In einer Reihe aufgestellte Dominosteinesteine werden von Hand umgestoßen (Quelle: colourbox)
Bild: colourbox

Früherkennung von Parkinson - Vor dem großen Zittern

Mit einem Hauttest lässt sich Parkinson diagnostizieren lange bevor die motorischen Symptome auftreten. Das ermöglicht eine frühere Therapie – die es bislang noch nicht gibt.  

Hard-Rocker Ozzy Osbourne, Schauspieler Michael J. Fox, Weltklasse-Dirigent Kurt Masur – sie alle sind am gleichen Leiden erkrankt: Parkinson im fortgeschrittenen Stadium – mit begrenzten Therapiemöglichkeiten. Eine Gruppe deutscher Wissenschaftler hat nun einen einfachen Test entwickelt, um Parkinson viel früher festzustellen, lange bevor die Hände zittern und sich Gangstörungen einstellen. Die Forscher aus Würzburg und Marburg entdeckten, dass sich bei Parkinson-Patienten sogenanntes Alpha-Synuclein in den Nervenenden der Haut ablagert. Den Biomarker wiesen sie in Hautproben per Fluoreszenz-Technologie nach. Der Einsatz des Testes ist als Screening-Methode in der Allgemeinbevölkerung zu teuer und zu aufwändig. "Der Test kann allerdings bei Hochrisiko-Patienten sinnvoll sein", glaubt Georg Ebersbach, Parkinson-Experte und Chefarzt der Beelitz Kliniken. Dazu gehören Patienten mit einer REM-Schlafstörung.

Verletzt im Traum

REM ist die Abkürzung für Rapid-Eye-Movement. Schnelle Augenbewegungen vollführen alle Schläfer in den nächtlichen Traumphasen. Gleichzeitig ist die Bewegungsmuskulatur komplett gelähmt. Nicht so bei Menschen mit einer REM-Schlafstörung (RBD = REM sleep behavior disorder); ihre Muskelerschlaffung ist im Schlaf aufgehoben. Gleichzeitig haben sie aggressive und gewalttätige Träume. Aus dem Schlaf heraus attackieren sie den Bettpartner, stürzen aus dem Bett oder schlagen gegen die Bettkante. "Mehr als Dreiviertel dieser Menschen entwickeln innerhalb von 15 bis 20 Jahren eine Parkinson‐Erkrankung", erklärt Ebersbach.

Alpha-Synuclein – Schlüsseleiweiß bei Parkinson

18 dieser Hochrisiko-Patienten mit REM-Schlafstörungen nahmen an der Hauttest-Studie teil, daneben 25 Patienten mit einem frühen Morbus Parkinson und 20 gesunde Kontrollprobanden. Die Forscher entnahmen den Teilnehmern je vier Hautproben am Rücken und am Bein. Mittels Doppel-Immunfluoreszenzfärbung suchten sie in den Nervenfasern der Haut nach Ablagerungen von phosphoryliertem Alpha-Synuclein. Am Ende wiesen sie bei 10 von 18 (55 Prozent) RBD-Patienten, bei 20 von 25 Parkinson Patienten (80 Prozent) und bei keinem der gesunden Kontrollprobanden die Substanz nach.

Alpha-Synuclein gilt als Schlüsselsubstanz beim Morbus Parkinson. Parkinson-Experte Ebersbach stützt die von Hirnforschern favorisierte Hypothese, dass Ablagerungen von Alpha-Synuclein für das Absterben der Hirnzellen verantwortlich sind. "Sie sind die Ursache dieser neurodegenerativen Erkrankung", glaubt der Neurologe.
 
Bereits im Jahr 2014 hatten die Forscher um Studienautorin Kathrin Doppler aus der Uniklinik Würzburg gezeigt, dass Alpha-Synuclein sich auch in der Haut ablagert. Noch gelte es jedoch zu klären, wie sensitiv der Test ist, gibt Ebersbach zu bedenken. "Von zehn RBD-Patienten hatten nur sieben phophorylisiertes Alpha-Synuclein in der Haut, obwohl sie in einer nuklearmedizinischen Untersuchung bereits Anzeichen eines Dopaminmangels aufwiesen." Weitere Studien mit größeren Patientenzahlen müssen hier Klärung bringen.

Erst unspezifische Symptome

Morbus Parkinson ist nach der Alzheimer-Demenz die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Beschrieben wurde sie erstmals vom englischen Arzt James Parkinson im Jahre 1817; bekannt ist die Schüttellähmung seit der Antike. Rund 220.000 Parkinson-Patienten leben in Deutschland, jedes Jahr kommen 20.000 neue dazu. Schätzungsweise noch einmal so viele Patienten befinden sich im Frühstadium der Erkrankung. Das Problem: Ihre Krankheitszeichen sind lange völlig unspezifisch. Sie riechen schlechter, haben Rücken- und Gliederschmerzen, werden melancholisch oder leiden unter Verstopfungen. Häufige Fehldiagnosen wie Depressionen, Arthrose und Rheuma sind die Folge. Erst nach Jahren fangen die Hände an zu zittern, die Bewegungen werden staksig, ungelenk und auffällig langsam.

Dopaminmangel löst Bewegungsstörungen aus

Der Grund für die Veränderungen: In der Substantia nigra, der schwarzen Substanz im Mittelhirn, sterben Nervenzellen ab. Schwarze Substanz heißt dieser Teil des Gehirns, da die Zellkerne eine hohe Konzentration an Melanin enthalten, wodurch sie dunkel gefärbt sind.  Diese Zellen stellen normalerweise Dopamin her, ein wichtiger Botenstoff für die Übertragung von Informationen im Gehirn. Die typischen Bewegungsstörungen sind die Folge des Dopaminmangels; sie treten jedoch erst auf, wenn 80 Prozent der dopaminergen Nervenendigungen und bis zu 50 Prozent der Nervenzellen in der Substantia nigra im Gehirn unwiederbringlich zerstört sind.

Medikamente haben nur begrenzte Wirkung

Dopamin lässt sich auch noch in späteren Krankheitsstadien durch Medikamente ersetzen. Da unter der Therapie aber auch andere Zellen beispielsweise in Bereichen der Hirnrinde kontinuierlich weiter absterben, treten zunehmend Symptome in den Vordergrund, die nicht durch Dopaminersatz behandelt werden können, zum Beispiel Sprech- und Gleichgewichtsstörungen.

Welche Früherkennung gibt es noch?

Außer den deutschen Wissenschaftlern um Kathrin Doppler forschen zahlreiche Arbeitsgruppen weltweit an Methoden, Parkinson vor Beginn der Bewegungsstörungen zu entdecken. Die meisten Verfahren zielen auf den Nachweis von Alpha-Synuclein in verschiedenen Organen und Flüssigkeiten ab. So laufen Untersuchungen, Alpha-Synuclein in der Darmschleimhaut, in der Speicheldrüse oder in Serum und Rückenmarkflüssigkeit nachzuweisen. Ein weiterer Ansatz ist der Nachweis von bestimmten fadenförmigen Proteinen (Neurofilament light chain Protein, NfL) im Blut oder Rückenmark. "Diese Tests befinden sich jedoch alle noch auf Laborlevel", so Parkinson-Experte Ebersbach.

Ein Ausblick

Eine frühere Diagnose macht vor allem dann Sinn, wenn es krankheitsmodifizierende Medikamente gibt. Bislang hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt. "Hier wurden in der Vergangenheit viel Geld und Hoffnung verbrannt", bedauert Ebersbach. Einige neue Ansätze lassen nun wieder hoffen. Aktuell werden zwei immuntherapeutische Substanzen an Patienten getestet. Der Impfstoff der österreichischen Firma Affiris soll eine Reduktion der Alpha-synuclein-Ablagerungen im Gehirn bewirken. Die irische Biotech-Company Prothena hat einen Antikörper gegen Alpha-Synuclein entwickelt. PRX002 verbindet sich mit Alpha-Synuclein in den Gehirnzellen. Werden diese Klümpchen vom Immunsystem abtransportiert, sind die Gehirnzellen vor weiteren Schäden durch Parkinson geschützt, glauben die Entwickler. Sollten sich diese Hoffnungen bestätigen, wird auch der Hauttest aus Deutschland wieder für Kliniker interessant, meint Ebersbach. "Wenn wir über eine wirksame neuroprotektive Therapie bei Parkinson verfügen, werden wir alles dafür tun, um die Patienten zu finden, die davon profitieren."