3D-Grafik eines Gehirns (Bild: unsplash/Fakurian Arts)
Bild: unsplash/Fakurian Arts

Vorbeugen, erkennen, behandeln - Schlaganfall: Gefahr fürs Gehirn

Eine Viertelmillion Menschen in Deutschland trifft pro Jahr ein Schlaganfall - oft mit dauerhaften Folgen für Gesundheit und Lebensqualität. Wer ist gefährdet, und wie kann man das Risiko bannen? Wie erkennt man einen Schlaganfall? Wann muss man handeln? Antworten im Überblick.

Man kennt den Schlaganfall unter vielen Namen: Apoplex, Insult, Stroke oder Hirninfarkt. Hierzulande trifft jedes Jahr etwa 260.000 Menschen der Schlag - etwa so viele, wie in Städten wie Freiburg, Erfurt oder Rostock leben.
 
Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland: Jeder vierte Patient stirbt innerhalb der ersten vier Wochen, das sind 65.000 Patienten pro Jahr. Ein Drittel überlebt mit körperlichen Einschränkungen. Jeder 20. gilt sogar als schwerbehindert.
 
Bekannt ist der Schlaganfall als Erkrankung des Alters. Doch fünf bis zehn Prozent der Schlaganfallpatienten sind jünger als 50 Jahre. Selbst Kinder können einen Hirnschlag bekommen: Pro Jahr haben 200 bis 300 Kinder einen Schlaganfall.

Schlaganfall ist nicht gleich Schlaganfall

Beim Schlaganfall oder Hirnschlag werden infolge eines akuten Ereignisses bestimmte Hirnregionen nicht länger durchblutet. Abhängig davon, welche das sind, treten typische Symptome auf (siehe unten). Bei der Versorgung zählt jede Minute: Innerhalb kurzer Zeit sterben die Nervenzellen ab, weil sie nicht länger mit Sauerstoff versorgt werden.
 
Neurologen unterscheiden zwei Formen des Schlaganfalls:
Beim sogenannten ischämischen Schlaganfall verschließen Blutgerinnsel oder Ablagerungen das Gefäß.
Beim sogenannten hämorrhagischen Infarkt reißt ein Gefäß ein oder platzt, so dass die Hirnzellen nicht mehr normal versorgt werden. Je nach Ort der Hirnblutung differenzieren Mediziner den hämorrhagischen Schlaganfall noch einmal.

Schlaganfall kündigt sich an

Etwa ein Viertel der Schlaganfall-Patienten berichtet, dass sie in den Tagen, Wochen
und Monaten vor dem Schlaganfall Lähmungserscheinungen oder Sensibilitätsstörungen erlebt haben. Experten bezeichnen solche flüchtigen Durchblutungsstörungen als transitorische ischämische Attacke (TIA), eine vorübergehende Durchblutungsstörung. Sie bildet sich in der Regel innerhalb von Minuten oder wenigen Stunden zurück.
Die Symptome werden von vielen Betroffenen unterschätzt – und führen oft nicht zu weiteren Untersuchungen. Fatal, denn immerhin können diese Anzeichen Vorboten für einen lebensbedrohlichen Schlaganfall sein. Betroffene sollten sich daher zur weiteren Diagnostik an ihren Hausarzt wenden.

Therapie abhängig von Ursache

Nur eine rasche Therapie kann den Untergang der Gehirnzellen und die mit dem Schlaganfall einhergehenden Todesfälle verhindern. Die Behandlung unterscheidet sich abhängig davon, ob ein ischämischer oder hämorrhagischer Schlaganfall vorliegt. Daher wird zunächst eine Computer-Tomographie (CT) angefertigt, um zu sehen, ob eine Blutung vorliegt. Einen frischen Schlaganfall erkennt man im CT übrigens nicht.
 
Beim ischämischen Schlaganfall bekommen die Patienten hochdosierte Gerinnungshemmer, die das Blutgerinnsel auflösen sollen. Es bleiben vier Stunden, um mit der Therapie zu beginnen. Falls diese Lysetherapie nicht ausreicht oder funktioniert, legen die Ärzte den Patientinnen und Patienten eine medikamentenbeschichtete Gefäßstütze (Stent) ein, die das verengte Blutgefäß offen hält.
 
Bei einem hämorrhagischen Infarkt flicken Hirnchirurginnen und Hirnchirurgen die beschädigte Arterie und senken den Druck des ausgetretenen Blutes auf das Gehirn operativ. Es gibt zudem Medikamente, die helfen, die Hirndurchblutung wieder zu normalisieren.

Versorgung: Vorteile der Stroke Unit

Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten gehören bestenfalls in eine Klinik, bei der es rund um die Uhr möglich ist, die Ursache des Schlaganfalls zu diagnostizieren. Dazu bedarf es vor allem diverser Bildgebungsverfahren.
Noch besser sind Kliniken, die mit einer Schlaganfall-Spezialabteilung (Stroke Unit) ausgestattet sind. Mittlerweile gibt es bundesweit weit über 200 derartige Einrichtungen.

FAST-Test für die schnelle Prüfung

Dreh- und Angelpunkt für eine rasche Versorgung ist die schnellstmögliche Diagnose des Schlaganfalls. Je nachdem, wo sich das verstopfte Gefäß befindet und welche Hirnregionen es versorgt, zeigen Betroffene unterschiedliche Symptome. Dazu gehören Lähmungen ebenso wie Seh- und Empfindungsstörungen.
 
Der FAST-Test (Face, Arm, Speech, Time – Gesicht, Arme, Sprache, Zeit) ist ein schneller, einfacher Check, mit dem Laien einen Schlaganfall erkennen können. Dabei wird der Patient/die Patientin zu verschiedenen Handlungen aufgefordert:
 
- Face: Bitten Sie vermeintlich Betroffene zu lächeln. Infolge gelähmter Gesichtsmuskeln verzieht sich sein/ihr Gesicht schief.
- Arm: Bitten Sie den Patienten/die Patientin, die Arme mit den Handflächen nach oben zu heben. Bei einem Schlaganfall wird er/sie einen Arm nicht heben können oder der Arm senkt sich wieder.
- Speech: Bitten Sie den Patienten/die Patientin einen einfachen Satz zu sprechen. Seine/Ihre Sprache sollte klar und deutlich sein und nicht verwaschen klingen.
- Time: Ist mindestens ein Ergebnis auffällig, rufen Sie so schnell wie möglich einen Arzt/eine Ärztin oder den Rettungsdienst.

Lähmungen, Seh- und Empfindungsstörungen

Verändertes Sehen
Ein Schlaganfall kann sich ganz unterschiedlich auf das Sehen auswirken. Betroffene sehen beispielsweise Doppelbilder oder haben das Gefühl, wie durch eine beschlagene Brille zu schauen. Oder sie nehmen Dinge nicht mehr wahr, die am linken oder rechten Sehrand liegen (Gesichtsfeldausfall). Auch ihr räumliches Sehen verändert sich, sodass sie sich in einer eigentlich vertrauten Umgebung nicht mehr zurechtfinden.
 
Verändertes Sprechen
Die Sprache kann abgehackt und stockend sein. Betroffene verwenden falsche Silben, Buchstaben oder Wörter. Er oder sie lallt, nuschelt und klingt verwaschen, oder spricht nur noch im Telegrammstil. Selten fällt die Sprache komplett aus.
 
Lähmungen und Taubheitsgefühle
Typischerweise ist nach einem Schlaganfall eine Seite des Körpers mehr oder weniger gelähmt. Ein Mundwinkel hängt herab, der Arm lässt sich nicht mehr bewegen und im Bein fehlt die Kraft. Dazu gesellt sich oft ein Taubheitsgefühl, als ob Arm oder Bein eingeschlafen sind. Je nach Schwere können Kraft oder Gefühl oder beides in Mitleidenschaft gezogen sein.
 
Schwindel und unsicherer Gang
Auch plötzlicher Schwindel und ein unsicherer Gang weisen auf einen Schlaganfall hin. Betroffene erleben den Schwindel ganz unterschiedlich. Manche berichten über einen Drehschwindel, als ob sie Karussell fahren oder sie fühlen sich wie auf hoher See. Das Gefühl für Gleichgewicht und Koordination geht verloren.
 
Kopfschmerz
Selten aber heftig können Kopfschmerzen auftreten. Sie entstehen bei Durchblutungsstörungen nach einem Gefäßverschluss oder durch den zunehmenden Druck auf das Gehirn, weil nach einer Gefäßruptur Blut austritt. Der Kopfschmerz wird oft von Übelkeit und Erbrechen begleitet.

Rasch handeln!

Bemerken Sie Anzeichen für einen Schlaganfall bei sich oder einem anderen Menschen, wählen Sie sofort den Notruf 112 und melden Sie der Rettungsleitstelle den Verdacht auf einen Schlaganfall. Bis zum Eintreffen des Notarztes sollte man den Oberkörper des/der Betroffenen erhöhen, für optimale Atmung sorgen und keine Speisen oder Getränke geben.
 
Je weniger Zeit zwischen den ersten Symptomen und dem Beginn der Behandlung liegt, desto günstiger ist die Prognose für den Patienten oder die Patientin - und desto größer die Hoffnung auf ein Leben ohne bleibende Schäden.

Reha - zurück in den Alltag

Zu den häufigsten, nicht sichtbaren Funktionsstörungen nach Schlaganfall zählen:
• Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizite, oft einhergehend mit Gedächtnislücken und Planungsstörungen,
• Sprach- oder Sehstörungen,
• emotionale Veränderungen, die vor allem die Beziehung zu Partnern und Angehörigen belasten.
 
Patienten gehen nach einem akuten Schlaganfall in die Rehabilitation, um körperliche Beeinträchtigungen wie Lähmungen oder Sprachstörungen zu behandeln.
 
Hier erhalten sie u. a. Physio- und Ergotherapie. Durch die täglichen Übungen lernen sie, die ausgefallenen Körperfunktionen wieder zu aktivieren oder Einschränkungen zu überwinden. Inzwischen weiß man, dass die Neuronen auch Jahre nach dem Schlaganfall noch dazu in der Lage sind. Der Mythos, was nach einem Jahr nicht wieder da sei, komme auch später nicht zurück, ist wissenschaftlich mittlerweile widerlegt. Das Gehirn knüpft neue Verbindungen dann, wenn Bewegungsabläufe immer wieder trainiert werden.
 
Spezifische und ausgefeilte Rehabilitationsverfahren verbessern die motorische Erholung von Schlaganfallpatientinnen und -patienten.
Zu den Therapiemöglichkeiten während der Rehabilitation gehören:
• Krankengymnastik
• Sprach- und Sprechtherapie
• Arbeits- und Beschäftigungstherapie
• Versorgung mit Hilfsmitteln
• Therapie von Seh- und Wahrnehmungsstörungen
• Kunst- und Musiktherapie
• Wiedereingliederungsmaßnahmen
 
Ziel der Schlaganfalltherapie ist es, dass Betroffene ihren Alltag möglichst selbstständig meistern können und nicht pflegebedürftig werden.

Schlaganfall-Selbsthilfegruppe

Eine wichtige Rolle für das Leben nach dem Schlaganfall kann neben der medizinischen und therapeutischen Behandlung die Selbsthilfe spielen. Unter dem Dach der Deutschen Schlaganfallhilfe sind rund 500 Selbsthilfegruppen versammelt. Diese Gruppen sind größtenteils von Schlaganfall-Betroffenen und/oder ihren Angehörigen gegründet. Fast jede Gruppe wird von Fachärztinnen und Therapeuten vor Ort unterstützt.

Verhindern, dass etwas passiert

Rund 70 Prozent der Schlaganfälle können durch präventive Therapien verhindert werden, glauben Spezialisten. Wichtigster Punkt: Risikofaktoren vermeiden. Einige kann man durch eine Veränderung der Lebensführung, andere durch Medikamente beeinflussen. Oft sind es ein paar Kilo zu viel, gepaart mit Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und Bluthochdruck, die aus einem nur übergewichtigen Menschen einen Hochrisiko-Patienten machen. Verhindern ließe sich das durch mehr Bewegung und eine gesündere Ernährung.
 
Auch das zunehmende Alter ist ein Risikofaktor: Je älter man wird, desto größer ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Männer sind häufiger und früher betroffen als Frauen. Jenseits des 50. Lebensjahres sind deshalb Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll, insbesondere dann, wenn bereits Eltern, Großeltern oder Geschwister einen Schlaganfall hatten.
Patienten mit ausgeprägten atherosklerotischen Veränderungen der hirnversorgenden Halsschlagadern weisen ein hohes Risiko für Schlaganfälle durch einen Gefäßverschluss auf.
 
Auch Vorhofflimmern gehört zu den Risikofaktoren für einen Schlaganfall. Durch das extrem schnelle Schlagen der Vorhöfe wird das Blut im Herzen nicht mehr ausreichend durchmischt, so dass sich leichter Gerinnsel bilden. Das Herz pumpt den Blutpfropfen in die Blutbahn, von dort wandert er ins Gehirn. Bei Betroffenen verhindern Blutverdünner, dass sich Blutgerinnsel bilden. Mit rhythmusstabilisierenden Medikamenten lässt sich das Vorhofflimmern eindämmen. Kardiologen führen eine Katheterablation oder Verödung durch, wenn sich der Herzschlag unter den Pillen nicht normalisiert.

Infotext: Constanze Löffler

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