Leerer Rollstuhl an einem Strand (Bild: unsplash/Hans Moermann)
Bild: unsplash/Hans Moermann

Hintergrund l Ursachen & Therapiemöglichkeiten - Multiple Sklerose: Angriff aus dem eigenen Körper

Bei der Multiplen Sklerose (MS) wird das zentrale Nervensystem durch Entzündungen angegriffen. Das kann praktisch jede Region des Gehirns oder des Rückenmarks betreffen, daher gilt MS auch als "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern". Die Ursachen sind noch nicht ganz klar, aber die Folgen: Das Immunsystem geht auf eigene Nerven los. Therapien zielen auf Lebensqualität und Verlangsamung.

Neben der Epilepsie zählt Multiple Skleroose (MS) zu den häufigsten chronischen Nervenerkrankungen. Mehr als 2,5 Millionen Menschen sind weltweit betroffen, in Deutschland sind derzeit schätzungsweise 220.000 bis 250.000 Menschen an der MS erkrankt - Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer.
Die Zahl an Patienten steigt ebenso wie die Zahl der Neuerkrankungen: Jährlich kommen mehr als 10.000 Menschen hinzu. Die Betroffenen sind bei der Diagnose meist zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Die chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) kann praktisch jede Region des Gehirns oder des Rückenmarks betreffen und wird daher auch die "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern" genannt. Bei den Betroffenen finden Experten typische Entzündungsherde, die allmählich die Nervenscheiden und dann auch die Nervenstränge zerstören. Die Signalübertragung zwischen den Nerven wird durch diesen Zerstörungsprozess immer stärker eingeschränkt.
 
Die Krankheit ist nicht heilbar und verläuft meist in Schüben. Oft bilden sich die Beschwerden nach einem Schub nicht vollständig zurück, sondern bleiben oder verstärken sich mit den Jahren.

Ursachen noch unklar

Die genauen Ursachen der MS sind noch ungeklärt. Experten gehen von einem multifaktoriellen Geschehen aus, bei dem eine genetische Veranlagung und Umwelteinflüsse das körpereigene Abwehrsystem schädigen. Auch Infektionen im Kindesalter stehen im Verdacht.
 
Offenbar sind es jedoch nicht die Erreger selbst, die den Angriff auf die schützende Nervenhülle und -fasern auslösen, sondern die allgemeine Reaktion des Immunsystems auf sie.
 
Konkret heißt das: Bei der MS gibt es vermutlich fehlerhaft gereifte und damit falsch programmierte T-Zellen, die bestimmte Zellen angreifen, die die Myelinscheiden der Nervenfasern bilden.
Die T-Zellen senden Zytokine aus, um weitere Mitstreiter wie Fresszellen, Antikörper und Komplementsystem anzulocken. Es kommt zu einer Entzündungsreaktion und immer mehr Entzündungsherden. Die Myelinscheiden werden nach und nach zerstört.
 
In der Folge werden Nervenimpulse langsamer oder überhaupt nicht weitergeleitet. Es kommt zu Vernarbungen und dem Verlust von Nervengewebe.

Verlauf sehr individuell

Die MS verläuft individuell unterschiedlich. Drei von vier Patienten haben zunächst vereinzelte Symptome wie Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl oder eine belastungsabhängige Schwäche der Beine.
 
Mit der Zeit kommen weitere Beschwerden dazu:
 
· Ermüdung
· Abgeschlagenheit
· Schmerzen
· Inkontinenz
· sexuelle Funktionsstörungen

Verschlechterung von Schub zu Schub

In den meisten Fällen verläuft die MS dann schubförmig: Die Beschwerden flammen plötzlich auf und können sich rasch wieder zurückbilden. Entsteht ein Entzündungsherd, können die neuralen Botschaften jedoch nicht mehr so wirkungsvoll übertragen werden: MS-Erkrankte können dann zum Beispiel Missempfindungen verspüren, vermehrt stolpern oder Schwierigkeiten beim Sehen bekommen.
 
Nach und nach verschlechtert sich so der Zustand der Patientinnen und Patienten. Eine Grippe, Infektionen des Magen-Darm-Trakts, Narkosen und Operationen können die Wahrscheinlichkeit für einen erneuten Schub erhöhen.
 
Zu den daraus resultierenden Beschwerden zählen unterschiedliche, nachhaltige neurologischen Störungen wie:
 
· Sehstörungen, Doppelbilder
· Missempfindungen, Taubheit
· Gangunsicherheit
· Koordinations- Bewegungs- und Lähmungserscheinungen
· Sensibilitäts-Störungen der Haut
· Kribbeln
· Blasenstörungen
· "verwaschenes" Sprechen
· Lähmungserscheinungen der Beine
· kognitive Störungen
· Depressionen
· Schwindel

Aufwändige Diagnose

Die Diagnose der MS treffen Ärzte mithilfe einer umfassenden, möglichst detaillierten Erfassung der bisherigen Krankheitsgeschichte und verschiedenen neurologischen Untersuchungen. Dazu zählen:
 
· neurologische, körperliche Untersuchung
· evozierte Potentiale (Nervenleitfähigkeit und Geschwindigkeit)
· Lumbalpunktion (Nervenwassergewinnung)
· Magnetresonanztomographie (MRT, Kernspinresonanz-Tomographie des Gehirns und des Rückenmarkes)

Formen der MS

Prinzipiell lässt sich die MS in vier Formen aufteilen:
 
1. Bei der schubförmig remittierenden MS (Relapsing Remitting MS, RRMS) lassen sich einzelne Schübe abgrenzen. Die klinischen Symptome bilden sich vollständig oder unvollständig zurück. Diese häufigste Form kann zu dauerhaften Behinderungen führen. An der RRMS erkranken Frauen im Schnitt dreimal häufiger als Männer. Auch beginnt die RRMS meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.
 
2. Seltener tritt die sogenannte primär progrediente Form (PPMS) auf. Im Gegensatz zur remittierend schubförmigen MS entwickeln sich die neurologischen Symptome hierbei eher schleichend. Die PPMS beginnt meist erst im Alter von 40 bis 50 Jahren und trifft Männer und Frauen mit gleicher Häufigkeit. 15 - 20 Prozent der MS-Betroffenen in Deutschland leiden unter der primär progredienten MS.
 
3. Bei der dritten Form, der sekundär progredienten MS, verschlechtert sich die Nervenstörung sehr langsam, die klinische Verschlechterung tritt unabhängig von Schüben auf.
 
4. Bei der vierten Variante, der gutartigen MS, müssen die Patientinnen und Patienten über Jahrzehnte mit keiner nennenswerten Behinderung rechnen.

So wird MS therapiert

Oberstes Ziel der Therapie ist es, das Fortschreiten der Beschwerden zu verzögern und den Betroffenen ein möglichst sorgenfreies, alltägliches Leben bei guter Lebensqualität zu ermöglichen.
 
Das sind die Therapieformen im Einzelnen:
 
Schubtherapie: Im akuten Schub erhalten die Patienten häufig hochdosiert Glukokortikoide. Die Glukokortikoide dämpfen die akute Entzündung und dichten die Blut-Hirn-Schranke ab, so dass die entzündungsfördernden Immunzellen diese nicht passieren können.
 
Immuntherapie: Langfristig wird bei der MS medikamentös entweder die Immunantwort unterdrückt oder die Immunantwort beeinflusst.
 
• Zusätzlich erhalten die Patienten physiotherapeutische, logopädische, ergotherapeutische, psychotherapeutische, medikamentöse und operative Hilfen.

Beitrag von Beate Wagner

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