Junge Frau hält sich allergieauslösende Gräser ans Gesicht (Quelle: imago / Westend61)
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Gegen den Allergieauslöser immun werden - Hyposensibilisierung bei Allergien

Für Pollenallergiker ist zwischen April und August die härteste Zeit des Jahres. Ihr Immunsystem reagiert sensibel auf die Pollen – sie leiden unter Niesen, Schnupfen, brennenden sowie juckenden Augen und Atemnot. Etwa jeder fünfte Pollenallergiker mit unbehandelter Pollenallergie entwickelt irgendwann Asthma. Deshalb raten viele Ärzte zu einer Hyposensibilisierung.

Mit dem saisonalen Erwachen der Natur fliegen jede Menge Gräser- und Kräuterpollen, Baumpollen von Hasel, Esche, Birke oder Erle durch die Luft. Bis in den Herbst hinein gibt es Pflanzen wie beispielsweise Beifuss, die bei Betroffenen Heuschnupfen befeuern.

Allergien werden immer häufiger

Seit Jahren sind immer mehr Menschen von Allergien betroffen. Mehr als ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland hat eine allergische Erkrankung. Das ist eines der Ergebnisse einer Gesundheitsstudie mit mehr als 20.000 Teilnehmern, die das Robert Koch-Institut (RKI) im "Journal of Health Monitoring" vor zwei Jahren veröffentlicht hat. Betroffen ist jede dritte Frau und etwa jeder vierte Mann, meist sind sie im jüngeren und mittleren Erwachsenenalter. Doch selbst im höheren Alter kann man noch Allergiker werden – für viele kommt die Allergie dann überraschend. Auch Kinder haben zunehmend Allergien – Kinder aus ländlichen Regionen allerdings immer noch seltener als Stadtkinder.
 
Allergene sind körperfremde Eiweiße, auf deren Eindringen der Körper sich mit einer übertriebenen Reaktion des Immunsystems zur Wehr setzt. Für eine gewisse Zeit kann der Körper die fremden Eiweiße neutralisieren, ohne dass es Komplikationen gibt. Doch das Immunsystem schaukelt sich so weit auf, bis sich beim erneuten Kontakt genügend Antikörper auf die vermeintlich gefährlichen Eiweiße stürzen können. Spezifische Zellen, die so genannten Mastzellen, schütten Histamin aus, das die für Allergien typischen Beschwerden verursacht. Der körpereigene Botenstoff Histamin sorgt für eine erhöhte Durchblutung der Schleimhäute und macht die Wände winziger Blutgefäße durchlässiger. Zudem setzt der Blütenstaub Fettsäuren frei, die das Immunsystem direkt reizen. Pollen sind neben Hausstaub, Tierhaaren, bestimmten Nahrungsmitteln und Insektengift die häufigsten Allergene.

Wie diagnostiziert man eine Allergie?

Meist wenden Ärzte mehrere Methoden an, um ein Allergen zweifelsfrei zu bestimmen.
1. Pricktest: Der Hautarzt oder Allergologe tröpfelt Lösungen auf die Haut und ritzt diese leicht an. Die Flüssigkeit löst im Fall einer Allergie an der Stelle eine Reaktion aus. Ist man gegen einen Stoff nicht allergisch, passiert an den beträufelten Punkten nichts.
2. Bluttest: Das Patientenblut wird im Labor auf Antikörper vom Typ Immunglobulin E (IgE) untersucht. Dieser Antikörper ist verantwortlich für Allergien.
3. Provokationstest: Der Arzt verabreicht dem Patienten das verdächtige Allergen und beobachtet die Reaktion. Die häufigsten Provokationstests führt der Allergologe an Mund, Augen oder Atemwegen durch.

Hyposensibilisierung: Gegen den Allergieauslöser immun werden

Bei Allergenen gegen Pollen, Hausstaub und Insektengifte zum Beispiel empfehlen Allergologen eine besondere Therapie: die kontrollierte Gewöhnung an die allergieauslösenden Substanzen. Mit dieser sogenannten Hyposensibilisierung können Betroffene ihre Allergie langfristig loswerden. Die Hyposensibilisierung wird im Volksmund auch "Allergie-Impfung" genannt. Der Therapieerfolg dieser Maßnahme liegt bei über 80 Prozent.
 
Die spezifische Immuntherapie (SIT), wie die Allergie-Impfung im Fachjargon heißt, ist die einzige Therapie, die tatsächlich die Ursachen der allergischen Reaktion bekämpft. Über drei Jahre bekommen die Patienten in regelmäßigen Abständen die Stoffe, auf die sie allergisch reagieren, per Spritze unter die Haut oder als Tabletten beziehungsweise Tropfen unter die Zunge verabreicht. Die Spritzen werden einmal monatlich oder alle sechs Wochen in der Arztpraxis verabreicht; Tabletten und Tropfen schlucken die Patienten selbst zu Hause. Die Grundidee: Das Immunsystem soll sich langsam an den vermeintlichen Feind gewöhnen und ihn nicht länger als Bedrohung wahrnehmen. Die langwierige Prozedur erfordert zwar Geduld und Disziplin, mildert jedoch häufig die Beschwerden deutlich.
 
Denn die Hyposensibilisierung wirkt nur, wenn sie auch konsequent durchgeführt wird. Doch die Erfahrungen in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass dieses Eigenengagement viele auf Dauer nicht durchalten. Viele Menschen brechen die Therapie ab.

Allergie-Impfung auch für Kinder

Auch bei Kindern und Jugendlichen ist die Hyposensibilisierung die einzige, bisher ursächliche Behandlung. Und sie ist hier sogar besonders vielversprechend. Denn das Immunsystem ist noch lern- und veränderungsfähig und es gibt meist noch keine chronischen Begleiterkrankungen. Bei Kindern wird die Allergie-Impfung ab fünf Jahre empfohlen.
 
Wie jede andere Therapie hat auch die Hyposensibilisierung ihre Nebenwirkungen. Juckreiz und Schwellungen an der Einstichstelle sind häufig. Dennoch ist die Maßnahme auch nach Berechnungen des Paul-Ehrlich-Instituts sicher: zwischen 1991 und 2000 traten bei einer Hyposensibilisierung nur bei 0,002 bis 0,008 Prozent der Patienten lebensbedrohliche Reaktionen auf. Verschwindend wenig im Vergleich zu den Komplikationen nach einem Stich.

Infotext: Beate Wagner

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