Mann liegt bewußtlos auf dem Boden (Bild: Colourbox)
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Interview l Plötzlich bewusstlos - Erste Hilfe bei Ohnmacht

Ein Mensch wird ohnmächtig. Angehörige, Passanten oder Kollegen bekommen einen großen Schreck – und fühlen sich hilflos. Was tue ich jetzt? Hoffentlich mache ich nichts falsch. Die rbb Praxis hat bei Notarzt Ulrich Wuttke von den Havelland-Kliniken nachgefragt, was man als Betroffener oder Ersthelfer in Sachen Ohnmachtsanfall wissen sollte.

Herr Dr. Wuttke, wie oft werden Sie als Notarzt zu ohnmächtigen Menschen gerufen?

Für uns Notärzte ist das einer der häufigsten Alarmierungsgründe. Übers Jahr betrachtet werden die Kollegen deshalb etwa eine halbe Million Mal gerufen. Erst am Sonntag war ein Notarzt in einer kleinen Dorfkirche im Brandenburgischen dabei, als der Pfarrer vor versammelter Gemeinde plötzlich im Altarraum umkippte.

Was passiert eigentlich bei einer Ohnmacht im Körper?

Fast immer wird das Bewusstseinszentrum im Gehirn nicht ausreichend durchblutet, so dass es ihm an Sauerstoff fehlt. Rezeptoren messen den Sauerstoffgehalt und vor allem den Blutdruck im Bereich der hirnversorgenden Blutgefäße. Sinken die Werte, schaltet sich das Gehirn ab. Es reagiert da sehr sensibel.

Was ist der Unterschied zwischen Ohnmacht und Bewusstlosigkeit?

Ohnmacht ist ein Laienbegriff. Wir Mediziner sprechen eher von "plötzlicher Bewusstlosigkeit". Manchmal tritt sie plötzlich auf, ohne Vorzeichen. Die Betroffenen sacken in sich zusammen wie ein nasser Sack. In anderen Fällen kündigt sich die Bewusstlosigkeit durch Ohrensausen, Schwindel oder eine aufsteigende Übelkeit an.

Also: Ein Phänomen – viele Ursachen.

Das stimmt! Deshalb ist es für uns Notärzte wichtig schnell zu entscheiden, woran der Bewusstlose erkrankt ist und ob wir ihn behandeln müssen. Er kann eine Herzrhythmusstörung oder einen fehlregulierten Blutdruck haben. Vielleicht hat er ein Krampfleiden, also eine Epilepsie. Die dritte große Gruppe Patienten mit einer behandlungsbedürftigen Bewusstlosigkeit leidet unter Stoffwechselstörungen, beispielsweise einer Unterzuckerung.

Sicher kann man eine Bewusstlosigkeit auch selbst provozieren?

Klar, gerade Kinder haben das sehr gut drauf. Die gehen in die Hocke, atmen zehn oder zwanzig Mal hintereinander schnell und tief ein und aus. Dadurch weiten sich die venösen Gefäße. Wenn sie dann aus der Hocke aufstehen, folgt das Blut der Schwerkraft und versackt in ihren Beinen. Dadurch werden sie kurzzeitig bewusstlos.

Ein anderes Beispiel: Unweit des Kieferwinkels, wo sich die große Halsschlagader aufteilt, liegt ein spezieller Sensor. Wenn Männer sich hier rasieren und den Kopf auch noch ein bisschen zur Seite legen, üben sie gleichzeitig Zug und Druck auf die Stelle aus. Dadurch lösen sie den sogenannten Baro-Rezeptor-Reflex aus. Blutdruck und Herzfrequenz fallen ab und sie kippen um. Aber keine Sorge, das betrifft eher ältere Männer, deren Gefäße nicht mehr so elastisch sind.

Was sollte ich als Laie tun, wenn jemand bewusstlos wird?

Als erstes prüfen Sie, ob er noch atmet und Puls hat. Falls nicht, fangen Sie sofort mit der Herzdruckmassage an! Die Mund-zu-Mund-Beatmung spielt heute eine eher untergeordnete Rolle. Bitten Sie einen Passanten, den Notruf zu wählen und Bescheid zu sagen, dass jemand wiederbelebt werden muss. Wenn Atmung und Kreislauf vorhanden sind, sollten Sie die Person in die stabile Seitenlage bringen. Der Kopf muss etwas überstreckt sein, so dass sie nicht an ihrer eigenen Zunge erstickt.

Zur Beruhigung: Ganz oft hat man gar nicht die Zeit dazu, weil die Person in dem Moment, wenn Sie sie auf die Seite drehen möchten, schon wieder zu sich kommt. Was immer hilft, ist den Betroffenen in die Horizontale zu bringen. Dadurch wird das Blut aus den Beinen dem Zentralkreislauf zurückgeführt, so dass auch das Gehirn wieder genug Sauerstoff bekommt.  

Und wenn jemand krampft?

Halten Sie einen Patienten, der heftig mit den Armen und Beinen strampelt, auf keinen Fall fest! Das sind völlig unkontrollierte Bewegungen mit maximaler Muskelkraft - wie bei einem Kampf. Sie haben keine Chance ihn zu bändigen, höchstens verletzen Sie sich noch selbst!

Stellen Sie die Ming-Vase zur Seite, verhindern Sie, dass derjenige mit dem Kopf ans Regal schlägt und lassen Sie ihn zucken. Selbst der erfahrene Rettungsdienst braucht oft Medikamente, um einen Krampfanfall zu beenden.

Herzanfall, Epilepsie, Zuckerschock – muss ich abhängig von der Ursache anders reagieren?

Nein. Als Laie ist es für Sie völlig uninteressant, warum jemand bewusstlos ist. Die Symptome ähneln sich sehr oft, die Grenzen verschwimmen: Ein Bewusstloser mit einem Herzanfall kann trotzdem krampfen oder einnässen. Und bei einer Epilepsie lässt sich nicht immer der Puls tasten, weil er sehr schnell rast.

Dann sollte bei einer Bewusstlosigkeit immer ein Arzt drauf schauen?

Notarzt, Rettungsstelle, Hausarzt – irgendjemand sollte sich den Patienten möglichst schnell anschauen.

Wonach entscheiden Sie, ob Sie umfangreiche Diagnostik durchführen?

Für uns sind drei Fragen wichtig. Erstens: Ist es das erste Ereignis, ja oder nein? Wenn sich eine plötzliche Bewusstlosigkeit mehrfach hintereinander wiederholt, weist das auf eine relevante Grunderkrankung hin.

Die zweite wichtige Frage, die wir stellen: Hat sich der Patient dabei verletzt? Wenn jemand den ganzen Tag in der Sonne war und wenig getrunken hat, sackt der Blutdruck schon mal weg. Derjenige geht mehr oder weniger langsam zu Boden und verletzt sich nicht groß. Aber wenn bei ihm von jetzt auf gleich das Licht ausgeht und er ohne Warnanzeichen zu Boden stürzt, sich die Hüfte oder das Handgelenk bricht oder eine Gehirnerschütterung erleidet, schrillen bei uns die Alarmglocken. Da könnten Probleme mit der Herzerregung der Auslöser sein.

Drittens: Wie lange hat die Bewusstlosigkeit gedauert und wie schnell war der Patient wieder orientiert? Je länger er "weg" war und je länger es dauert, bis er wieder klar ist, desto alarmierter sind wir.

Kurzer Perspektivwechsel – was kann ich vorbeugend tun, wenn ich öfter ohnmächtig werde? 

Vor allem junge, schlanke Frauen, die viel stehen, neigen dazu: Verkäuferinnen, OP-Schwestern oder Friseurinnen. Oft kündigt sich die Ohnmacht an, durch ein aufsteigendes Hitzegefühl, einen trockenen Mund oder Ohrensausen.

Wer das schon kennt, sollte sich sofort auf den Boden legen, und zwar wirklich sofort. Dadurch fließt wieder mehr Blut in den Kreislauf und der Blutdruck normalisiert sich, so dass das Gehirn wieder ausreichend durchblutet wird. Viele Betroffene tragen Stützstrümpfe oder haben eine Stützhilfe, auf die sie sich setzen.

Und was empfehlen Sie Älteren?

Die sollten durch einfache Übungen ihre Muskelpumpe stärken, denn die Beinmuskulatur drückt das Blut aus den Beinen in Richtung Gehirn. Jedes Mal, wenn sie Zähne putzen, können sie sich beispielsweise auf die Zehenspitzen stellen und wieder runterlassen, hin und her.

Wer die Lage wechselt, sollte das langsam tun: Sie setzen sich am besten vor dem Aufstehen erst mal einen Moment auf die Bettkante. Und sie sollten nicht hektisch aus dem Sessel aufstehen, wenn das Telefon klingelt. Der Anrufer wird sich schon nochmal melden.

Gibt es so etwas wie einen Notfallpass für Menschen, die zur Ohnmacht neigen?

Nein, bisher nicht. Aber es gibt die Idee, zukünftig nach dem Vorbild der Chest Pain- oder Stroke-Unit auch eine Synkope-Unit einzurichten. Ein geschultes Team würde sich dort explizit um diese Patienten kümmern und innerhalb kürzester Zeit herausfiltern, bei wem die Ursache harmlos ist oder wer behandelt werden muss. Grundsätzlich wäre es denkbar, dass - ähnlich wie Epileptiker einen Ausweis bei sich führen - auch Patienten, die zur Bewusstlosigkeit neigen, ein spezielles Papier bei sich haben.

Wie ging es eigentlich mit dem Pfarrer in Brandenburg weiter?

Er wollte nicht in die Klinik gebracht werden. Im Scherz meinte er noch: "Diese stickige Kirchenluft konnte ich als Kind schon nicht leiden", woraufhin mein Kollege sagte: "Und ich konnte schon als Kind kein Blut sehen".

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Constanze Löffler.

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