Rennende Business-Frau mit Smartphone in der Hand (Quelle: imago/Westend61)
Bild: imago/Westend61

TK-Stresstudie 2016 - Wenn Stress zum Gesundheitsproblem wird

Stress belastet - nicht nur die Psyche, sondern auch den Körper - besonders durch Faktoren wie ständige Erreichbarkeit und mangelnde Anerkennung, wie eine neue Studie zeigt. Hauptstressfaktor: der Job - und das obwohl die Arbeitszeit statistisch eher sinkt. 

"Gefahr erkannt, Gefahr gebannt" gilt in Deutschland in Sachen Stress nicht. Seit Jahren steigt der empfundene Stresspegel der Bevölkerung in den Statistiken. Auch die Fehlzeiten bei der Arbeit aufgrund psychischer Belastungen bestätigen das - sie sind in den vergangenen 15 Jahren um etwa 90 Prozent angestiegen, so ein Ergebnis des Forsa-Instituts im Auftrag der Techniker Krankenkasse für die "TK-Stresstudie 2016". Ihr zufolge leiden 61 Prozent der Befragten regelmäßig unter Stress im Alltag.

Am stärksten betroffen sind Menschen zwischen 30 und 39 Jahren, Frauen und Angestellte. Eine neue Entwicklung: Der Unterschied zwischen Stadt- und Landbewohnern, der in der Vergleichsstudie 2013 noch sehr stark war - gerade in Berlin und Brandenburg - ist gewichen. Die Forscher konnten keine klaren Unterschiede mehr zwischen den Stressleveln von Stadtbewohnern und Bewohnern eher ländlicher Räume feststellen. Grund: Auch auf dem Land hat der Stress zugenommen.
 
Liegt es an der digitalen Revolution? Darauf kann bisher keine Studie eine Antwort geben. Auffällig ist aber noch etwas anderes: In Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg ist mit je 22 Prozent der Anteil der glücklichen Menschen am höchsten. Dabei liegen Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern auf den Top-Plätzen.

Der Stress steigt

Schon 2013 hatte die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) eine Studie veröffentlicht, der zufolge 2012 fast jeder zweite Deutsche, genauer 42 Prozent, auf Grund psychischer Erkrankungen in Frührente gehen muss. Der BPtK-Studie nach gingen 2012 etwa 14 Prozent aller betrieblichen Fehltage auf psychische Ursachen zurück.

Die neue TK-Stressstudie bestätigt den Trend: Die Befragten empfinden den Stress als ein Phänomen, das in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Über 60 Prozent der Befragten erklärten, der Stress habe seit 2013 zugenommen - besonders deutlich wird das bei den 18-39-jährigen. Hier sind es sogar über 70 Prozent, die von mehr Stress sprechen.

Dieses Ergebnis entspricht einer anderen Befragung in Hinblick auf Studenten, die die Universitäten Potsdam und Hohenheim im Auftrag der AOK durchführten. Ergebnis: Die Brandenburger Studenten gaben zusammen mit denen aus Bayern und Rheinland-Pfalz die niedrigsten Stresslevel im Bundesvergleich an. Berliner Studenten liegen in Sachen Stresslevel über dem Bundesdurchschnitt und insgesamt auf Platz Neun im "Stressranking".

Feste Arbeitszeiten? Nur auf dem Papier

Eine klar definierte Arbeitszeit ist für viele Arbeitnehmer in Vollzeit mittlerweile ähnlich utopisch, wie das früher vor allem für Selbstständige galt. Einerseits arbeitet im Schnitt jeder Deutsche pro Woche rund drei Stunden mehr als es sein Vertrag eigentlich vorsieht, wie eine EU-Studie belegt.

Deutschland liegt dabei in der EU auf Rang vier. Und auch die Arbeitszeiten haben sich verändert: Laut Statistischem Bundesamt arbeitete 2014 gut ein Viertel der Erwerbstätigen regelmäßig abends, also zwischen 18 und 23 Uhr - das sind fast doppelt so viele wie noch 1994.

Und: Das erhöht die Gefahr für Schlaganfall und koronale Herzerkrankungen, wie im vergangenen Oktober eine große internationale Metastudie auf Grundlage der Daten von über 600.000 Menschen in Europa, den USA und Australien nachweisen konnte.

Faktor "Digitale Erreichbarkeit"

Nachrichten vom Chef oder Kollegen in der Freizeit aus dem Weg zu gehen, ist im digitalen Zeitalter kaum noch möglich. Also einfach alles abschalten? Schwierig, denn einerseits will man die digitalen Helfer ja auch für andere schöne Dinge in der Freizeit nutzen. Laut TK-Studie entspannt beispielsweise ein Drittel der 18-39-jährigen im Netz, bei den 40-59-jährigen entspannen sich 24 Prozent mit digitalen Medien.

Und: Geräte Abschalten hilft auch nicht vor dem Gedanken, man könne etwas wichtiges verpassen, und auch der führt psychisch zu Stress - oft weil er mit Existenzängsten verknüpft ist. Folge: Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen - aber häufig nur zu Gunsten der Arbeit.

Das trifft besonders die sogenannte Sandwichgeneration, also Menschen zwischen 30 und 39 Jahren. Denn sie sind in einer Lebensphase, in der sie häufig nicht nur beruflich etwas aufbauen wollen, sondern auch privat - das eigene Zuhause, eine Familie. Dazu kommen die Eltern in ein Alter, in dem sie immer häufiger Hilfe brauchen. Wer dann bei der digitalen Erreichbarkeit schwer oder gar keine Grenzen setzen kann, arbeitet permanent an zwei bis drei "Baustellen" gleichzeitig. Laut TK-Studie fühlt sich jeder Vierte im Dauerstress und 43 Prozent der Beschäftigten fühlen sich abgearbeitet und verbraucht.

Stress ist nicht gleich Stress

Stress muss aber auch nicht per se negativ sein. Die TK-Studie belegt: Wer das Gefühl hat, für den Stress, den er sich macht, anerkannt zu werden, der empfindet ihn auch nicht als Belastung. Auch komme es weniger auf die Menge an Stress an, sondern vielmehr darauf, über wie viele Bereiche des Lebens er sich erstreckt, erklärt Peter Wendt, TK-Marktforscher bei der Präsentation der Studie. Besonders leiden würden die Menschen, die sowohl im Beruf als auch in der Familie oder mit dem Partner Stress haben.

Umgehen mit dem Stress

Sport, Bewegung, Freizeit mit Familie und Freunden - das sind nach wie vor vor allem die Dinge, mit denen die Deutschen sind entspannen und den negativen Stress abbauen können. Laut der TK-Studie kann ein solcher Abbaufaktor aber auch das Ehrenamt sein - solange die Arbeit wertgeschätzt wird. Das sorgt wiederum für innere Balance.

Experten der DGPPN, der größten deutschen Fachgesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, raten darüberhinaus dazu, sich klare Zeitfenster zu schaffen. Wenn freie Zeiten und Freizeitaktivitäten genauso ihren festen Platz in der Woche haben wie die Arbeitszeit, wird das Eine nicht so leicht durch das Andere verdrängt.

Wie man abschaltet, ist individuell, aber wenn das auch während des Tages in kleinen Pausen gelingt, können lässt sich so viel Stress abbauen. Warum zum Beispiel ausgerechnet mit den Kollegen mittags essen, die immer nur über die Arbeit reden? Vielleicht gibt es auch andere. Oder - denn digital kann eben auch entspannen - man streamt in einer kleinen Pause einfach mal fünf Minuten den Lieblingssong.

Beitrag von Lucia Hennerici

Weitere Beiträge

Eien Frau steht neben einem Baum (Bild: dpa)
dpa

Dossier | Psychische Erkrankungen - Wenn aus Krise Krankheit wird

Im Laufe des Lebens durchleben viele Menschen Krisen und Probleme. Manchmal entwickeln sich daraus Depressionen, Angstzustände oder andere psychische Erkrankungen, die es gilt mit professioneller Hilfe zu bewältigen. Doch welche Therapiemaßnahmen gibt es? Was können Angehörige tun, um einem guten Freund oder einem Verwandten in dieser schwierigen Situation zu helfen? Die rbb Praxis liefert mögliche Antworten auf diese und andere Fragen.