Langzeitmessung des Blutzuckers mit Hightech (Bild: imago/PA images)
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- "Ein Meilenstein in der Diabetes-Therapie"

Seinen Blutzuckerspiegel ständig im Blick zu haben, ist für Diabetiker lebenswichtig. Bislang aber lieferten Glukosemessgeräte nur Momentaufnahmen. Jetzt gibt es ein neues Messgerät, das den Blutzucker ständig überwacht - mittels Sensor unter der Haut. rbb Praxis sprach darüber mit Prof. Dr. Thomas Haak von der Deutschen Diabetes-Hilfe.

Wie bewerten Sie das neu auf den Markt gekommene Glukosemessgerät "Freestyle Libre"?

Mit dem neuen Messgerät wird die Glucose im Unterhautfettgewebe kontinuierlich gemessen. Die Werte kann der Patient abrufen, so oft er dies möchte und erhält dann Informationen über den aktuellen Blutzucker, den zu erwartenden weiteren Verlauf und den Verlauf der letzten acht Stunden. Dies ermöglicht dem Patienten jederzeit Zugriff auf seinen aktuellen Blutzucker zu haben. Für mich als Arzt ist dies ein Meilenstein in der Therapie des insulinpflichtigen Diabetes.

Welchen Nutzen bringt es der Diabetes-Welt?

Mit Einzelmessungen durch Stechen in den Finger erfahren Patient und Arzt nur Momentaufnahmen. Es ist wie ein Film, von dem man nur einzelne Bilder anschauen kann. Wie der Film weitergeht, weiß man nicht und kann es nur vermuten. Mit der neuen Technologie sieht man damit nicht Einzelbilder eines Blutzuckerverlaufes, sondern den Tagesverlauf wie in einem Film. Dies ermöglicht eine höhere Lebensqualität und eine viel höhere Therapiesicherheit.

Wie bahnbrechend (oder auch nicht) ist diese Entwicklung?

Bahnbrechend ist die Einfachheit in der Anwendung des Systems. Es muss nicht kalibriert werden und arbeitet über 14 Tage stabil. Die Genauigkeit der Messungen in den Voruntersuchungen sind ebenfalls beeindruckend, so dass es auch statthaft ist, mit diesem Gerät die therapeutischen Entscheidungen wie auch die Insulindosierung zu treffen. Dies hat es in der bisherigen Form noch nicht gegeben.

Für welche Diabetiker ist es besonders geeignet und wie viele betrifft das in Deutschland bzw. speziell in Berlin und Brandenburg?

Das Gerät ist vorwiegend für Menschen mit einer intensivierten Insulintherapie geeignet, denn diese müssen viermal am Tag therapeutische Entscheidungen treffen und jederzeit ihren Blutzucker kennen. Auch für andere Patienten kann das Gerät wertvoll sein, weil es gerade bei Typ 1-Diabetes den Einfluss der Lebensstilführung veranschaulicht. Da das Gerät aber auch mit Kosten verbunden ist, wird es wirtschaftlich nicht möglich sein, es jedem Diabetiker zu erstatten. Wieviele Patienten dies in Deutschland betrifft, können wir nicht genau sagen, da es kein Diabetes-Register in Deutschland gibt.

Welche Nachteile hat das Gerät?

Der größte Nachteil ist, dass das Gerät aktuell noch nicht von den Krankenkassen erstattet wird. Hier laufen meines Wissens aber bereits Verhandlungen und wenn die klinische Anwendung des Gerätes zeigt, dass sich die gleichen Erfolge zeigen wie in den Studien, dann ist das Gerät langfristig auch wirtschaftlich. Bereits jetzt haben viele Patienten gesagt, dass sie dieses Gerät unbedingt haben möchten und es sich notfalls auch selbst anschaffen.

Wie bewerten Sie die Kosten?

Das Gerät kostet in der Anschaffung weniger als 60 €, ein Sensor, welcher 14 Tage hält, liegt ebenfalls zwischen 50 und 60 €. Im Vergleich zu den bisherigen kontinuierlichen Glucose-Mess-Systemen ist dies ein äußerst attraktiver Preis für den Anwender. Im Vergleich zu einzelnen Blutzuckermessungen liegt man bei Verwendung des Freestyle Libre, bei acht Messungen am Tag, im gleichen Kostenrahmen wie mit Einzelmessungen. Dafür hat man jedoch vielmehr Informationen über den Blutzuckerverlauf.

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