Arzt hält die Hand einer Patientin. Medikamente liegen daneben auf dem Tisch (Quelle: imago images / PhotoAlto)
Bild: imago images / PhotoAlto

Interview l Protonenpumpeninhibitoren (PPI) - Magenschutz: Säureblocker mit Risiko?

Millionen Menschen nehmen regelmäßig Magensäureblocker, um schmerzhaftes Sodbrennen zu vermeiden oder auch um wichtige, aber dem Magen sonst schädliche andere Medikamente überhaupt einnehmen zu können. Das Mittel der Wahl sind seit einigen Jahren die sogenannten Protonenpumpenhemmer (PPI). Aber Studien zu langfristigen Nebenwirkungen verunsichern Patienten. Die jüngste stammt aus Österreich.

Seit Jahren gelten Protonenpumpeninhibitoren (PPI) mit zu den effektivsten Medikamenten, wenn es um die Hemmung von Magensäure geht. Und diese Hemmung haben viele nötig: Rund 30 Prozent der Deutschen leiden regelmäßig unter Sodbrennen. Binnen 30 Jahren hat sich die Zahl verzehnfacht. Sodbrennen, medizinisch Refluxkrankheit genannt, kann langfristig gefährliche Folgen haben: die Säure aus dem Magen, die zurück in die Speiseröhre dringt, greift die Schleimhäute an. Es kann zu Entzündungen, schmerzhaften Wunden kommen und schlimmstenfalls z.B. zu Speiseröhrenkrebs.

PPIs sorgen dafür, dass grundsätzlich weniger Magensäure produziert wird. Darum können Sie nicht nur bei Sodbrennen eingesetzt werden, sondern - kurze Zeit eingesetzt - auch dabei helfen andere Medikamente überhaupt einnehmen zu können, die sonst den Magen reizen würden. PPIs gelten als gut verträglich, seit 2009 gibt es sie auch frei verkäuflich in deutschen Apotheken.

Immer wieder verunsichern Studien zu langfristigen Nebenwirkungen von Protonenpumpenhemmer Patienten: Die langfristige Einnahme von PPIs könne durch Osteoporose zu Hüftbrüchen führen oder - wie eine neue österreichische Studie nahelegt - langfristig Allergien begünstigen. Forscher der Uni Wien hatten anhand von Verschreibungsdaten einen möglichen Zusammenhang zwischen verschiedenen Magensäure hemmenden Medikamenten und einem erhöhten Allergierisiko erkannt.

Über Nutzen und Risiken der PPIs haben wir mit Dr. Jens Aschenbeck gesprochen, Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Gastroenterologie aus Berlin.  

Herr Dr. Aschenbeck, Millionen von Menschen nehmen immer wieder oder ganz regelmäßig PPIs ein. Was sollten die wissen und beachten?

Also das allerwichtigste ist: Keiner sollte Medikamente ohne wichtigen Grund einnehmen. Es ist also nicht so, dass man Medikamente am besten ins Grundwasser mischt, damit jeder davon profitiert. Wichtig ist: Die Indikation muss stimmen und dann stimmt auch die Therapie. Wenn Menschen sich nicht sicher sind, ob sie diese PPIs nehmen müssen, sollten sie Kontakt zu ihrem Arzt aufnehmen und klären, ob es wirklich notwendig ist und auch wie das in der weiteren Zukunft auszusehen hat.

Welche kurzfristigen und langfristigen Nebenwirkungen kann denn die Einnahme von Magensäureblockern haben und unter welchen Bedingungen?

Im Prinzip muss man ja immer unterscheiden zwischen Nebenwirkungen, die sofort nach der Einnahme auftreten, wie zum Beispiel allergische Reaktionen, Unwohlsein usw., das kriegt man relativ schnell raus, weil der Patient kurze Zeit nach der Einnahme kommt und sagt: Es geht mir nicht gut.

Dann gibt es noch die zweite Möglichkeit: Langzeitfolgen von Medikamenten. Hier sind die PPIs immer wieder in den Verruf gekommen, dass sie zu Osteoporose führen können, häufiger Allergien und Anämien auslösen können und Infektionsneigungen verstärken sollen - die Daten, die da zitiert werden, kommen aber alle aus großen Registerstudien. Das Problem bei großen Registerstudien - die zum Beispiel von Krankenkassen kommen - ist, dass Sie Suchworte eingeben und fragen z.B.: Ich suche Menschen, die einen PPI einnehmen und frage nach der zweiten Diagnose "Osteoporose". Natürlich werden Sie da fündig, weil die Leute, die PPIs einnehmen oft älter und kränker sind und auch mal eine Osteoporose haben können. Das Problem ist also, dass diese Registerstudien wirklich nur Diagnosen betrachten und keine Menschen. Wenn Sie sich die Mühe machen in die genauen Patientenfälle hinein zu gehen - das haben amerikanische Forscher immer wieder auch bei anderen Arten von wissenschaftlichen Arbeiten gemacht - dann lösen sich viele Probleme auf, weil da nicht immer vernünftig in einer Studie unterschieden wurde: Was gehört zu wem? Insofern muss man das [Anm. d. Red.: die aktuelle Studie zum Zusammenhang von PPIs mit erhöhtem Allergierisiko] extrem in Zweifel ziehen. Und bisher sehe ich keinen vernünftigen wissenschaftlichen Nachweis, dass es wirklich eine Förderung von Osteoporose oder Allergien durch PPIs gibt. 

Viele Patienten nehmen ja solche Protonenpumpenhemmer sozusagen als Magenschutz ein, damit sie andere Medikamente überhaupt schlucken können - solche, die sonst Nebenwirkungen auf den Magen hätten und ihn reizen würden. Stichwort Wechselwirkung - worauf muss man in diesen Fällen achten? Und gibt es Medikamente, die sich gar nicht mit PPIs vertragen?

Erstmal: Im Prinzip ist ja jede PPI-Einnahme zu vermeiden, die nicht sinnvoll ist. 

PPIs, die eingenommen werden, um die Einnahme anderer Medikamente zu ermöglichen - das tritt ja vor allem bei den Patienten auf, so sehen wir es zumindest hier in der Praxis, bei den Menschen, die aus dem Krankenhaus entlassen werden. Ganz häufig kommt es, vielleicht auch aus Unsicherheit, dazu, dass die Stationsärzte zusätzlich noch einen Magenschutz verordnen, um sicher zu gehen, dass es dem Patienten unter dem Stress des stationären Aufenthaltes gut geht und er nicht noch was am Magen entwickelt. Das führt aber oft dazu, dass nach dem Klinikaufenthalt, also im ambulanten Bereich, das Medikament oft gar nicht mehr abgesetzt, sondern kritiklos weiter "übernommen" wird. Das sollte natürlich immer geprüft werden, ob das wirklich noch notwendig ist.

Ob es eine Konstellation gibt, wo man sagen würde: PPI darf bei dieser oder jener Erkrankung nie gegeben werden - das ist mir zumindest nicht bekannt. Die einzige Ausnahme ist natürlich eine Allergie auf PPI selber. 

Wie bemerke ich denn eine Allergie auf Protonenpumpenhemmer?

Wenn Sie das Medikament einnehmen und z.B. Schwindel bekommen, Hautrötungen, Schwellungen der Schleimhäute, eine dicke Zunge bekommen - also alles, was die Akutzeichnen einer allergischen Reaktion ausmacht. Das würde dann sehr bald nach der Einnahme, spätestens nach den ersten Tagen auftreten.

Als praktischer Arzt, der konkret mit Reflux-Patienten zu tun hat, die Säureblocker einnehmen: Was ist Ihnen bei der Einordnung von Chancen und Risiken von PPIs besonders wichtig?

Das Problem ist: Es gibt viele, viele Menschen, die dieses Medikament aus Verunsicherung durch die Medien oder Leute, die ihnen von Langzeitfolgen erzählen, einfach absetzen. Die Indikation steht aber weiter: Die meisten Menschen, die das nehmen und dann eben absetzen, haben eine Refluxerkrankung. Das heißt: Sie haben Sodbrennen und eine säurebedingte Veränderung der unteren Speiseröhre. Und sie brauchen dieses Medikament, damit es da nicht zu einer anderen Veränderung kommt, denn wir wissen: Wenn lange Säure auf die Speiseröhre wirkt, gibt es eine Entzündung und lange dauernde Entzündungen können auch eine Veränderung der Schleimhaut - vielleicht sogar im bösartigen Sinne - zur Folge haben. Das wollen wir verhindern - deshalb geben wir die PPI.

Und die Patienten, die das abgesetzt haben, sitzen dann wieder hier in der Praxis, erzählen sie haben wieder Sodbrennen und wollen eine erneute Magenspiegelung haben - dabei wäre die einzig sinnvolle Maßnahme das Medikament weiter zu nehmen, um beschwerdefrei zu sein. An der Erkrankung hat sich ja inzwischen nichts geändert und sie muss einfach richtig weiter behandelt werden. Interessanterweise würde das ein Bluthochdruckpatient so eher nicht machen - man würde keine neue Herzkatheteruntersuchung machen z.B. weil die Blutdruckmedikamente schlecht eingestellt sind.

Genauso ist es mit der Refluxerkrankung auch: Die ist sozusagen oft aus Verunsicherung schlecht eingestellt und daran gilt es zu arbeiten und Überzeugungsarbeit da zu leisten, wo das Medikament sinnvoll und notwendig ist.

Herr Dr. Aschenbeck, ganz herzlichen Dank!
Das Interview führte Lucia Hennerici.

weitere Themen

Speiseröhre (Quelle: imago/Science Photo Library)
imago/Science Photo Library

Allergiegefahr für die Speiseröhre!

Eine recht häufige Erkrankung der Speiseröhre ist noch immer kaum bekannt - selbst bei vielen Ärzten. Die "eosinophile Ösophagitis" (EÖ) ist eine allergische Erkrankung, bei der die Schleimhaut der Speiseröhre zunehmend versteifen kann. Das Problem: Speisen können stecken bleiben. Das ist sehr schmerzhaft und kann sogar zu schweren Verletzungen führen.

Pillen in der Hand (Quelle: colourbox.de)
colourbox.de

Wann und wie? - Medikamente einnehmen – so geht's richtig

Medikamente so einzunehmen, dass sie auch optimal wirken, ist gar nicht so einfach. Welche Tabletten nimmt man lieber vor oder nach dem Essen ein? Wie vertragen sich Medikamente mit bestimmten Nahrungsmitteln? Ist die Schmerztablette zum Alkohol erlaubt, um dem Katerkopfschmerz vorzubeugen? Und wie teilt man Tabletten richtig?

Tipp gegen Sodbrennen: Bestimmtes Essen wie Rotwein, Schokolade, Kaffee und Säfte vermeiden: Quelle: (imago/Westend61/imagebroker)
imago

10 Tipps - Was hilft gegen Sodbrennen?

Sodbrennen entsteht, wenn Magensäure aus dem Magen in die Speiseröhre aufsteigt. Die Speiseröhre ist über einen Durchlass im Zwerchfell mit dem Magen verbunden. Normalerweise verhindert ein Muskel, dass Magensäure in die "falsche" Richtung befördert wird. Ist dieser Schließmuskel geschwächt, kommt es zu dem ungewollten Rückfluss. Doch es gibt Hilfe.

Tabletten auf blauem Tischtuch (Bild: imago/CTK/CandyBox)
imago/CTK/CandyBox

ASS - gefährlicher als gedacht?

Acetylsalicylsäure (ASS), besser bekannt als Aspirin, kommt nicht nur als Schmerzmittel zum Einsatz - in niedriger Dosierung von 100 Milligramm kann es auch Herzinfarkte verhindern. Trotzdem sollte nicht jeder die Pille wahllos schlucken, denn der Schmerzkiller wirkt auch blutverdünnend und kann gefährliche Blutungen auslösen, so eine aktuelle Studie.