Dioptringläser bei einem Optiker (Quelle: imago/blickwinkel)
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Interview | Mängel bei augenärztlicher Versorgung - Schlechte Sicht im Alter

Im Alter wächst das Risiko, eine Sehbehinderung zu erleiden, die unbehandelt bis zur Erblindung führen kann. Eigentlich ist die augenärztliche Versorgung in Deutschland gut. Doch bei Menschen, die in Pflege- und Seniorenheimen leben, kommt diese augenärztliche Hilfe nicht immer an. Eine aktuelle Versorgungsstudie deckt erschreckende Mängel auf.

Worin bestehen die Mängel? Und was muss sich verbessern? rbb Praxis spricht darüber mit Prof. Dr. Frank G. Holz, dem Vorsitzenden der Stiftung Auge der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft und Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn.

Herr Prof. Holz, wie ist die Idee zu der Studie entstanden?

Die Idee zu der Studie ist dadurch entstanden, dass wir in unserer Klinik und auch in anderen Augenkliniken immer wieder erlebt haben, dass Bewohner von Pflege- oder Seniorenheimen erhebliche Sehbehinderungen aufweisen. Und dass diese starken Beeinträchtigungen vermeidbar gewesen wären, wenn man nur rechtzeitig behandelt hätte.

Wie viele Pflege- und Seniorenheime haben an der Befragung teilgenommen?

Die sogenannte OVIS-Studie (Ophthalmologische Versorgung in Seniorenheimen) wurde in den Jahren 2015 und 2016 von insgesamt 14 Universitäts-Augenkliniken in Deutschland durchgeführt, und es wurden bundesweit 32 Seniorenheime und dort etwas über 600 Bewohner und Bewohnerinnen befragt und systematisch untersucht. Es gab einen standardisierten Fragebogen, u.a. zur Lebenssituation, dem allgemeinen Gesundheitszustand und zum letzten Augenarztbesuch. Außerdem wurden die Bewohner augenärztlich untersucht, etwa der Augeninnendruck gemessen, die Netzhaut angesehen sowie die Sehschärfe bestimmt. 

Welche Augenerkrankungen können unbehandelt bis zur Erblindung führen?

Im Alter steigt das Risiko für Augenerkrankungen, die unbehandelt bis zur Erblindung führen können. Da ist an erster Stelle zu nennen die sogenannte altersabhängige Makuladegeneration (AMD), dann folgt der grüne Star (Glaukom), die durch die Zuckerkrankheit hervorgerufene diabetische Retinopathie und tatsächlich der graue Star, der sehr gut operativ behandelt werden kann. Doch wenn er nicht therapiert wird, führt auch er zu gravierenden Sehbeeinträchtigungen. 

Welche Augenprobleme hatten die Bewohner von Pflege- und Seniorenheimen, die Sie für Ihre Studie befragt haben?

Bei der Hälfte der Bewohner zeigte sich ein grauer Star; bei 60 Prozent von ihnen war der graue Star sogar schon so weit fortgeschritten, dass er unbedingt operiert werden musste. Die AMD war nach dem grauen Star der häufigste Grund für eine starke Sehbeeinträchtigung. Und da gab es leider auch Fälle, wo die AMD so weit fortgeschritten war, dass man therapeutisch nicht mehr viel machen konnte, weil die Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut schon zu stark zerstört war. Dann wurde auch recht häufig ein grüner Star festgestellt: Bei sechs Prozent war er bekannt; bei drei Prozent war er bekannt, wurde aber nicht adäquat behandelt. Dann gab es noch etwa acht Prozent, bei denen ein Verdacht auf einen grünen Star vorlag, der aber noch genauer untersucht werden musste. Was durch den Sehtest festgestellt wurde ist, dass viele Bewohner nicht ausreichend mit passenden Brillen ausgestattet waren beziehungsweise einfach die falsche Brille hatten.

Wie gut waren die Teilnehmer Ihrer Studie versorgt?

Zunächst muss man sagen, dass das Durchschnittsalter der Befragten bei über 80 Jahren lag und es etwa doppelt so viele Frauen wie Männer waren. Bei den meisten lag der letzte Augenarztbesuch mehr als vier Jahre zurück, was sehr viel ist. Der Berufsverband und die Fachgesellschaften der Augenärzte empfehlen, dass man ab dem 50. Lebensjahr einmal im Jahr seine Augen untersuchen lässt, um Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen, die vielleicht noch keine Symptome machen, aber frühzeitig behandelt, eine sehr viel bessere Prognose haben. Insgesamt kann man sagen, dass rund die Hälfte der Befragten Sehprobleme hatte, was in vielen Fällen vermeidbar gewesen wäre. 

Was sind Gründe für diese Unterversorgung?

Die meisten hatten schlichtweg Probleme, den Weg zu einem Augenarzt zu organisieren bzw. zu bewältigen. Aber auch bei den Bewohnern, die eigentlich mobil genug gewesen wären, wurden Transportprobleme am häufigsten genannt. Das heißt, es gibt offensichtlich Barrieren, die nicht so leicht zu überwinden sind. Das betrifft die Kostenübernahme des Krankentransports ebenso wie die Begleitung durch Pflegepersonal, die nicht immer gewährleistet werden kann. 

Welche Folgen hat das schlechte Sehen für die Bewohner?

Zum einen natürlich eine deutliche Einschränkung ihrer Lebensqualität. Sie können beispielsweise keine Gesichter erkennen, sie können nicht Lesen, nicht Fernsehen, trauen sich nicht nach draußen. Darüber hinaus ist mit schlechtem Sehen auch das Sturzrisiko erhöht, was bei über 80-Jährigen, die oft viele andere Grunderkrankungen haben, natürlich dramatische Folgen haben kann. 

Wie kann die Situation verbessert werden?

Es wäre ein erster Schritt, wenn zum Beispiel Sammeltransporte zu Augenärzten von den Kostenträgern übernommen würden, ebenso wie die Kosten für eine Begleitperson. Eine Idee ist auch, dass jeder Heimbewohner vor Beginn seines Aufenthalts augenärztlich untersucht wird, damit man zumindest zu diesem Zeitpunkt von jedem Bewohner weiß, wie es um seine Augen steht und man die wichtigsten Behandlungsmaßnahmen rechtzeitig einleiten kann. An dieser Stelle wäre es auch gut, wenn das Pflegepersonal intensiver zu Augenerkrankungen im Alter ausgebildet werden würde, damit zum Beispiel Tropfenbehandlungen, wie sie beim grünen Star üblich sind, besser begleitet werden können.

Dass Augenärzte in die Heime kommen, wie es bei den Zahnärzten teilweise geschieht, ist aus vielen Gründen schwierig. Zum einen, weil die Anzahl der Augenärzte begrenzt ist und zum anderen weil doch viele Untersuchungen sehr aufwändig sind und abhängig von modernen, für die Diagnose und Therapie sehr wichtigen Apparaten, die man nicht einfach ins Auto laden und woanders aufbauen kann. 

Wer soll diese Verbesserungsvorschläge umsetzen?

Wir als Stiftung Auge richten unseren Appell an die Kostenträger, aber auch an Heimleitungen und die Gesundheitspolitik. Es muss sicherlich auch Geld in die Hand genommen werden, es muss aber auch ein Bewusstsein für das Problem geweckt werden. Und da hoffen wir, das durch die Daten unserer Studie erreichen zu können. Im nächsten Jahr wollen wir zu einem Runden Tisch einladen mit allen Akteuren, die an diesem Prozess beteiligt sind. Unser Ziel ist es, konkrete Maßnahmen auf den Weg zu bringen, um auf Dauer die Situation von älteren Menschen in Pflege- und Seniorenheimen hinsichtlich des guten Sehens zu verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Holz.

Das Interview führte Ursula Stamm 

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