Frau am Meer atmet ein (Quelle: colourbox.de)
Bild: colourbox.de

Interview | Sport für Lungenkranke - Mehr Luft zum Atmen

Menschen mit einer Lungenerkrankung, die Sport machen – das galt lange als Widerspruch. Doch inzwischen gibt es Sportangebote, die sich gezielt an diese Patienten wenden. Wie das Training in einer Lungensportgruppe abläuft und welche Vorteile es für die Betroffenen bringt, erzählt der Lungenfacharzt Dr. Thomas Schultz.

Herr Dr. Schultz, für welche Menschen kommen Lungensportgruppen infrage?

Das Angebot richtet sich an Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen, vor allem Patienten mit einer chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD), die eine irreversible Einschränkung ihrer Atemfunktion haben. In manchen Fällen kann die Lungensportgruppe auch für Asthmatiker geeignet sein, besonders dann, wenn sie mit Medikamenten keine ausreichende Normalisierung ihrer Lungenfunktion erreichen können - das sind häufig ältere Betroffene.

Junge Asthmatiker, die mit Medikamenten gut eingestellt sind und eine normale Belastbarkeit erreichen, können auch an ganz normalen Sportangeboten teilnehmen. Eine kleinere Gruppe bilden die Menschen mit einer Lungenfibrose oder einem Lungenemphysem, beides Erkrankungen, bei denen das Lungengewebe geschädigt und die Atemfunktion zum Teil deutlich reduziert ist.

Welche Voraussetzungen müssen die Teilnehmer mitbringen?

Alle, die an einer Lungensportgruppe teilnehmen wollen, sollten vorher von einem Lungenfacharzt untersucht werden. Dabei kommt es auf vier Kriterien an, die von der "Arbeitsgemeinschaft Lungensport" entwickelt wurden. Das ist zum einen ein Belastungstest auf dem Ergometer, der sicherstellen soll, dass die Patienten mindestens 25 Watt über drei Minuten schaffen. Dann muss die Sauerstoffsättigung – auch unter Belastung - mindestens 90 Prozent betragen und derjenige sollte keinen hohen Blutdruck haben bzw. mit Medikamenten gut eingestellt sein. Nicht zuletzt sollte sich im Belastungs-EKG keine koronare Herzerkrankung zeigen. 

Wie läuft das Training in solchen Gruppen ab?

Letztlich gar nicht so viel anders als das Training in einer normalen Sportgruppe. Es muss auch kein Arzt dabei sein, sondern die Gruppen werden von Bewegungstherapeuten geleitet, die eine spezielle Schulung zum "Lungensport-Übungsleiter" absolviert haben. Jeder Patient hat sein Peak-Flow Messgerät dabei – sein "Fieberthermometer für die Atemwege". Damit kann er seine Lungenfunktion selbstständig messen. Und auch das Akutspray ist wichtig, falls es zu Atemnot kommt. Das alles fragt der Trainer vorher ab. Ebenso, ob jemand dabei ist, der eventuell an einer Infektion leidet.

Dann beginnt die rund 15-minütige Aufwärmphase, die für Lungenpatienten besonders wichtig ist, weil zu schnelles Trainieren, etwa in kalter Luft, bei ihnen zu Reizungen der Atemwege führen kann. Der Rest der 60-minütigen Übungsstunde besteht aus Ausdauertraining und gezieltem Muskelaufbau. Wobei es nicht auf das Training des Bizeps ankommt, sondern mehr um die Atemhilfsmuskulatur, zum Beispiel die Beweglichkeit des Zwerchfells und das Training der Beine. Denn die Beine sind ja die Körperteile, die den chronischen Lungenpatienten von A nach B bringen. Und je besser die trainiert sind, desto weiter wird sein Aktionsradius – trotz eingeschränkter Lungenfunktion. Auch Koordinationsübungen sind wichtig, gerade für Ältere, weil die Koordination oft unter dem vorherigen Bewegungsmangel gelitten hat. Am Ende der Stunde steht Entspannung auf dem Programm sowie Atem- und Dehnübungen. Das alles muss nicht in einer Stunde stattfinden. Aber, wer regelmäßig zum Lungensport geht, bekommt da schon einiges mit. 

Wie kann das gezielte Training die gesundheitliche Situation von Lungenpatienten verbessern?

Eine direkte Verbesserung der Lungenfunktion kann auch mit dem Lungensport nicht erreicht werden. Was wir erreichen können, ist dass die Effizienz der Atmung besser wird. Dadurch müssen die Patienten weniger atmen, sie verbrauchen weniger Sauerstoff und können sich stärker körperlich belasten. Diesen Effekt können wir sogar bei einem 80-Jährigen erreichen, da gibt es keine Altersgrenze.

Vor allem bei COPD-Patienten haben alle Medikamente, die wir zur Behandlung der Erkrankung haben, nicht annähernd den positiven Effekt wie der Lungensport. Das bezieht sich zum Beispiel auch auf den Schutz vor Infektionen, die für COPD-Patienten besonders gefährlich sind. Denn wir wissen, dass eine Zunahme an Muskelmasse auch vor Infektionen schützt.

Natürlich müssen wir die Patienten erst einmal für den Lungensport gewinnen. Das ist manchmal nicht so einfach, wie etwa bei Herzpatienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben und nach diesem einschneidenden Erlebnis radikal ihr Leben umkrempeln. Die Verschlechterung bei einer chronischen Lungenerkrankung erfolgt langsam und schleichend und nicht wenige Patienten passen sich dann immer mehr der eingeschränkten Belastbarkeit an und bewegen sich kaum noch – ein Teufelskreis. 

Welche positiven Effekte gibt es darüber hinaus?

Wir sehen, dass gerade das Selbstvertrauen in den eigenen Körper wieder wächst. Menschen, die über zehn bis fünfzehn Jahre merken, dass die Belastbarkeit immer schlechter wird, sind häufig ganz überrascht, dass das überhaupt veränderbar ist. Wenn sie es vorher nicht geschafft haben, hundert Meter zu Fuß zu gehen und schaffen nach einer Weile einen Kilometer und mehr, dann ist das ein Gewinn an Lebensqualität. Und sie sind unter Gleichgesinnten, die alle ein ähnliches Schicksal haben.

Wie finde ich eine Lungensportgruppe und wird das von den Krankenkassen gezahlt?

Jede Gruppe, die unter der Internetadresse lungensport.org gelistet ist, hat in der Regel einen Übungsleiter, der auf Lungensport spezialisiert ist und sich auch regelmäßig bei der "AG Lungensport" fortbildet. Das wird auch von den Krankenkassen überprüft, sonst zahlen sie nämlich den Kurs nicht. In der Regel werden Lungensportkurse von den Kassen gezahlt, wenn eine Verordnung vom Lungenfacharzt vorliegt. Bei manchen Kursen muss man einen Teil dazu zahlen, und nach mehreren Jahren kann es auch sein, dass die Kasse nicht mehr zahlt, mit dem Argument, nun müsse der Patient das können und selbst machen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schultz.

Das Interview führte Ursula Stamm