Obst, Gemüse und Fisch (Bild: Colourbox)
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Interview | Lebensstiländerung bei Diabetes - '15 Kilogramm ist eine magische Zahl'

Viele Diabetiker bekommen bald nach der Diagnose Tabletten und müssen irgendwann Insulin spritzen. Immer mehr Studien zeigen aber, dass eine Änderung des Lebensstils die Krankheit in der Frühphase noch aufhalten kann. Die besten Chancen hat, wer es schafft, radikal an Gewicht zu verlieren. Wir haben mit dem Endokrinologen Professor Andreas Pfeiffer darüber gesprochen, was die Diät im Körper bewirkt und wie man es schafft, das Gewicht zu halten.

Professor Pfeiffer, welchen Stellenwert haben Lebensstiländerungen bis jetzt in der Diabetestherapie?

Vor Tabletten und Insulin empfehle ich immer zunächst Lebensstiländerungen: Gewicht abnehmen, gesundes Essen und körperliche Aktivität. Die größte Rolle scheint dabei das Abnehmen zu spielen.

Warum ist das so wichtig?

Vier Kilogramm Gewichtszunahme verdoppeln das Diabetesrisiko. Übergewicht führt dazu, dass Fett in Gewebe eingelagert wird, in denen es eigentlich nicht sein sollte: in die Leber, die Muskulatur oder die Bauchspeicheldrüse. Dort stört es die Funktion der Organe. Die Bauchspeicheldrüse kann nicht mehr so gut Insulin ausschütten, während die Muskulatur und die Leber immer unempfindlicher gegen das Hormon werden.

Wie stark muss man denn abnehmen, um dem entgegenzuwirken?

Das hat gerade eine britische Studie auf beeindruckende Art gezeigt. Man hat dafür in Praxen im ganzen Land etwa 300 Patienten gewinnen können, die vor höchstens fünf Jahren an Diabetes erkrankt waren. Sie sollten für die Studie 15 Kilogramm abnehmen. Jeder Vierte hat das geschafft, aber was noch erstaunlicher war: Von denen, die das geschafft haben, hatten 85 Prozent danach keinen Diabetes mehr. Das zeigt, dass Diabetes im Anfangsstadium durchaus noch umkehrbar ist. Auch in unseren eigenen Studien ist 15 Kilogramm eine magische Zahl.

Wie haben die Teilnehmer es geschafft, 15 Kilo abzunehmen?

Sie mussten ihre Ernährung radikal umstellen. Männer durften am Tag nur 800 Kilokalorien zu sich nehmen, Frauen 600. Das ist etwa ein Drittel der normalen Kalorienzufuhr. Unter der Diät nahmen die Männer in acht Wochen etwa 12 Kilo und die Frauen zehn Kilo ab. Dafür mussten sie sich mit einer Formula-Kost ernähren. Diese Kost ersetzt in der Zeit komplett die bisherige Ernährung. Frauen bekommen drei, Männer vier Beutel pro Tag.

Das klingt fürchterlich…

Der Vorteil von den Formula-Diäten ist: Es ist alles drin, was man braucht, etwa Magnesium, Zink, Vitamine, essentielle Amino- und Fettsäuren. Wenn man ohne diese Nahrung so stark abnehmen will, ist es schwer so zu essen, dass man keine Defizite bekommt. Außerdem: So denkt man nicht jeden Tag darüber nach, was man heute essen darf. Das ist psychologisch viel einfacher. Während dieser Phase ist jeder Cappuccino zu viel, sonst nehmen die Leute nicht richtig ab.

Wie schnell geht das Abnehmen, wenn man es richtig macht?

Für 15 Kilo braucht man etwa drei Monate. Aber schon nach einem Tag hat man keinen Hunger mehr. Der Hunger ist also nicht das Problem. Das ist eher psychologischer Natur, nämlich sobald man anfängt darüber nachzudenken, was man essen könnte.

Wie geht es den Leuten dabei?

Normalerweise sehr gut, sie werden sogar aktiver. Das ist ein genetisches Programm, sie wollen – evolutionär gesehen – Nahrung finden. Die Menschen sind also unter der Diät durchaus in der Lage zu arbeiten und ihren Alltag zu managen. Außerdem sind die Menschen beweglicher und finden sich attraktiver. Die Lebensqualität steigt deutlich. Nur: Wenn die anderen abends Bier trinken, muss man selbst bei Wasser bleiben.

Gibt es Nebenwirkungen der Diät?

Die meisten vertragen sie sehr gut. Manche haben am ersten Tag noch Hunger, einigen tut der Kopf anfangs etwas weh, aber das verschwindet in der Regel schnell. Es ist trotzdem wichtig, dass das Programm ärztlich begleitet wird, auch um regelmäßig die Zuckerwerte zu kontrollieren.

Wie schnell wirkt das Abnehmen auf den Blutzucker?

Der Zucker fällt innerhalb von drei Tagen auf annähernd normale Werte. Genauso das Insulin. Bis gänzlich normale Werte erreicht werden, dauert es meist um die zehn Wochen. Der Diabetes ist dann geheilt, solange man das Gewicht hält.

Klappt das auch, wenn man schon Insulin spritzen muss?

Nein. Die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse sind dann meist schon zu stark geschädigt, als dass sie sich wieder erholen könnten. Die Teilnehmer der britischen Studie nahmen zu Beginn nur Diabetes-Tabletten und waren noch nicht länger als fünf Jahre erkrankt. In dieser Zeit sind die Maßnahmen besonders erfolgversprechend.

Was passierte, nachdem die Probanden so stark abgenommen hatten?

In Wirklichkeit ist das Abnehmen gar nicht so schwer. Das Schwierige ist, das Gewicht zu halten. Wenn man das nicht schafft, kommt der Diabetes zurück. Etwa 70 Prozent nehmen wieder zu. Das beste Mittel dagegen ist sozialer Druck. Das kann die Mitgliedschaft bei den Weight Watchers sein oder eine Ernährungsberaterin. Mit ihr kann man die Übergangsphase gestalten, wenn man von der Formula-Kost wieder zu normalem Essen wechselt.

Welche Strategien gibt es, das Gewicht zu halten?

Man muss das Gewicht bewusst kontrollieren. Es ist nicht wahr, dass der Körper weiß, was er mengenmäßig braucht. Der Körper ist so programmiert, dass wir dick werden. Die meisten unterliegen letztendlich einem Programm, das ihnen sagt, sie sollen mehr essen, als ihnen guttut. Dagegen hilft Sport, weil man da etwas mehr essen kann. Und man braucht eine Strategie, wenn man erneut zunimmt – zum Beispiel wieder zwei, drei Tage Formula-Diät.

Wie soll man als Arzt die Menschen motivieren, so viel abzunehmen?

Wenn jemand neu an Diabetes erkrankt, ist er meistens erst einmal geschockt. Das ist ein guter Moment, um ihn für so eine Methode zu gewinnen. Wenn man den Patienten sagt, dass sie es selbst in der Hand haben, ein Leben lang Insulin zu spritzen oder eine radikale Diät zu machen, werden viele die Diät versuchen wollen.

Sie bieten das Programm in Ihrer Klinik selbst an.

Wir haben in der Charité am Standort Benjamin Franklin eine Diabetes-Remissions-Ambulanz eingerichtet. Dort untersuchen wir die Menschen sehr genau. Wir messen, wie viel Insulin ihre Bauchspeicheldrüse noch abgibt, wir messen im Rahmen von Studien sogar ihr Leberfett im MRT. Bisher sind schon 200 Patienten in unseren Diabetes- und Prädiabetesprogrammen, viele davon sind ihren Diabetes durch das Abnehmen schon losgeworden. Die Teilnehmer müssen motiviert sein, 15 Kilo abzunehmen, wir bieten ihnen aber auch an, sie über Jahre hinweg zu begleiten, damit sie ihr Gewicht halten können.

Was muss sich im Gesundheitssystem ändern, damit mehr Menschen solche Programme wahrnehmen können?

Das Programm sollte in der normalen Diabetespraxis angeboten werden. Ärzte haben bisher zu wenig Anreiz dafür. Erst einmal müssen sie davon erfahren und dann brauchen sie finanzielle Unterstützung und Weiterbildungen, wie sie Patienten motivieren können, dabei zu bleiben. Die Beratung selbst sollte dann eine Diabetes- oder Ernährungsberaterin machen. Sie kann die Patienten begleiten und ihnen sagen, wie sie ihr Gewicht halten können und welche Ernährung dafür die beste ist.

Welche Rolle spielt Bewegung in der Prävention von Diabetes?

Wir empfehlen Bewegung auf jeden Fall. Nur in der intensiven Abnehmphase ist Joggen keine gute Idee, da fehlt die Energie. Wir bieten deshalb Wassergymnastik oder Walking an. Ganz unabhängig von dem Programm gilt aber: sich eine halbe Stunde pro Tag oder 150 Minuten pro Woche so bewegen, dass man ins Schwitzen kommt. Wenn man mehr machen will, sollte man beim Arzt auch abklären lassen, dass mit Herz und Gefäßen alles OK ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Professor Pfeiffer.
Das Interview führte Florian Schumann.

Service Box

  • Lancet-Studie

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