Baum treibt Blütenstamm Pollen aus (Bild: Colourbox)
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Erkältung oder Heuschnupfen? - Hilfe bei Pollen-Allergien

Alles ist zu gequollen, die Nase juckt, die Augen tränen und brennen - Allergiker kennen das Gefühl. Schon im Winter kann die Pollensaison beginnen und ist im Frühling dann voll im Gange. Für Allergiegeplagte in Städten gibt es zusätzlich schlechte Nachrichten: Hier sind die Pollen besonders aggressiv. Wie macht man die Auslöser dingfest und was hilft?

Die Nase läuft, die Augen jucken, dazu ständiges Niesen. Wem das jetzt passiert, der hat vermutlich Heuschnupfen, auch allergische Rhinitis genannt. Ein Kinderarzt aus Österreich "erfand" den Begriff der Allergie (allos = anders, ergon = Funktion, Tat) vor über 110 Jahren: Clemens von Pirquet stellte im Jahr 1906 fest, dass Antikörper nicht nur vor Infektionen schützen, sondern auch Überempfindlichkeiten auslösen.
 
Bei einer Allergie reagiert das körpereigene Immunsystem übertrieben auf sogenannte Allergene - eigentlich harmlose pflanzliche und tierische Eiweiße wie Pollen, Nahrungsmittel, Tierhaare und Chemikalien.

Woher kommt die Allergieneigung?

Die Neigung zur überschießenden Immunreaktion wird unter anderem vererbt: Eltern geben dabei nicht eine bestimmte Allergie wie Heuschnupfen weiter, sondern die Bereitschaft allergisch zu reagieren.
 
Außerdem bedeutsam für das Immunsystem sind unsere Lebens- und Verhaltensweisen sowie viele Umwelteinflüsse. Mittlerweile gibt es klare Hinweise darauf, dass Stress Faktoren triggert, die unsere Körperabwehr bei eigentlich harmlosen Reizen überreagieren lassen.

Mehr, länger, aggressiver

Die Zahl der Allergiegeplagten wächst so immer weiter: 20 bis 30 Millionen Deutsche gelten mittlerweile als betroffen. Auch unsere veränderte Umwelt sorgt für mehr Allergien: Stickstoffdioxid und Ozon führen dazu, dass Pollen aggressiver werden - vor allem in der Stadt.
 
Dazu kommt: Durch die Klimaerwärmung wird die Pollensaison immer länger. Im frühen Jahr schwirrt vor allem der Blütenstaub von Haselnuss, Erle und Birke herum. Bis in den späten Herbst hinein blühen Pflanzen wie beispielsweise Beifuß und Ambrosia, die Allergiker*innen das Leben schwer machen.
 
Vor allem milde Winter und ein Frühling, in dem es wenig regnet, erhöhen die Pollenkonzentration.

Allergische Reaktion durch Histamin

Etwa 15 Prozent der Deutschen leiden an Heuschnupfen. Sie reagieren meist auf Pflanzenpollen wie von Eiche, Buche und Gräsern, die während der Saison in hoher Konzentration in der Berliner und Brandenburger Luft vorhanden sind.
 
Verantwortlich für die allergische Reaktion sind so genannten Mastzellen, eine bestimmte Sorte weißer Blutkörperchen des Immunsystems. Sie stufen die Pollen fälschlicherweise als Krankheitserreger ein und schütten als Reaktion das Gewebehormon Histamin aus.
Histamin und andere Botenstoffe sorgen für eine erhöhte Durchblutung der Schleimhäute und machen die Wände winziger Blutgefäße durchlässiger. Das Gewebe schwillt an, wird rot und warm - die klassischen Erscheinungen einer entzündlichen Reaktion. Es entstehen die für Allergien typischen Beschwerden: Juckreiz, Rötungen und Schwellungen bis hin zur Atemnot.

Heuschnupfen (erstmals) auch im Erwachsenenalter

Das Auffällige: Gingen früher mit dem steigenden Lebensalter die Allergien zurück, klagen heute auch über 65-Jährige darüber, erstmals allergisch zu reagieren. Wie das kommt? Zunächst neutralisiert der Körper die fremden, eigentlich harmlosen Eiweiße, ohne dass es Komplikationen gibt. Doch mit jedem erneuten Allergenkontakt schaukelt sich das Immunsystem hoch, bis genügend Antikörper zur Verfügung stehen und sich auf die vermeintlich gefährlichen Eiweiße stürzen können. Aus diesem Grund kann Heuschnupfen oder eine andere Allergie, beispielsweise auf Tierhaare, auch erst im Erwachsenenalter auftreten.

Diagnose

Die Diagnose einer Allergie sollte früh gestellt werden, um ein Übergreifen auf die tiefen Atemwege zu verhindern. Dafür klärt am besten eine Expertin/ein Experte die Symptome ab. Pollenkalender und Allergietagebuch geben wichtige Hinweise.
 
Beim allergischen Schnupfen ist auch die Beschaffenheit der Nasenschleimhaut wegweisend: Ist sie akut entzündet und stark gerötet, zeigt das Heuschnupfen an. Ein Bluttest auf IgE-Antikörper sowie Hauttests können den Verdacht auf eine Gräser- und Pollenallergie bestätigen.

Was ist der Pricktest?

Der Pricktest ist ein Hauttest, bei dem der Arzt/die Ärztin verdächtige Allergene in Tropfenform in die Haut einbringt. Nach rund 20 Minuten wird die allergische Reaktion überprüft. Die Tropfen enthalten unterschiedliche Allergene. Die Haut wird mit einem "Prick" oder Stachel ganz leicht eingeritzt. Wenn sich dort eine Quaddel bildet, heißt das, der Patient/die Patientin könnte genau auf diese Pollensorte allergisch reagieren.
 
Für den Test dürfen Betroffene keine Blutdrucksenker nehmen, kein Asthma haben und sollten noch keinen anaphylaktischen (also allergischen) Schock erlebt haben.

Medikamente rechtzeitig einsetzen

Zur Behandlung der Symptome kommen verschiedene frei verkäufliche Mittel in Frage. Im akuten Fall eignen sich Antihistaminika. Sie schwächen die Wirkung von Histamin ab, beziehungsweise heben diese auf. Neben den lokal wirksamen Präparaten in Form von Nasenspray gibt es auch systemisch (also auf den ganzen Körper) wirkende Mittel: als Tabletten, Saft oder Tropfen. Präparate der zweiten Generation machen nicht mehr müde, so wie einige ältere Produkte. Lokal wirksame Antihistaminika haben diese spezielle Nebenwirkung gar nicht.
 
So genannte Mastzellstabilisatoren mit dem Wirkstoff Cromoglicinsäure verhindern, dass die Mastzellen im Körper Histamin ausschütten. Mastzellstabilisatoren gehören zu den relativ schwach wirksamen Allergiemitteln, sind aber auch frei von Nebenwirkungen. Sie sind rezeptfrei als Nasenspray in der Apotheke erhältlich.
Wichtig ist es, mit der Behandlung möglichst schon vor Beginn der Pollenflugsaison und bevor die ersten allergischen Symptome einsetzen zu beginnen. Mastzellstabilisatoren müssen mindestens eine Woche mehrmals täglich angewendet werden, damit sie ihre volle Wirkung entfalten.
 
Die dritte Behandlungsmöglichkeit sind antientzündliche Kortisonpräparate, die es gegen Heuschnupfen als Nasenspray gibt. Sie wirken direkt am Ort und werden daher nur in niedriger Dosierung benötigt. Allerdings brauchen sie ein paar Tage, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Hyposensibilisierung: Die Allergie-Impfungen

Die spezifische Immuntherapie (SIT), auch Hyposensibilisierung oder Allergie-Impfung genannt, ist die einzige Therapie, welche die Ursachen der allergischen Reaktion bekämpft. Über ein bis drei Jahre bekommen die Patient*innen in regelmäßigen Abständen genau die Stoffe, auf die sie allergisch reagieren - per Spritze unter die Haut oder als Tabletten beziehungsweise Tropfen unter die Zunge verabreicht. Die Spritzen werden einmal monatlich in der Arztpraxis verabreicht; Tabletten und Tropfen schlucken die Patient*innen selbst zu Hause.
 
Die Grundidee: Das Immunsystem soll sich langsam an den vermeintlichen Feind gewöhnen und ihn nicht länger als Bedrohung wahrnehmen. Die langwierige Prozedur erfordert zwar Geduld und Disziplin, mildert jedoch häufig die Beschwerden deutlich und langfristig.

Tipps für den Alltag

Am wirksamsten - aber auch am schwierigsten - ist es, den Kontakt mit Pollen zu meiden. Zumindest in der eigenen Wohnung und vor allem im Schlafzimmer kann das gelingen, wenn man einige Tipps beachtet:
 
- So hilft tägliches Staubsaugen. Zusätzlich senken Filter im Staubsauger und in der Klimaanlage die Pollenbelastung. Sie sollten regelmäßig gewechselt werden.
- Nasses Wischen der Böden beseitigt umherfliegende Pollen.
- Luftbefeuchter und eine Nasendusche tun der Nasenschleimhaut gut.
- Im Schlafzimmer hält eine Tagesdecke auf dem Bett die Pollen vom Bettzeug fern.
- Die Tageskleidung lässt man vor dem Schlafengehen am besten draußen auf dem Flur.
- Abendliches Haare waschen verhindert Pollen auf dem Kopfkissen.
- Morgens und abends, wenn die Pollenbelastung am geringsten ist, sollte man stoßlüften und ansonsten die Fenster geschlossen halten.

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