Mann relaxed im Wald (Quelle: imago/Westend61)
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Heilende Kräfte des Waldes - Der gesunde Wald

Ein Waldspaziergang entspannt - so weit, so bekannt. Doch inzwischen konnten Forscher nachweisen, dass Wälder nicht nur die Psyche, sondern auch aktiv die körperliche Gesundheit beeinflussen können. Beispielsweise werden das Immun- und das Herz-Kreislauf-System gefördert. Die Erkenntnisse sorgen für einen Trend: Waldbaden - sogar unter Expertenanleitung und in Heilwäldern. Was ist dran am Phänomen gesunder Wald?

Die Luft ist kühler, das Grün von Bäumen und Büschen entspannt und Stress aus der Stadt scheint gegen Ruhe ausgetauscht - jedenfalls auf den ersten Blick, denn der Wald ist ein lebendiges und tatsächlich vor allem durch seine vielen Vögel gar nicht so stilles Ökosystem. Trotzdem: Wald entspannt - das ist nicht neu. Wo der Waldspaziergang früher aber eher etwas Gemächliches hatte, ändert sich bei uns gerade dieses Image: "Waldbaden" ist eine Art Trend geworden, die heilsamen Kräfte des Waldes werden zur Therapie.

Tatsächlich ist was dran an den heilenden Kräften: Schon seit Jahrzehnten sind Wirkmechanismen wie der positive Einfluss des Anblicks von Bäumen erforscht und selbst der Begriff „Waldbaden“ ist nicht neu - es ist eine Übersetzung des japanischen Begriffs Shinrin-Yoku. Und in Japan, aber auch den USA und Österreich konnten Studien den positiven Einfluss den Waldes zeigen: Auf die Psyche, den Blutdruck und auch auf das Immunsystem. Der berühmte japanische Forscher Dr. Quing Li hofft, letzte Wirkung könne sogar Einfluss auf die Krebsprävention haben.

Der Faktor Grün

In der Farbenlehre gelten Töne von Blau und Grün als besonders entspannend - kein Wunder also, dass sie in der Medizin zum Beispiel seit Anfang des 20. Jahrhunderts als die Farbe von Arbeitskleidung in OPs eingesetzt werden. Grün entspannt einerseits und schluckt andererseits das Licht so, dass keine sogenannten Nachbildeffekte entstehen - eine Art Negativbild, oder auch Umrisse in der Komplementärfarbe dessen, auf das man lange und konzentriert geschaut hat.

Schon 1984 konnte eine US-amerikanische Studie von Roger Ulrich aus Pennsylvania zeigen: Nach einer OP profitieren Patienten beim Anblick von Bäumen vor dem Fenster in Sachen Genesung.

Ulrich untersuchte anhand von Akten, wie schnell sich Patienten im Krankenhaus erholten, die zwischen 1972 und 1981 operiert worden waren - und zwar nach dem Kriterium ihres Ausblicks aus dem Krankenzimmer. Er verglich eine Patientengruppe, die auf eine Gebäudewand blickte mit einer, die aus dem Fenster Pflanzen und Bäume sehen konnten. Ergebnis: Die Gruppe mit dem "Naturblick" erholte sich schneller und brauchte weniger schmerzstillende Medikamente als die Vergleichsgruppe.

Sieben Jahre jünger durch mehr Bäume?

In eine ähnliche Richtung weisen die Ergebnisse einer amerikanischen Psychologen-Forschergruppe aus Chicago um Omid Kardan und Marc G. Berman: Sie verglichen Stadtteile von Toronto in Canada im Hinblick auf die Anzahl von Bäumen und glichen das mit Selbstauskünften zur Gesundheit der Bewohner ab. Auch nachdem sie Faktoren wie Alter und Einkommen herausgerechnet hatten blieb ein erstaunliches Ergebnis: Wer in grüneren Wohngebieten wohnte litt deutlich weniger häufig an Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Die Forscher berechneten, dass sich zehn Bäume mehr pro Stadtwohnblock statistisch so positiv auf die Gesundheit auswirkten, wie 10.000 Dollar höheres Einkommen pro Jahr oder sieben Jahre jünger zu sein.

Waldbaden als Schub für das Immunsystem?

Eine noch stärkere Wirkung auf unsere Gesundheit soll der Wald haben, wenn wir darin spazieren gehen - zum Beispiel im Hinblick auf das Immunsystem: Japanische Forscher von der Nippon Medical School in Tokyo fanden in einer Studie heraus, dass sich beim Spazieren im Wald (insgesamt sechs Stunden an drei Tagen) die Zahl und die Aktivität der sogenannten Natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) deutlich erhöhte und die Häufigkeit von T-Zellen senkte. Außerdem wurde die Konzentration von Adrenalin und Noradrenalin deutlich gesenkt. 

Der Effekt auf die NK-Zellen hielt bis zu sieben Tage nach dem Experiment an. Die Forscher vermuten als Ursache Phytonzide aus dem Wald, also antibiotisch wirksame Stoffe von Pflanzen, wie sie in ätherischen Ölen vorkommen. Die Pflanzen schützen sich damit vor Angreifern und Krankheiten. Die Ergebnisse zum Anstieg der NK-Zellen sorgten für besondere Aufmerksamkeit, denn diese Zellen machen einen Teil unserer angeborenen Immunität aus und erfüllen eine besondere Aufgabe: Sie bekämpfen körpereigene entartete Zellen, z.B. durch einen Virus infizierte Zellen oder Tumorzellen.

Waldspaziergang: Gut für Herz, Kreislauf und Gewicht

Koreanische und japanische Studien mit Hunderten von Probanden konnten außerdem zeigen: Schon eine Stunde Spazieren im Wald senkt den Blutdruck und die Herzfrequenz im Vergleich zu einem Spaziergang in der Stadt deutlich ab und reduziert den Stresspegel, da weniger Adrenalin ausgeschüttet wird. In der koreanischen Studie wurden außerdem Lungenkapazität und die Elastizität der Arterien vor und nach dem Spaziergang überprüft: beides mit positivem Ergebnis bei den 43 Waldspaziergängerinnen in dieser Studie - ihre Lungenkapazität war gestiegen und die Arterien elastischer als zuvor. Bei der Vergleichsgruppe der 19 Stadtspaziergängerinnen hingegen hatte sich nichts verändert.

Der Spaziergang an sich kann außerdem fast so positive Effekte auf das Gewicht haben, wie eine Runde laufen zu gehen: Ein 80 Kilo schwerer Mensch verbraucht in einer Stunde Spaziergang bei mittelmäßigem Tempo etwa 260 kcal und schafft gut vier Kilometer. Wer die gleiche Strecke joggt, braucht zwar in der Regel nur eine halbe Stunde dazu, verbraucht aber kaum mehr Kalorien - nur rund 380 kcal bei gleichem Körpergewicht. Insofern ist ausgiebiges Gehen durch den Wald auch in Sachen schlanke Linie eine gute Idee.

Optimierung der "Wald-Experience"?

Seine Farbe, seine pflanzlichen Botenstoffe und Frische machen den Wald also nachweislich gesund. Die meisten Studien dazu stammen bisher aus Asien, vor allem Japan und Korea. Aber: Sind die Wälder dort - und damit ihre Effekte - zu 100 Prozent mit den unsrigen vergleichbar? Schließlich haben Japan und Korea zum Beispiel sogar Gebiete in subtropischen Klimazonen und eine etwas andere Vegetation, auch im Hinblick auf den Wald. Diese Frage ist bisher noch nicht geklärt. Einige europäische Forscher sprechen davon, die Studienergebnisse erst für den europäischen Raum abgleichen zu müssen, andere sind trotzdem schon optimistisch.

Mehr als optimistisch ist man auf Usedom: Hier wurde 2017 der erste "Kur- und Heilwald" Deutschlands -sogar Europas - in Heringsdorf eröffnet. Seine Wirkung ist zertifiziert - die Verordnung zur therapeutischen Anerkennung wurde von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) in Kraft gesetzt.

Wild ist dieser Wald auf Usedom in keinem Fall: Um ihn zum Heilwald zu machen wurde ein umfangreiches System an Wegen und Ruheplätzen angelegt. Handys sind hier verboten und das Spazierengehen wird unter Anleitung von geschulten Therapeuten empfohlen. Das Besondere an diesem Wald: Es ist ein Küstenwald und die Nähe zum Salzwasser beeinflusse auch die Luft im Wald, so die Betreiber. Dass ein solcher Heilwald effizienter wäre, als ein Waldspaziergang unter anderen Bäumen, dafür gibt es bisher keine Belege. Also welchen Sie auch wählen: Ein Waldbesuch lohnt sich in jedem Fall für die Gesundheit.

Beitrag von Lucia Hennerici

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