Mann löst Kreuzworträtsel (Quelle: Colourbox)
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Interview| Experten-Check - Demenz vorbeugen: Was hilft wirklich?

Wie beuge ich einer Demenz vor? Wirksame Medikamente zur Prävention gibt es derzeit noch nicht. Dafür findet man im Netz jede Menge Empfehlungen – von Kurkuma-Latte bis Kreuzworträtsel. Aber was hilft wirklich? Dr. Péter Körtvélyessy hat für rbb Praxis den Experten-Check gemacht.

Guten Tag Dr. Péter Körtvélyessy! Wenn Sie online nach den Stichwörtern "Demenz vorbeugen" suchen, bekommen Sie eine Vielzahl an seriösen und mindestens genauso viele unseriöse Empfehlungen. Ich habe ein paar dieser Suchergebnisse zusammengestellt und möchte nun von Ihnen wissen: Fakt oder Fake?  

Fangen wir bei der Ernährung an: Jeden Morgen Kurkuma-Latte trinken...

Das geht ja gut los! (lacht) Nein. Das einzige was darin hilft ist Kaffee, weil Kaffee unter anderem belebend wirkt – falls in Kurkuma-Latte überhaupt Kaffee enthalten ist. Aber da können Sie auch einfach ganz normalen Kaffee trinken – ohne Kurkuma, Palmöl oder was auch immer.

Wie sieht es mit der mediterranen Ernährung in Sachen Demenz-Prävention aus: Hilft es, wenn ich viel Gemüse, Obst, Nüsse, Vollkornprodukte, Fisch, wenig Zucker, wenig Fleisch, wenig Salz und wenig ungesättigte Fettsäuren esse?

Bei einem Medikament können Sie sagen, dass es das Leben beispielsweise um fünf Jahre verlängert, bei einer bestimmten Diät können Sie keine vergleichbaren Angaben machen. Es ist auch schwer zu sagen, inwieweit sich diese speziell auf neurodegenerative Erkrankungen positiv auswirkt.

Allerdings ist die mediterrane Diät gut für die Gefäße und dadurch auch für den gesamten Körper. Daher kann man diese Ernährungsweise grundsätzlich allen empfehlen – unabhängig von einer Neurodegeneration.

Und dazu am besten nicht rauchen und wenig oder keinen Alkohol trinken, oder?

Eine gute Idee: Niemals rauchen und niemals Alkohol trinken! Rauchen ist klar. Aber die von den Ärzten als noch verträglich empfohlene Maximalmenge an Alkohol sinkt von Jahr, zu Jahr, zu Jahr. Der Grenzwert wird immer wieder runter gesetzt, weil wir immer mehr sehen, wie sehr Alkohol uns schadet.

Jeder, der es schafft, nur eine geringe Menge von Alkohol innerhalb einer Woche zu konsumieren, wird sich damit keinen großartigen Schaden zufügen. Aber am besten ist es, keinen Alkohol zu sich zu nehmen.

In Gläsern ausgedrückt: Was wäre denn eine geringe Menge Alkohol in einer Woche?

Ein Glas Wein pro Woche beispielsweise kann der Körper noch gut verkraften. Nach meinen Erfahrungen trinken aber die allerwenigsten Menschen nur ein Glas.

Gehen wir weg von der Ernährung: Kreuzworträtsel, Gedächtnistraining oder ein neues Instrument lernen – bringt mir das Vorteile in Sachen Demenzprävention?

Absolut. Ganz klares Ja für alles. Das erzähle ich sogar meinen Patienten.

Ein neues Musikinstrument zu lernen ist sehr schwierig und kann sehr frustrierend werden im Alter, weil es sehr anspruchsvoll ist. Aber wenn Sie Lust darauf haben, machen Sie es! Beim Erlernen eines Instrumentes ist das Tolle, dass Sie sich systematisch konzentrieren können. Das  ist sehr wichtig, denn die gesamte Lernleistung läuft über Konzentration: Wenn Sie sich konzentrieren können, können Sie lernen. Es muss aber kein Instrument sein, Sie können genauso im Chor singen.

Dr. Péter Körtvélyessy

Ihr Gehirn freut sich über jeden neuen Sachverhalt. Es ist eine Lernmaschine, egal wie alt sie sind.

Kreuzworträtsel sind auch sehr gut, aber Sie können solche Rätsel aus dem Langzeitgedächtnis schon locker lösen oder das Lösungswort zusammenbekommen, wenn Sie gut geübt sind. Das Entscheidende beim Kreuzworträtsel aber wäre, dass Sie alles nachschlagen, was Sie nicht lösen konnten – im Duden oder bei Google, egal. Gehen Sie auf Entdeckerreise und finden Sie etwas Neues – da freut sich Ihr Gehirn total.

Das nächste Themengebiet ist Bewegung: Wie gut ist Tanzen? Oder Laufen?

Tanzen ist gut, um Demenz aufzuhalten. Da haben Sie dieses neue Lernen, Konzentrieren und körperliche Aktivität zusammen. Es gibt auch Studien dazu, unter anderem von Forschern der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Da tut sich gerade viel

Ansonsten ist Ausdauersport sehr gut, am besten drei Mal 30 Minuten pro Woche – zur Prävention, aber auch in der Frühphase einer Gedächtnisstörung. Ausdauersport hat einen ziemlich guten Effekt auf Ihre Gehirnkapazität – unabhängig davon, woher eine Gedächtnisstörung resultiert.

Soziale Aktivitäten, wie Freunde treffen. Hilft das auch, Demenz aufzuhalten?

Soziale Aktivität ist für alles gut, es gibt nichts, das an sozialer Aktivität schlecht wäre. Einsamkeit im Alter ist ein Riesenproblem, das totgeschwiegen wird.

Wie sieht es mit Übungen zu Achtsamkeit und Meditation aus?

Was das bringt oder nicht, ist eine gute Frage. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Leute, die meditieren eine andere Hirnfunktionskapazität bekommen, diese Daten sind allerdings schon etwas älter. Meditieren oder Yoga-Übungen mit bewussten Atem-Frequenzen, sind auf jeden Fall gut. Die Frage ist nur, wie neuroproduktiv das tatsächlich ist oder, ob Sie dadurch nur Ihre Konzentrationsfähigkeit verbessern.

Wie wichtig ist guter Schlaf und ausreichend viel Schlaf – gemeint sind sechs bis acht Stunden pro Nacht – um Demenz vorzubeugen?

Beim Schlafen kommen viele Aspekte zusammen. Schlaf als Gedächtnis-Konsolidierung ist wichtig, dieser Aspekt wird aber im zunehmenden Alter immer unwichtiger – deswegen lernen wir auch schlechter. Das heißt, ein kleines Kind, das sehr viel REM-Schlaf hat, lernt deutlich besser und schneller, als der 75-Jährige, der gar keinen Traumschlaf mehr hat.

Es ist nicht klar, ob Leute die wenig schlafen, mehr Gedächtnisstörungen haben. Wobei die Lernleistung von Leuten, die wenig schlafen und dazu vielleicht auch noch einen übermäßigen Kaffeekonsum haben, deutlich schlechter ist. Das Fokussieren und das Konzentrieren fällt diesen Leuten deutlich schwerer, als den Leuten die ausgeschlafen sind.

Schlaf ist aber auch sehr individuell: Man kann sich heruntertrainieren auf fünf bis sechs Stunden Schlaf, das machen alle Eltern mit kleinen Kindern – und die können trotzdem noch konzentriert lernen.

Was wir noch wissen ist, dass Schichtarbeit sehr ungesund ist. Ein 3-Schichten-System, bei dem Sie auch nachts arbeiten, fördert unter anderem Bluthochdruck, was die Entstehung von Demenz begünstigen kann.

Wir haben jetzt viel über Prävention gesprochen. Welche Therapien bieten sich denn für Patienten in einem Frühstadium von Demenz an?

Da muss nach Art der Demenz unterschieden werden: Alzheimer-Demenz kann man mittlerweile sehr früh diagnostizieren. Da stellt sich zurzeit die Frage, ob wir da auch früh mit einer medikamentösen Therapie beginnen sollen: ja oder nein?

Es gibt mittlerweile Medikamente, die in diesem frühen Stadium ansetzen. Diese werden aber noch getestet, sind also noch nicht auf dem Markt. Diese Entwicklung ist sehr erfolgsversprechend, weil es sehr sinnvoll ist, eine frühe Therapie zu beginnen, bevor zu viele Zellen – einfach gesprochen – verklumpt sind. Die Devise ist: Je früher, desto besser. Denn die Verklumpung selber können wir zu dem jetzigen Zeitpunkt nicht gut lösen.

Und wie sieht es bei der nicht-Alzheimer-Demenz aus?

Ganz schlecht. Das muss man klar sagen. Nur bei der reinen vaskulären Demenz sieht es etwas besser aus, die kommt allerdings selten vor. In diesem Fall können Sie etwas bewirken durch einen radikalen Wechsel Ihrer Lebensart hin zu allem, was gesund ist und gleichzeitigem Beenden von allem, was Ihre Gefäße schädigt. Dann haben sie eine Chance diese fortschreitende Arteriosklerose, die im gesamten Körper da ist, zurückzudrängen und ein Fortschreiten der Erkrankung stark abzumildern. Da können sie wirklich sehr viel machen.

Was für alle Demenzen gilt ist, dass sie zwei Sachen beachten müssen: Erstens, Sie müssen Ihr Gedächtnis benutzen und zwar auch da, wo es weh tut. Es ist nämlich meistens so, dass Menschen mit einer Gedächtnisstörung alles vermeiden wollen, was sie nicht können. Sich mit Neuem auch Unangenehmem konfrontieren, ist in dem Falle aber empfehlenswert: Darunter fallen beispielsweise Lernprogramme. Darin sind auch immer Aufgaben enthalten, die sich die Patienten nicht ausgesucht haben, so dass sie etwas Neues lernen müssen und sich auf die neue Aufgabe einstellen müssen.

Und das zweite ist, wie bereits erwähnt, regelmäßiger Ausdauersport. Sie müssen ja nicht mit 74 anfangen Marathon zu laufen. Das macht Didi Hallervorden vielleicht im Film, aber der hat auch schon vorher trainiert. Es ist sehr viel leichter, sich ein Fahrrad hinzustellen, dabei fernzuschauen und einfach zu radeln. Das ist auch gut.

Vielen Dank für das interessante und unterhaltsame Gespräch!
Das Interview führte Ariane Böhm

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