Grafik von Hirn und verstopftem Gefäß (Quelle: Colourbox)
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Interview | Thrombose vorbeugen und richtig behandeln - Für den guten Blutfluss

Rund 100.000 Menschen entwickeln jedes Jahr eine Thrombose. Die Gefahr, die von einem Blutpfropf in der Beinvene ausgeht, ist groß. Löst er sich, kann er Lungengefäße verstopfen und Folgekomplikationen auslösen. In Deutschland sterben jährlich etwa 40.000 Menschen an einer Lungenembolie. rbb Praxis hat mit dem Venenspezialisten Dr. med. Ingo Flessenkämper über die Vorsorge und die richtige Behandlung von Thrombosen gesprochen.

Herr Dr. Flessenkämper, wer ist besonders für eine Thrombose gefährdet?

Am häufigsten sind Patienten nach einem operativen Eingriff betroffen. Auch Menschen, die sich nicht bewegen, weil sie pflegebedürftig oder schwer krank sind, sind gefährdet. Die dritte Gruppe, die häufiger eine Thrombose erleidet, umfasst diejenigen, in deren Familien eine erhöhte Gefahr für Thrombose und Embolien besteht.

Nach welchen Eingriffen ist das Risiko besonders groß?

Am risikoreichsten sind große Operationen an der Hüfte und am Knie. Genauso gefährdet sind Menschen nach einem großen Baucheingriff oder Operationen, bei denen der Brustkorb geöffnet wird. Die Gefahr ist umso größer, je ausgedehnter das Gewebstrauma ist und je länger der Eingriff dauert.

Warum sind denn Operationen so gefährlich?

Ein operativer Eingriff ist eine direkte Verletzung des Körpers. Dadurch wird das Gerinnungssystem des Körpers aktiviert. Das Blut gerinnt schneller. Zudem liegt man bei und nach dem Eingriff, und das Blut fließt nicht so schnell. Die Blutplättchen verklumpen miteinander, ein Thrombus entsteht. Er engt die Vene ein und verstopft sie.

Das klingt dramatisch. Wie lässt sich diese Kaskade verhindern?

Indem die Patienten eine Thrombose-Prophylaxe bekommen; in den meisten Fällen ist das Heparin. Und sie sollten möglichst noch am OP-Tag auf eigenen Beinen zur Toilette gehen, sich also bewegen.

Ist die Thrombosegefahr auch während des Schlafens erhöht? Immerhin bewegen wir uns sechs bis zehn Stunden nicht vom Fleck.

Während des normalen nächtlichen Schlafes ist unser Thromboserisiko nicht erhöht. Das liegt zum einen daran, dass wir während der Nacht ja nicht komplett bewegungslos sind. Außerdem lagern die Beine hoch, so dass der Blutrückfluss gegeben ist. Deshalb müssen auch die sogenannten Thrombosestrümpfe nachts nicht getragen werden.

Gibt es sonstige Risikofaktoren für einen Thrombus?

Die Gefahr für einen Thrombus steigt auch, wenn die Leute zu wenig trinken, rauchen oder Hormonpräparate wie die Pille einnehmen. Auch Übergewicht kann das Risiko für eine Thrombose erhöhen. Oftmals kommen mehrere Risikofaktoren zusammen.

Was ist mit Reisethrombosen?

Reisethrombosen sind selten, sie treten nur 1:1 Million auf. Ursächlich sind ein niedriger Kabinendruck, die Immobilisierung und die niedrige Luftfeuchte, die Leute trocknen also aus. Relevant sind allerdings nur Flüge, die mindestens vier Stunden dauern. Auf allen innereuropäischen Flügen besteht also keine Gefahr.

Wie bemerkt man eine Thrombose?

Nur drei bis vier von zehn Thrombosen machen tatsächlich Beschwerden. Das betroffene Bein ist dann geschwollen, überwärmt und druckschmerzhaft. Es fühlt sich oft prall und schwer an. Wer diese Symptome bemerkt, muss ganz schnell zum Arzt gehen. Eine frühe Behandlung der Thrombose verhindert, dass sie sich weiter ausdehnt und Komplikationen wie eine Lungenembolie verursacht. Meist fehlen diese Anzeichen jedoch, vor allem am Beginn einer Thrombose.

Wie wird die Thrombose behandelt?

Nach der Diagnose beginnt unverzüglich die Therapie mit blutverdünnenden Mitteln. Die Therapie erfolgt zunächst mit Spritzen. Eine Therapie dauert sechs bis zwölf Monate. Zusätzlich zur Blutverdünnung wird der Hausarzt eine Kompressionstherapie verschreiben. Sie beschleunigt den Blutfluss zum Herzen und verhindert Lungenembolien. 

Wie lange sollte denn nach einer Operation eine Thrombose-Prophylaxe erfolgen?

Das ist unterschiedlich und hängt von der Schwere und der Lokalisation der OP ab. Hüftoperierte und Patienten nach einer großen Bauch-OP müssen sich vier bis sechs Wochen spritzen. Bei mäßig riskanten Eingriffen wie einer Arthroskopie reicht eine Prophylaxe von sieben bis zehn Tagen. Aktivierte Bestandteile des Gerinnungssystems sind noch bis zu zehn Tage nachweisbar, so lange sollte die Prophylaxe also dauern. Bei Eingriffen der geringsten Risikoklasse wie das Entfernen von Krampfadern oder Eingriffe im Kopf-Hals-Bereich genügt eine Prophylaxe um die Operation herum.

Bislang gab es lediglich Heparin-Spritzen für die Erstbehandlung und Marcumar-Tabletten für die Langzeit-Behandlung. Seit einiger Zeit sind nun auch Tabletten auf dem Markt, die direkt ins Gerinnungssystem eingreifen und nicht indirekt wie Marcumar, das seine Wirkung über das Vitamin K entfaltet. Wie sicher sind diese neuen Wirkstoffe?

Zunächst einmal sind diese Präparate nur für Patienten zugelassen, die an der Hüfte oder am Knie operiert wurden oder die ein Vorhofflimmern haben. Die Zulassungsstudien haben zwar gezeigt, dass die Tabletten genauso sicher sind wie beispielsweise Marcumar. Aus meiner klinischen Arbeit heraus habe ich allerdings das Gefühl, dass Blutungen darunter mindestens gleich häufig auftreten. Es gibt mittlerweile viele kritische Stimmen in der Wisenschaft, die zu den Präparaten weitere Daten einfordern.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Flessenkämper.

Das Interview führte Constanze Löffler