Junge Frau schmust mit Pferd (Quelle: imago/Panthermedia)
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Wie Pferde unterstützen können - Reittherapie bei Multipler Sklerose

Reiten ist für viele Menschen das große Glück. Für Menschen mit Multipler Sklerose ist es sogar noch ein bisschen mehr: Es wirkt sich positiv auf ihre MS-Symptome aus und stärkt die Psyche. Die rbb-Praxis hat mit Reittherapeutin Inge Morgenroth und zwei ihrer Patientinnen gesprochen.

Angelika Kirsch und Kathrin Preuss haben beide seit über 20 Jahren Multiple Sklerose. Derzeit sind sie bei Frau Morgenroth und ihren Pferden in Therapie. Hippotherapie ist keine Kassenleistung, die Stunden zahlen die beiden Frauen privat.

Frau Morgenroth, wie kann Reittherapie bei MS-Kranken helfen?

Das hängt sehr davon ab, welche Symptome MS-Betroffene haben und wozu sie körperlich noch in der Lage sind. Pferde können sowohl auf der physischen als auch auf der psychischen Ebene sehr hilfreich sein. Den meisten Betroffenen geht es gar nicht so sehr ums Reiten, also um Übungen auf dem Pferd, sondern um den Kontakt mit dem Pferd. Die Berührung, die Wärme und Präsenz der Pferde hat eine beruhigende Wirkung. Dabei kann man beobachten, wie sich Klienten psychisch stabilisieren.

Das kann die MS-Patientin Katrin Preuss bestätigen: „Auf mich wirkt die entschleunigte, entspannte Atmosphäre. Die beginnt schon, wenn ich am Stall ankommen. Ich lerne viel vom Pferd viel, zum Beispiel im Hier und Jetzt zu sein. Die Sorgen und die eigene Krankheit bleiben in der Zeit beim Pferd außen vor. Auf mich hat die Ausstrahlung und die Ruhe des Pferdes eine ganz beruhigende Wirkung. Wenn ich das Pferd anfasse, diese Wärme spüre, ist das für mich etwas ganz Tolles."
 
 

Wie wirkt Reittherapie auf der körperlichen Ebene?

Beim Reiten werden Muskeln angesprochen, die wir auch beim Gehen benutzen, das heißt wenn Menschen mit MS das Gehen schwer fällt, können diese Muskeln beim Reiten trainiert werden. Oft sitzen die Klienten dann ohne Sattel mit einer Decke auf dem Pferderücken. Dabei spüren sie sehr genau die Bewegungen des Pferdes, und das Pferd erreicht den Körper des Reiters sehr direkt. MS-Patienten haben oft eine Anspannung und Verkrampfung in den Gliedmaßen, die Bewegungen des Pferdes können entspannend wirken. Das Ganze muss man als Reittherapeut allerdings sehr genau begleiten und darauf achten, dass sich der Klient nicht überanstrengt.

MS-Patientin Angelika Kirsch hat damit ihre Erfahrungen gemacht. Sie sagt: "Ich habe zum Beispiel durch die Multiple Sklerose starke Gleichgewichtsstörungen und Schwindel. Wenn ich auf dem Pferd sitze, kann ich mein Gleichgewicht wunderbar austangieren. Am liebsten mache ich das ohne Sattel, da lasse ich mich praktisch auf dem Pferd hängen, das ist ein richtiges Abhängen. Für meinen Hals, Rücken und Nacken ist das auch sehr entspannend."

Frau Morgenroth, Ihr Pferd ist Ihr Co-Therapeut – was kann es, was sie nicht können?

Es kann etwas, was wir Menschen eigentlich könnten, aber uns oft nicht gelingt: Wertfrei auf jemanden zu gehen, ohne zu urteilen. Da Pferde Herdentiere sind, suchen sie den engen Kontakt zum Menschen und sind stets zugewandt.

Wie wird ein Therapiepferd ausgebildet?

Das Pferd darf nicht schreckhaft sein. Man macht mit ihnen eine Art Gelassenheitstraining. Ich finde es allerdings wichtig, dass man dem Pferd auch gewisse Freiheiten lässt und ihnen nicht den eigenen Willen nimmt. Das Pferd sollte sich also bemerkbar machen dürfen. Das bedeutet, wenn es Angst hat, sollte es auch mal stehen bleiben können und gucken. Als Reittherapeut ist es dabei wichtig, die Situation im Griff zu haben. Es geht also nicht darum, dass die Pferde wie ein Gerät funktionieren.

Kann Ihnen das Pferd zum Beispiel die Befindlichkeiten von Frau Kirsch übersetzen?

Auf jeden Fall. Das hängt mit der ausgeprägten Sensibilität des Pferdes zusammen. Dadurch dass sie Flucht- und Herdentiere sind, nehmen sie alles sehr genau wahr. Man muss sozusagen die Pferdesprache beherrschen und Lesen können, was das Pferd wahrnimmt. Wenn ein Pferd zum Beispiel spürt, dass ein MS-Patient aufgrund von Bewegungseinschränkungen nicht mehr laufen kann, stellt es sich sofort darauf ein. So läuft es zum Beispiel langsamer oder bleibt stehen, wenn es merkt, dass der Klient nicht mehr kann. Da gibt es wunderbare Momente.

Wie sieht eine Therapieeinheit aus?

Die Klienten putzen das Pferd, bereiten es selbst vor. Der Kontakt mit dem Pferd gehört dazu. Manchmal stehen sie auch einfach nur da, streicheln es und genießen den Kontakt zum Pferd. Ich habe oft das Gefühl, sie ruhen sich am Pferd aus. Manche Klienten werden dann geführt, andere können alleine im Longierzirkel reiten. Das ist sehr individuell.

Frau Preuss, was können Sie von der Reittherapie mit in Ihren Alltag übernehmen?

Die Bewegungsabläufe ändern sich, weil beim Reiten andere Muskelgruppen angesprochen werden. Man könnte das als intensive Physiotherapie bezeichnen. Ich fühle mich durch die Reittherapie beweglicher und mental bringt es mir auch was. Ich bin seitdem glücklicher. Ich schöpfe daraus unwahrscheinlich viel Kraft.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Laura Will

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