Frau mit Herzrhythmusstörungen (Quelle: colourbox)
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Herz aus dem Takt - Stolperherz - was kann dahinter stecken?

Wenn das Herz aus dem Takt gerät, fühlt sich das lebensbedrohlich an, schließlich ist es der Motor unseres Körpers. Etwa 400.000 Menschen in Deutschland werden pro Jahr wegen Herzrhythmusstörungen in Klinken eingeliefert und Millionen leiden mehr als einmal im Leben darunter. Einige Formen von Herzrhythmusstörungen sind harmlos, andere können gefährlich werden und zum Beispiel Schlaganfälle verursachen. Wann was der Fall ist und was hinter den Taktstörungen stecken kann - die rbb Praxis informiert.

Etwa drei Milliarden Mal schlägt das Herz in einem Menschenleben. Normal ist dabei im Wachzustand eine Frequenz zwischen 60 und 90 Schlägen in der Minute. Bei körperlicher Anstrengung oder unter Stress schlägt das gesunde Herz zwischen 160 und 180 Mal in der Minute. Normalerweise dauert der Übergang zwischen diesen beiden Stadien, Ruhezustand und Belastungszustand ein wenig - es gibt eine mehr oder weniger kontinuierliche Be- oder Entschleunigung. Als krankhaft gilt, wenn der Herzschlag schlagartig auf sehr hohe oder sehr niedrige Werte umspringt. Fast jeder Erwachsene in Deutschland erlebt das in seinem Leben - Herzrhythmusstörungen.

Laut Deutschem Herzbericht 2016 ist die Häufigkeit von Herzrhythmusstörungen in den vergangenen Jahren stark gestiegen: Während 1995 noch 282 Fälle von Herzrhythmusstörungen pro 100.000 Einwohner zu einer Aufnahme im Krankenhaus führten, waren es 2015 fast doppelt so viele: 560 Fälle pro 100.000 Einwohner. Und auch die Sterblichkeit durch Herzrhythmusstörungen ist in den letzten Jahrzehnten parallel dazu stark gestiegen - von 1994 bis 2014 um knapp über 100 Prozent. Experten begründen diesen Anstieg vor allem mit der gestiegenen Lebenserwartung, denn mit höherem Alter steigt auch das Risiko für Herzrhythmusstörungen.  

Was bringt das Herz aus dem Takt?

Nicht jede Herzrhythmusstörung ist gefährlich - einige Formen sind zwar lästig, aber harmlos. Doch besonders die häufigste Form der Herzrhythmusstörung, das Vorhofflimmern, kann Lebensgefahr bedeuten - das Vorhofflimmern kann Schlaganfälle auslösen. Ursachen von Herzrhythmusstörungen gibt es viele: Ein Infarkt in der Vergangenheit oder eine Infektion können den Herzmuskel zum Beispiel geschädigt haben, Koffein, Gifte, Drogen oder Medikamente könnten den Sinusknoten, den Taktgeber des Herzens, und das Reizleitungssystem durcheinander bringen. Natürlich kann ein Herzfehler auch angeboren sein. Außerdem können eine Elektrolytstörung (Kaliummangel), eine Fehlfunktion der Schilddrüse oder Bluthochdruck das Herz aus dem Takt bringen.

Das System Herz ist empfindlich - so faszinierend und zuverlässig es auch normalerweise ist. Erregungssystem und Muskeln des Herzens müssen perfekt zusammenarbeiten, denn "betrieben" wird das Herz bioelektrisch: Taktgeber ist ein besonderes Nervenbündel im oberen Bereich des rechten Herzvorhofes, der Sinusknoten. Er wird vom autonomen Nervensystem beeinflusst und gibt seinerseits elektrische Impulse an andere Nervenbündel weiter. Das System kann gestört werden, wenn Impulse nicht mehr ankommen, zu viele Impulse ausgelöst werden oder zum Beispiel Zellgewebe, das eigentlich nicht zum Erregungssystem gehört, störende Impulse aussendet. Übrigens: Der als mögliche Ursache von Rhythmusstörungen genannte Kaliummangel kann deshalb eine Rolle spielen, weil die Zellen es zur Erzeugung von elektrischer Spannung brauchen.

Das Vorhofflimmern

Diese Herzrhythmusstörung zählt zu den häufigsten in Deutschland. Etwa 1,8 Millionen Menschen sind betroffen. Das Herz schlägt dabei plötzlich über 100 Mal pro Minute. Diese Form der Herzrhythmusstörung gilt als besonders gefährlich, da sie zu einem Schlaganfall führen kann. Durch das Vorhofflimmern können sich nämlich überdurchschnittlich häufig Blutgerinnsel bilden. Gelangen sie über die Blutbahn ins Hirn und verstopfen dort zum Beispiel Gefäße, kommt es zum Infarkt im Kopf. Ursachen für das Vorhofflimmern sind zum Beispiel Herzschwäche, koloniale Herzkrankheiten, Bluthochdruck oder Herzklappenfehler. In rund 60 Prozent der Fälle ist die wirkliche Ursache aber unbekannt. Klar ist: Frauen sind statistisch etwas häufiger betroffen als Männer.

Behandeln lässt sich diese Herzrhythmusstörung zum Beispiel mit Medikamenten, die den Rhythmus stabilisieren sollen. Wegen der hohen Schlaganfallgefahr kommen bei der Therapie außerdem Blutgerinnungshemmer hinzu - sie verflüssigen das Blut und wirken so den fatalen Gerinnseln entgegen. Diese Medikamente müssen oft lebenslang eingenommen werden und haben auch Nebenwirkungen. Im Fall der Gerinnungshemmer zum Beispiel erhöht sich logischerweise die Gefahr von Blutungen bei offenen Verletzungen. Weil das Vorhofflimmern aber häufig durch "falsche" elektrische Impulse von Zellen im Herzen ausgelöst wird, kommt auch die sogenannte Katheterablation als Therapie in Frage: Dabei werden diese Zellen minimalinvasiv - eben mit einem Spezialkatheter - mittels Hochfrequenzstrom verödet, also unschädlich gemacht. Bei beiden Therapieansätzen werden zwar die Symptome behandelt, die Ursachen können aber unklar bleiben.

Neue Erkenntnisse zu den Ursachen des Vorhofflimmerns

Eine aufsehenerregende Studie am Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) in Heidelberg hat 2017 neue Erkenntnisse über mögliche Ursachen von Vorhofflimmern und den häufigen Zusammenhang mit Herzschwäche geliefert: Das Team um PD Dr. Constanze Schmidt fand heraus, dass bei Menschen mit Vorhofflimmern ein bestimmter Kaliumionenkanal (TASK-1-Kaliumkanal) besonders häufig vorkommt, verglichen mit gesunden Probanden. 

Diese Kaliumionenkanäle sind sozusagen die kleinste elektrische Einheit im Herzen und dieser spezielle Kanal kommt nur in Herzvorhöfen vor. Beim Vorhofflimmern führt das Mehr an TASK-1-Kaliumkanälen zu einer deutlichen Stromzunahme in den Herzmuskelzellen - es kommt zu mehr und kürzeren Nervenimpulsen. Umgekehrt ist es bei der Herzschwäche: Hier gibt es weniger Kanäle, was aber zu weniger Impulsen führt. Die Theorie der Forschergruppe: Durch die neuen Erkenntnisse könnten Medikamente gezielt genutzt werden, um beim Vorhofflimmern diese Kaliumkanäle zu blockieren und so das Herzstolpern und -rasen zu unterdrücken, ohne die Herzhauptkammern zu belasten. Die Forschung an diesem Therapieansatz ist allerdings noch nicht abgeschlossen und wird noch dauern.

 

Andere Störungen in der Herzelektrik

Auch bei anderen Formen der Herzrhythmusstörung spielen abnormale elektrische Impulse eine entscheidende Rolle: Beim Kammerflimmern zum Beispiel kommt es zu unkontrollierten, übermäßigen elektrischen Signalen, die dann zum unkontrollierten Zusammenziehen der Herzkammern führen - bis zu 320 Schläge pro Minute und also viel zu schnell, als dass sich die Kammern richtig mit Blut füllen könnten. Folge: Die Pumpleistung sinkt rapide und es kommt zum Herzstillstand.

Von Extrasystolen sprechen Mediziner, wenn zusätzliche Herzschläge, außerhalb des natürlichen Taktes auftreten. Sie können vom Vorhof oder der Hauptkammer ausgehen und sind in den meisten Fällen harmlos. Tatsächlich haben die meisten Menschen irgendwann in ihrem Leben auch mal solche "zusätzlichen" Herzschläge. Aufmerksam sollten Betroffene dann sein, wenn das Phänomen entweder neu, häufig nach oder während Belastungen auftritt oder länger als 30 Sekunden anhält, so Experten der Deutschen Herzstiftung. In diesem Fall sollte man auf jeden Fall den Arzt aufsuchen, ebenso, wenn das Herzstolpern im Zusammenhang mit Beschwerden wie Schwindel, Atemnot, Bewusstseinsstörungen oder Angina Pectoris auftrete.

Der Fehler in der Herzelektrik kann auch im Taktgeber selber, dem Sinusknoten entstehen. Experten sprechen dann vom Sick-Sinus-Syndrom. Dabei sendet der Nervenknoten schlichtweg falsche Signale - das kann sowohl zu einem zu schnellen, als auch zu einem langsamen Herzschlag führen, auch im Wechsel. Ermittelt wird das Syndrom über Langzeit EKGs und z.B. einem Atropintest: normalerweise wird Atropin beispielsweise gegen die Bradykardie, also zu niedrige Herzfrequenz eingesetzt und treibt diese nach oben. Beim Sick-Sinus-Syndrom bleibt das aber aus.  

Herzrhythmusstörungen brauchen Diagnosezeit

Ob Herzrhythmusstörungen gefährlich sind oder nur lästig, aber harmlos, kann nur eine gründliche Untersuchung zeigen. Das ist besonders deshalb auch wichtig zu wissen, weil Herzrhythmusstörungen nur ein Symptom sind - es können andere, auch ernste und sogar gefährliche Erkrankungen dahinter stecken. Das Problem bei der Diagnose liegt im Charakter von "Rhythmusstörungen": irgendwann verändert sich plötzlich die Herzfrequenz oder wird gestört - aber das passiert oft natürlich gerade nicht beim Arztbesuch. Deshalb ist eine der wichtigsten Diagnosehilfen für Ärzte das EKG, bzw. Langzeit-EKG, mit dem Veränderungen in der Herzfrequenz sichtbar gemacht werden können. Zusätzlich können manchmal ein Ultraschall oder Röntgenbild zum Einsatz kommen - zum Beispiel, wenn es schon einen Verdacht auf eine konkrete organische Ursache gibt. Wichtig für Menschen mit Herzrhythmusstörungen: nicht die Geduld verlieren, auch wenn die Diagnose manchmal etwas dauert. Es lohnt sich für die Gesundheit.

Beitrag von Lucia Hennerici

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