Naturmedizin (Quelle: Colourbox)
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rbb Praxis Feature - Wie gut heilt die Naturmedizin

Die Natur hat eine ungeheure Kraft. In vielen Kräutern steckt ein großes Potenzial zur Heilung. Jede Heilpflanze enthält einen eigenen Stoff, der zur Balance im Organismus beitragen kann. Die Naturheilkunde hebt diesen Schatz an altem und neuem Wissen. Immer mehr Ärzte in Praxen und Kliniken nutzen ihn für ihre chronisch kranken Patienten, die z.B. unter Diabetes, Bluthochdruck, Rheuma, Magen-Darm-Störungen oder Schmerzerkrankungen leiden. In Deutschland befürworten drei Viertel aller Menschen naturheilkundliche Verfahren. Können traditionelle Therapien wie Heilfasten, Akupunktur, Schröpfen oder Kneipp ihnen helfen?  

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Der bewusste Verzicht
Jedes Jahr im Frühling beginnt das große Fasten: Gesunde Menschen üben sich in Askese und verzichten bewusst auf Kaffee, Alkohol, Schokolade oder Kohlehydrate. Im Berliner Immanuel Krankenhaus ist Heilfasten ein fester Bestandteil der Therapie für kranke Menschen, also zum Beispiel für Patienten mit Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes Typ 2, Gicht oder Allergien. Die Betroffenen verzichten bewusst für sieben bis zwölf Tage auf feste Nahrung. Stattdessen gibt es morgens ein Glas Apfel- oder Orangensaft, tagsüber mindestens zwei Liter Flüssigkeit wie Wasser oder Kräutertee mit Schafgarbe, Süßholzwurzel oder Kamille. Eine Gemüsebrühe ist der kulinarische Höhepunkt des Tages.

Beim Fasten werden Kalorien drastisch reduziert, die Kost danach langsam mit vollwertigen Lebensmitteln wieder aufgebaut. Mehrere Studien haben gezeigt, dass eine Reduzierung der Kalorien über kurze Zeit in allen Zellen des Körpers einen Erneuerungsprozess in Gang setzt – und so für verschiedene Patientengruppen erfolgreich ist. Durch das Fasten verbessern sich die Blutwerte deutlich, der Blutzucker, die Entzündungsmarker und ein erhöhter Blutdruck sinken, Schmerzen und Entzündungen gehen zurück. Zudem hat Fasten einen modifizierenden Einfluss auf das Immunsystem und kann das Bindegewebe entwässern. Ziel ist, die gesamte Lebenssituation und die Prognose der Patienten deutlich zu verbessern, Medikamente zu reduzieren.

Erfunden hat das medizinische Heilfasten um 1920 der Arzt Otto Buchinger. Er ging davon aus, dass sich im Körper Abfallprodukte ansammeln, die der Organismus entsorgen muss, damit seine Selbstheilungskräfte aktiviert werden können. Man nannte das Entschlacken. Heute weiß man: Der Körper entsorgt alle Abbauprodukte selbst. Schlacke gibt es dem schulmedizinischen Verständnis nach nicht, eine Entgiftung findet permanent im Körper statt. Dennoch lohnt sich für viele Menschen das Heilfasten.
Dabei kommt es zunächst darauf an, die Kalorienzufuhr streng zu begrenzen, die Fastentherapie sollte aber auch mit Bewegung, Stressreduktion und Entspannung verbunden werden. Nur dann bleiben den Patienten die körperlichen und seelischen Erfahrungen mit dem Heilfasten nachhaltig in Erinnerung - und verhelfen ihnen langfristig zu einem gesünderen Lebensstil.

Viele Menschen glauben, Fasten bedeute gar nichts essen. Täglich sollten Patienten aber zwischen 50 und 300 Kilokalorien mit flüssiger Nahrung z.B. durch Säfte oder Brühe zu sich nehmen. Nach ein bis drei Tagen schaltet der Körper dabei auf die "Versorgung von innen" um. Verzichtet der Fastende jedoch gänzlich auf eine Energiezufuhr, baut der Körper statt Fette Eiweiße aus Muskelmasse ab. Bei Patienten mit Nieren oder Herzproblemen könnte das ungünstige Folgen haben. Ohnehin sollten kranke Menschen ein erstes Fasten nur unter ärztlicher Beratung oder Begleitung beginnen.

Fasten streichelt aber auch die Seele. Es stärkt den Geist und schärft die Wahrnehmung für die eigene Person. Der zeitweilige Verzicht auf das Essen bewirke zudem, dass Menschen ihre herkömmlichen Ernährungsgewohnheiten überdenken und klarer erkennen, was ihnen gut tut und was nicht.

Akupunktur lindert Schmerzen

Eine weitere bekannte Maßnahme in der Naturheilkunde ist die Akupunktur aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Gesundheit beruht nach Vorstellung der TCM auf dem Gleichgewicht der Kräfte Yin und Yang. Sie bilden das dynamische Gegensatzpaar, das allem Leben wie Ein- und Ausatmen zugrunde liegt. Und sie bestimmen die Lebensenergie des Qi. Es fließt in zwölf Haupt-Leitbahnen (Meridianen) sowie über unzählige weitere Bahnen durch alle Organe. Fließt es ungehindert und ausreichend, ist der Mensch gesund, so die Vorstellung der TCM.

Wird das natürliche Gleichgewicht durch geistige Belastungen oder falsche Ernährung gestört, gerät der Körper ins Ungleichgewicht und wird krank. Akupunktur kann helfen, den harmonischen Fluss wiederherstellen. Dabei werden pro Sitzung zwischen ein und 15 der insgesamt mehr als 360 verschiedenen Akupunkturpunkte gleichzeitig gestochen. Die Nadeln, die zehnmal dünner als Stecknadeln sind, bleiben 20 bis 30 Minuten im Gewebe.

Ob das Chi, das über Energiebahnen fließt, seine versprochene Wirkung wirklich auslöst, ist nicht nachgewiesen. Dennoch steht die Akupunktur weltweit hoch im Kurs. In China wird Akupunktur mit Heilpflanzen kombiniert: mit der roten Dattel etwa, Blüten der Chrysantheme, der Apfelrose oder der Wurzel des Ginseng.

Studien haben Akupunktur gesellschaftsfähig gemacht

Hierzulande wird sie auch ohne Heilpflanzentherapie häufig eingesetzt. Denn gerade in Deutschland ist die Nadelung hervorragend untersucht. Vor ein paar Jahren gab es mehrere große Studien, die von den Krankenkassen finanziert wurden. Sie konnten klar eine Schmerzlinderung durch Akupunktur nachweisen. Ärzte bieten die Leistung ihren Patienten seitdem bei einer Vielzahl von Schmerzen durch Arthrose, Rückenschmerzen oder Migräne an, bei Rücken- und Knieschmerzen sogar als Kassenleistung. Meist braucht es mehrere Sitzungen, bis die Akupunktur wirkt. Tritt aber eine Besserung ein, können Patienten meist auch ihre Medikamente reduzieren. Für alle anderen Indikationen bezahlen Patienten zwischen 30 und 50 Euro pro Sitzung.

Medi-Taping verlängert den Akupunktureffekt

Nicht selten setzen Ärzte zusätzlich zur Akupunktur das sogenannte Meditaping ein. Die bunten dehnbaren Pflaster auf den Körper wirken wie eine leichte, zusätzliche Massage und verlängern den Effekt der Akupunktur. Tape-Bänder sind vielseitig einsetzbar, helfen auch gegen Schmerzen und Sportverletzungen. In der Sportmedizin sind sie seit jeher Standard, um Gelenke zu stabilisieren oder ruhig zu stellen, verspannte Muskulatur und Bänder zu schützen oder das Gewebe zu stützen. Sie "führen" die umwickelten Strukturen in die richtige Stellung und lassen nur bestimmte Bewegungen zu.

Das Klebeband enthält elastische Längsfasern, die sich mit der Haut dehnen. So schränkt es nicht, wie die herkömmlichen Produkte, die Bewegung ein und führt deshalb nicht zu Stauungen in Blutgefäßen und im Gewebe. Vielmehr werden alle Strukturen unter den beklebten Stellen durch die Eigenbewegung des Patienten sanft gedehnt und ähnlich einer Dauermassage nachhaltig bewegt.

Aderlass ist eine moderne Frischzellenkur

Nicht aus der Naturheilkunde wegzudenken ist zudem der Aderlass. Die Methode ist einfach und wirksam: Dabei wird einem Patienten zum Beispiel mit Bluthochdruck mehrmals etwa 250 bis 300 Milliliter Blut abgenommen. Schon im alten Griechenland und im antiken Rom wendeten Ärzte den Aderlass an. Doch nachdem einige Patienten verstarben, weil ihnen zu viel Blut abgenommen wurde, verschwand der Aderlass. Die moderne Naturheilkunde hat ihn wieder neu entdeckt.

Heute weiß man: Die Wirkung des Aderlasses beruht nicht nur darauf, dass Flüssigkeit reduziert wird. Man geht auch davon aus, dass es positive Effekte hat, wenn das Eisenspeicherprotein Ferritin im Blut gesenkt wird. Denn ein hoher Ferritin- und Eisenspiegel schadet den Gefäßen und begünstigt so einen Herzinfarkt und Schlaganfall. Zudem reduziert die Eisenüberladung auch das Adiponektin, ein Hormon, das vor Diabetes schützt.

Der Aderlass erhöht folglich den Hormonspiegel wieder, senkt den Insulinspiegel und verbessert damit die Zuckerregulation. Zudem wird das Knochenmark stimuliert, neue rote Blutkörperchen zu bilden. Die Entnahme von Blut und der damit verbundene Eisenmangel regen den Körper also an, frisches Blut zu bilden - was einer Art Frischzellenkur bis in die kleinsten Gefäße entspricht. Zudem wird der Blutdruck gesenkt und die Leber entlastet. Die blutdrucksenkende Wirkung des Aderlasses - die sogar besser ist als die durch Medikamente – konnte sogar in Studien belegt werden. Drei Monate hält der Effekt des Aderlasses an. Wird er ambulant durchgeführt, tragen die Patienten die Kosten von 30 Euro selbst.