Frau mittleren Alters schaut lächelnd in Kamera (Bild: Colourbox)
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Mythen rund um die Hormonumstellung - Keine Angst vor den Wechseljahren!

Stimmungsschwankungen, Osteoporosegefahr, Hitzewallungen - viele Medien und Teile der Industrie haben uns vor allem dieses Bild von den Wechseljahren vermittelt - zu Unrecht. Zeit, damit aufzuräumen, findet PD Dr. Mandy Mangler, Chefärztin in der Klinik für Gynäkologie im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin-Schöneberg. Warum Sie keine Angst vor den Wechseljahren haben müssen und was bei Symptomen wirklich hilft, verraten wir hier.  

Wer bei Google "Frauen in den Wechseljahren" in die Suchleiste tippt, bekommt u.a. folgende Ergänzungen vorgeschlagen: Stimmungsschwankungen, Trennung, unattraktiv. Sind das die gängigen Vorstellungen von Wechseljahren in unserer Gesellschaft? Scheinbar ja.

Mit Fakten gegen Angst vor den Wechseljahren

Hitzewallungen, Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Antriebslosigkeit, Nachlassen der Lust auf Sex, Haarausfall, trockene Haut – es gibt eine Menge an körperlichen und psychischen Beschwerden, die mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht werden. Fälschlicherweise, denn die meisten angeblichen Wechseljahres-Symptome sind gar keine. 

"Über Freundinnen, die Presse oder Filme hören Frauen sehr viel Schlechtes über die Wechseljahre und sind dadurch verunsichert", sagt Chefärztin Dr. Mandy Mangler von der Klinik für Gynäkologie im Vivantes Klinikum. Rund die Hälfte aller Frauen komme sogar vorsorglich in ihre Sprechstunde – aus Angst und Sorge um die Zukunft. "Ich finde es ganz wichtig, Frauen diese Angst zu nehmen. Deshalb bespreche ich mit ihnen ganz klar, was stimmt, was nicht und was wirklich auf sie zukommen könnte – anhand von Fakten und Studien."

 

"Die Wechseljahre sollten nicht pathologisiert werden"

Studien zeigten zum Beispiel, dass rund 30 Prozent aller Frauen gar keine Probleme mit den Wechseljahren haben. Weitere 30 Prozent haben leichte und rund 30 Prozent schwere Probleme, so Mandy Mangler. Könnte also gut sein, dass nichts von dem Befürchteten eintrifft. "Die Wechseljahre sollten nicht pathologisiert werden", sagt die Gynäkologin, denn "die Wechseljahre sind nichts furchtbar Schlimmes – und am Ende auch eine Zeit, die vorübergeht."

Um Frauen die Angst vor den Wechseljahren zu nehmen, zitiert Mandy Mangler auch gerne eine Studie des Uniklinikums Dresden, in der Frauen und Männer zwischen 14 und 95 Jahren nach ihren körperlichen Beschwerden gefragt wurden. "Wenn man sich die Antworten der Männer um die 50 ansieht, wird klar, dass sie ebenfalls Probleme haben – ganz ohne Menopause", sagt Mandy Mangler. Die Studie zeige, dass viele der Beschwerden einfach dem alternden Körper zuzurechnen seien, so die Gynäkologin weiter. 

Wenige wahre weibliche Wechseljahresbeschwerden

Lediglich zwei Beschwerden betreffen – laut Studie – nur Frauen in den Wechseljahren: nämlich Hitzewallungen und Schweißausbrüche. Hinzu komme ab dem 60. Lebensjahr bei Frauen oft Scheidentrockenheit, die das ForscherInnenteam der Uniklinik Dresden um Prof. Kerstin Weidner jedoch ebenfalls als Alterungsprozess versteht.

Wechseljahre = Jahre der Veränderung

Die Studie wurde 2015 veröffentlicht. Warum hält sich die Liste mit den vielen angeblichen Wechseljahres-Symptomen trotzdem immer noch? Um das besser zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Lebenssituation der Frauen. Die letzte Regelblutung, die sogenannte Menopause tritt in Deutschland um das 50. Lebensjahr ein. "Oft finden zu diesem Zeitpunkt massive Veränderungen im Leben statt: Die Kinder gehen aus dem Haus, man schaut sich seine Karriere und seine Partnerschaft kritisch an und macht einen Kassensturz. Ist es das, was ich wollte? Habe ich mich genug um mich selbst gekümmert?", erklärt Mandy Mangler.

Viele Frauen befinden sich also ohnehin in einer Phase des Lebens, die stark von körperlichen und psychischen Veränderungen geprägt ist. "Ich will gar nicht absprechen, dass Frauen um die 50 tatsächlich Schlafstörungen und psychische Probleme haben – aber die Ursache ist vielleicht nicht die hormonelle Veränderung, sondern andere Veränderungen im Leben und der generelle Alterungsprozess", sagt Mandy Mangler.

Was hilft in der hormonellen Umbruchphase?

Früher war die bevorzugte Behandlung von Wechseljahresbeschwerden eine sogenannte Hormonersatztherapie (HET). Frauen bekamen eine Kombination der Hormone Östrogen und Gestagen oder nur Östrogen verschrieben und nahmen diese oft über viele Jahre ein. "Davon ist man heute weg", erklärt Mandy Mangler. Inzwischen wisse man, "dass diese Hormone zwar zum Teil positive Effekte haben, aber zum Teil auch sehr negative. Zum Beispiel können sie das Krebsrisiko für verschiedene Krebsarten steigern, auch das Herz- und Hirninfarktrisiko kann sich erhöhen, je nachdem, wann man die Hormone gibt."

Der Hormonhaushalt der Frauen pendelt sich während der Wechseljahre in ein neues Gleichgewicht auf einem niedrigeren Hormonlevel ein; von einem grundsätzlichen Hormonmangel kann also nicht gesprochen werden. Mit dem Wissen, dass nicht nur die Hormone, sondern auch andere Umbrüche im Leben, die Frauen in den Wechseljahren umtreiben, setzen Ärztinnen und Ärzte in der Behandlung heute als erstes auf Veränderungen im Lebensstil ihrer Patientinnen.

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Mit dem Hund spazieren gehen ist kein Sport!

Drei Mal am Tag mit dem Hund spazieren gehen - das lässt Mandy Mangler allerdings nicht als Sport durchgehen. Das Entscheidende, zeigen Studien, sei das Schwitzen aufgrund körperlicher Anstrengung – und zwar am besten mindestens viermal pro Woche für jeweils 30 Minuten. "Diese 30 Minuten Ausdauersport helfen dem Körper, den Fettanteil im Körper zu verändern und den Stoffwechsel so anzutreiben, dass die negativen Symptome abnehmen", erklärt die Gynäkologin.

Hormone im Fettgewebe

Übergewichtigen Frauen empfiehlt Mandy Mangler, ihr Gewicht etwas zu reduzieren, da dies einen positiven Effekt auf ihre Beschwerden haben könne. "Das Fettgewebe bildet Hormone, die der Körper nutzt, manchmal zum Guten, manchmal zum schlechten, das ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab", so die Ärztin.

Trigger der Hitzewallungen finden

"Bei Hitzewallungen kann es helfen, sich zu beobachten und zu schauen, was habe ich anders gemacht, an Tagen, an denen ich keine Probleme hatte. So können Frauen herausfinden, wodurch die Hitzewallungen getriggert werden und dann versuchen, diese Auslöser zu meiden. Kaffee kann beispielsweise so ein Auslöser sein oder wenn wir uns aufregen. Ganz wird man die Hitzewallungen so aber nicht los, schließlich kommen die Schwitzanfälle häufig nachts."

... mal lieber die Möhrchen ...

Neben Sport ist die Ernährung sehr wichtig. Am besten ist eine mediterrane Diät, also eine hauptsächlich pflanzliche Ernährung mit viel Salat und wenig rotem Fleisch. "Rotes Fleisch und Milchprodukte sind Lebensmittel, die die Wirkung von Hormonen unterstützen können und den Hormonspiegel durcheinander bringen können", erklärt Mandy Mangler. Aus diesem Grund sollte darauf besser weitestgehend verzichtet werden.

"Man sollte Ernährung als Steuerbasis-Element seines Lebens betrachten. Oft nehmen wir Nahrung zu uns, ohne groß darüber nachzudenken. Eigentlich sollte man sich alles, was man isst, ganz genau anschauen und überlegen: Was esse ich da und was macht das mit meinem Körper", sagt Mandy Mangler.

Wirkung pflanzlicher Hormone

"Nach drei Monaten Lebensstiländerung, also mehr Sport und mediterrane Diät, schaue ich dann zusammen mit der Frau, wie es ihr geht, was sich geändert hat. Sind die Symptome immer noch stark, können im nächsten Schritt pflanzliche Hormone probiert werden, wie Produkte aus Silbertraubenkerze oder Rotklee", so die Gynäkologin. 

Leider hilft das nicht allen Frauen. Warum? "Weil wir mitteleuropäischen Frauen während unseres  Lebens oft sehr hohen Hormondosen ausgesetzt sind", erklärt Mandy Mangler. Durch die Pille und die vielen hormonell wirksamen Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, seien viel höhere Hormonmengen nötig, um eine Wirkung zu erzielen.

Dr. Mandy Mangler

Man sollte Ernährung als Steuerbasis-Element seines Lebens betrachten. Oft nehmen wir Nahrung zu uns, ohne groß darüber nachzudenken. Eigentlich sollte man sich alles, was man isst, ganz genau anschauen und überlegen: Was esse ich da und was macht das mit meinem Körper?

Hormonersatztherapie als letztes Mittel

Erst wenn Lebensstiländerungen und pflanzliche Hormone nicht die gewünschten Effekte bringen, diskutiert die Ärztin mit ihrer Patientin die Vor-und Nachteile einer Hormonersatztherapie – und deren Dauer:

"Früher hat man bis zu 20 Jahre lang Hormone genommen. Heute sollte man alle zwei bis drei Jahre zusammen mit seiner Ärztin oder seinem Arzt überlegen: Brauche ich das Medikament noch? Verbessert es mein gesamtes Leben und senkt mein Risiko vor schweren Erkrankungen?", so Mandy Mangler. Schließlich nütze es nichts, wenn die Hitzewallungen weg sind, aber die Frau dafür ein erhöhtes Risiko für eine bösartige Erkrankung habe. 

Beitrag von Ariane Böhm