die angsteinflößende Situation verursacht Gefühle, die von leichtem Unbehagen bis hin zur panischen Angst reichen. Frauen sind häufiger von spezifischen Phobien betroffen: 75 bis 90 Prozent der Patienten mit Tierphobien und 55 bis 70 Prozent der Patienten mit Phobien vor Blut oder Verletzungen sind weiblich. Oft wissen die Betroffenen, dass sie übertrieben reagieren und schämen sich dafür.

Therapie von Panikattacken und spezifischen Phobien

Ohne Therapie gibt es für Angststörungen keine adäquate Heilung. Die psychiatrischen Leitlinien der Fachgesellschaften geben die Behandlungsschritte vor.

Dazu gehören unter anderem:

• kognitive Verhaltenstherapie,
• Sport und Entspannung sowie
• spezifische Medikamente.

Wichtigster Baustein: die kognitive Verhaltenstherapie. Denn das Gehirn kann umlernen. Dazu müssen sich Betroffene ihrer Angst stellen, statt sie zu vermeiden. Unter dem Schutz des Therapeuten stellen sie sich den Situationen, die sie ängstigen: zunächst in der Vorstellung, dann vielleicht mit Hilfe eines Films oder einer 3D-Brille. Und zum Schluss wagen sie sich ins echte Leben: Sozialphobiker begeben sich in ein volles Kaufhaus, Menschen mit Höhenangst besteigen den Rathaus- oder Aussichtsturm.

Angst verlernen bedeutet, die beängstigende Situation so oft zu durchleben, bis eine neue Sicherheit entsteht. Infolge der sogenannten Konfrontationstherapie setzt ein Prozess ein, bei dem sich Körper und Psyche an diesen Moment gewöhnen. Die Betroffenen erleben, dass die erwartete Katastrophe nicht eintritt. Der Körper bekommt die Sicherheit, es passiert schon nix. Die Konfrontationstherapie wirkt wie eine Art Impfung.

Doch das ist nur ein Teil der Therapie. Bei vielen Patienten ist der hohe Anspruch an ihre Leistungen - privat und beruflich - Teil ihres Problems. In der Therapie lernen sie, ihren Perfektionismus anzugehen. Das hilft auch, Alltagssituationen wieder realistisch einzuschätzen.

Zusätzlich ist es wichtig, dass Betroffene mit Entspannungstraining ihren Spannungspegel herunterbringen. Auch Sport wird empfohlen, am besten dreimal in der Woche Ausdauersport.

Zudem helfen Medikamente. Serotonin ist ein Botenstoff, der für Wohlbefinden sorgt. Sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) erhöhen die Konzentration von Serotonin im Gehirn zwischen den Zellen und sind damit auch wirksam bei Panikattacken. Selten müssen die Medikamente länger als ein dreiviertel Jahr genommen werden.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine Erkrankung, die Jahrzehnte nicht richtig zugeordnet werden konnte. Offiziell gibt es sie erst seit 1980, als Folge des Vietnamkrieges. An sich existiert die Krankheit aber schon immer: in der Antike, im ersten Weltkrieg. Damals hieß das dann Kriegszittern oder Bombshell-Disease - und man wertete es nicht als Krankheit. Heute weiß man: Terroranschläge oder gewalttätige Überfälle hinterlassen tiefe seelische Wunden, ebenso wie Kriegserlebnisse. Das Erlebte bestimmt den Alltag der Betroffenen. Die furchtbaren Erinnerungen kommen immer wieder unkontrolliert hoch.

Mittlerweile verstehen Wissenschaftler auch besser, wie eine PTBS entsteht. In der Amygdala - zuständig für Wut, Liebe und Angst - werden Fakten emotional bewertet und geordnet. Der Hippocampus legt das Erlebte dann als Erinnerung im Langzeitgedächtnis ab. Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung bleiben die schrecklichen Gefühle in der Amygdala hängen. Sie werden immer wieder neu und unkontrolliert erlebt.

Inzwischen gibt es Hilfe für Menschen mit solchen starken Belastungsstörungen. Betroffene haben eine sehr gute Chance, dass die PTBS während ihres Lebens auch ohne Behandlung wieder weggeht. Die Chance steht bei über 90 Prozent. Allerdings kann das dauern: Die Hälfte der Patienten leidet unbehandelt im Schnitt 14 Jahre unter der Erkrankung. Eine spezielle Therapie, bei der sich Patienten - unter therapeutischer Anleitung - wieder und wieder mit dem Erlebten konfrontieren, hilft, diese Zeit zu verkürzen. Dabei werden auch die körperlichen Reaktionen wach-gerufen, die sie in diesem Moment gespürt haben. Doch mit jedem Durchgang wird die Anspannung geringer.

Neben den Therapiesitzungen sollen Betroffene das Erlebte immer wieder aufschreiben. So kann das Gehirn das Geschehen allmählich ins Langzeitgedächtnis überführen. So kann es zu einer im Gedächtnis abgelegten - weit entfernten - Erinnerung werden. Ein weiterer Teil der Therapie: Die Patienten hören sich die Aufnahme ihrer Sitzungen immer wieder an – und bemerken an sich selbst die heilsamen Veränderungen.

Film von Erika Brettschneider
Infotext: Constanze Löffler