Ultraschallscan Halsschlagader: Ultraschallkopf am Hals einer Frau (Bild: imago/Science Photo Library)
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Carotis Doppler - Wann ist ein Ultraschall der Halsschlagader sinnvoll?

Ein Ultraschall der Halsschlagader kann einen Schlaganfall verhindern. Doch wann sollte man die Carotis untersuchen lassen? Und welche Diagnose ist gefährlich?

Ein Blick in die Halsschlagader, die sogenannte Carotis, kann sich lohnen. Denn wird dabei eine Verengung der Halsschlagader, auch Carotisstenose genannt, festgestellt, gibt das Hinweise auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. PD Dr. Jörg Linneweber vom Helios Klinikum Emil von Behring erklärt, wie eine Untersuchung der Halsschlagader abläuft und was es dabei zu beachten gilt.

Warum ist eine Untersuchung der Halsschlagader wichtig?

In Deutschland treten pro Jahr etwa 200.000 erstmalige Schlaganfälle auf. Es gibt mehrere Ursachen für einen Schlaganfall. In ca. 15 Prozent, also etwa 30.000 Fällen, liegt die Ursache des Schlaganfalls in einer Verengung oder einem Verschluss der Halsschlagader.
 
Diese 30.000 "Carotis-bedingten" Schlaganfälle wollen wir natürlich bekämpfen und präventiv vorgehen, damit diese nach Möglichkeit nicht auftreten. Es gibt eine aktuelle medizinische Leitlinie, die verschiedene Fachgesellschaften in Zusammenarbeit erstellt hat und die regelmäßig auf den neuesten Stand der Wissenschaft gebracht wird. Diese Leitlinie begründet nicht nur wissenschaftlich, warum etwas gemacht werden sollte, sondern gibt ganz klar vor, wann und vor allem was medizinisch gemacht werden sollte.
 
Jetzt könnte man sich als Erstes die Frage stellen, warum untersucht man nicht bei jedem in Deutschland die Halsschlagader? Das wäre eine Screening Untersuchung. Aufgrund der begrenzten Ressourcen im Gesundheitswesen besagt die Leitlinie jedoch derzeit, dass ein allgemeines Screening auf das Vorliegen einer Carotisstenose nicht durchgeführt werden soll. Das heißt, als Patient hat man keinen Anspruch auf eine routinemäßige Untersuchung. Aber: wenn es den Verdacht gibt, dass jemand eine Verengung der Halsschlagader haben könnte, so lautet die dringende Empfehlung der Leitlinien, dass entsprechende Untersuchungen durchzuführen sind. Dies wird in der Regel auch großzügig geschehen. Dennoch setzen wir Gefäßspezialisten uns natürlich dafür ein, dass es zukünftig vielleicht auch einmal ein allgemeines Screening auf Halsschlagaderverengungen gibt.

Wann sollte man die Halsschlagader untersuchen lassen?

Wenn klassische Risikofaktoren für Gefäßerkrankungen wie zum Beispiel Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, erhöhte Blutfettwerte bestehen. Und natürlich dann, wenn schon arteriosklerotische Erkrankungen an anderer Stelle vorliegen, wie beispielsweise eine Herzkranzgefäßerkrankung (KHK) oder die sogenannte "Schaufensterkrankheit", die pAVK.
 
Ist ein Patient hiervon bereits betroffen, besteht sicher ein Verdacht, dass auch eine Engstelle an den Halsschlagadern vorliegen könnte. Und dann sollte man auch gezielt darauf untersuchen. Früher hatte man lediglich mit einem Stethoskop hinaufgehorcht. Auch wenn das erst einmal gut ist, so haben wir heute doch deutlich bessere technische Möglichkeiten. Wenn ein Patient obengenannte Risikofaktoren oder bereits Gefäßerkrankungen hat, sollte als erster Schritt der Diagnostik eine Duplex-Sonografie durch einen erfahrenen Untersucher erfolgen.

Was wird bei der Carotis Doppler Untersuchung genau gemacht?

Das ist eine Ultraschalluntersuchung, wie wir sie ja in vielen anderen Bereichen auch kennen. Dort wird unter anderem die Flussgeschwindigkeit des Blutes in der Halsschlagader gemessen. Hieran kann man erkennen, ob eine Engstelle im Bereich der Carotis, ihrer Aufteilung oder im weiteren Verlauf zum Gehirn vorliegt.
 
Man kann heutzutage aber nicht nur erkennen, ob eine Engstelle vorhanden ist und dadurch der Fluss in den Carotiden besonders schnell ist, sondern man kann sich diese Stelle auch morphologisch ansehen. Man kann also sehen, ob die Engstelle aufgrund von Kalkablagerungen eher hart ist oder ob es sich eher um eine weiche Plaque handelt. Aus dem Grad der Engstelle sowie der Morphologie ergeben sich Kriterien, die entscheiden, wie dringenddem weiter nachgegangen werden muss.

Welche Diagnose gibt es bei der Carotis Untersuchung?

Ein dringlicher Befund wäre zum Beispiel, wenn man in dieser Ultraschalluntersuchung etwas Flottierendes sehen würde, also einen frischen Thrombus, der dann vielleicht im Blutstrom hin und her wackelt und droht abzureißen, um dann mit dem Blutstrom direkt ins Gehirn zu gelangen. Das wäre sicherlich eine Situation, wo man sofort reagieren müsste. Aber zum Glück sind solche Fälle eher selten. Viel häufiger sind arteriosklerotische Veränderungen, also simpel gesprochen Verkalkungen, die sich langsam über die Jahre aufgebaut haben.

Was bedeutet es, wenn die Halsschlagader verengt ist?

Grob gesagt ist das so. Je mehr Verkalkung vorliegt, desto höhergradig ist in der Regel auch die Verengung. Wir müssen bei der Ultraschalluntersuchung also feststellen, wie hochgradig diese Verengung ist. Wir reden da vom Stenosegrad.
 
Diesen kann man anhand bestimmter Messwerte und Kriterien im Ultraschall festlegen. Der Stenosegrad ist unter anderem entscheidend, ob etwas gemacht werden muss und wie dringlich es ist.
 
Hierbei müssen wir allerdings unterscheiden, ob diese Untersuchung erfolgt, weil der Patient symptomatisch ist oder ob das ein reiner Zufallsbefund ist, weil es ein asymptomatischer Patient ist. Das muss man ganz streng unterscheiden, weil die Regeln, wann man etwas unternimmt, bei einem symptomatischen Patienten viel strenger sind als bei einem asymptomatischen.
 
Wenn ein Patient zum Beispiel Seh- oder Sprachstörungen hatte oder eine Schwäche in den Händen oder Beinen auf der gegenüberliegenden Körperhälfte, dann sprechen wir von einer symptomatischen Carotisstenose. Und das übrigens auch dann, wenn die Symptome vielleicht nur Stunden angedauert haben und innerhalb der letzten sechs Monate aufgetreten sind. Hier würde man etwas unternehmen, wenn der Stenose Grad über 50 Prozent ist, also relativ frühzeitig.
 
Bei einem Patienten, der rein asymptomatisch ist, wo also keine Symptomatik vorliegt, sondern die Engstelle ein reiner Zufallsbefund war, würde man nicht so schnell eingreifen. Als Faustregel gilt hier, wenn etwa 70 Prozent Stenose ist, also wenn 70 Prozent des Gefäßes bereits zu sind und nur noch 30 Prozent offen sind, dann sollte eine Verbesserung der Durchblutung angestrebt werden.

Wie macht sich eine Verkalkung in der Halsschlagader bemerkbar?

Das können Sehstörungen auf dem Auge der gleichen Seite wie die Halsschlagaderverengung sein, oder eine Kraftminderung an den gegenüberliegenden Extremitäten. Das liegt daran, dass die rechte Gehirnhälfte die linke Körperseite steuert und umgekehrt.
 
Dazu kommen noch Sprachstörungen oder Wortfindungsstörungen. All dies sind sehr ernste Signale und oft Vorboten eines möglichen größeren Schlaganfalls. Auch hier gibt es unterschiedliche Graduierungen, beispielsweise wie lange die Symptomatik anhält. Hält sie nur weniger als 24 Stunden an, dann sprechen wir von einer sogenannten TIA, einer transitorisch ischämischen Attacke. All dies sind klassische Zeichen, auf die ein untersuchender Neurologe bzw. Gefäßspezialist achten würde. Aber nochmals: auch wenn so eine Symptomatik bereits fünf oder sechs Monate her ist und seitdem auch nicht wieder aufgetreten ist, bleibt das eine symptomatische" Carotisstenose.
 
Steht nun fest, dass eine symptomatische Carotisstenose vorliegt beziehungsweise. dass eine asymptomatische Carotisstenose mit mehr als 70 Prozent Engstelle vorliegt, dann würde in der Regel vor einer Behandlung noch eine zweite Bildgebung vorgeschaltet. Hierfür eignet sich entweder eine Angiografie mittels Computertomografie (CT-A) oder mittels Magnetresonanztomografie (MR-A).
 
Jedes dieser beiden Untersuchungsverfahren hat seine Vor- und Nachteile und es sollte individuell entschieden werden, welche Untersuchung zur Anwendung kommt.

Welche Behandlung gibt es bei einer Carotis Stenose?

In guten Zentren sollte sich ein sogenanntes Gefäß-Team oder ein Carotis-Team zusammensetzen und beraten. Es gibt prinzipiell drei Möglichkeiten, wie man behandeln könnte. Also entweder man macht das, was wir als konservative Therapie bezeichnen, als best medical treatment, also die optimale medikamentöse Therapie. Aber das ist, bei den Zahlen dann eher selten heutzutage. Es gibt das Chirurgische Verfahren, CEA abgekürzt. Oder es gibt auch noch die Möglichkeit, mit einem sich selbst aufdehnenden Stent zu behandeln, und diese Engstelle aufzudehnen, auch CAS genannt. In der Regel kommt die Operation zur Anwendung.

Vielen Dank für das Gespräch, Dr. Linneweber.
Das Interview führte Laura Will.

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