Interview | Grüner Star - Glaukom heute gut behandelbar

Beim Glaukom - im Volksmund auch "Grüner Star" genannt - wird der Sehnerv im Augeninnern geschädigt. In der Folge wird das Gesichtsfeld zunehmend eingeschränkt. Die Krankheit zählt zu den häufigsten Erblindungsursachen in Deutschland. Das Glaukom ist heute gut behandelbar. Aber da die Erkrankung schleichend und schmerzlos fortschreitet, bemerken viele Patienten das Glaukom oftmals viel zu spät.

Viele Betroffene bemerken das Glaukom erst spät. Welche Hinweise, die einen Patienten aufhorchen lassen sollten, gibt es?
Alarmsignale im eigentlichen Sinne gibt es beim Glaukom nicht. Das Glaukom ist eine Sehnerverkrankung, bei der es zu einer Störung im Gesichtsfeld kommt. Die meisten Ausfälle treten in der äußeren Gesichtsfeldhälfte im Randbereich auf. Und so bemerken die meisten Patienten das im Alltag nicht. Aber wenn Störungen auftreten, dann sind es Störungen wie erhöhte Blendempfindlichkeit, Störungen beim Nachtsehen, oder dass Patienten sich anstoßen oder beim Einschenken einer Tasse daneben schütten. Das sind die ersten Hinweise, die darauf hindeuten, dass Störungen beim Sehen auftreten und eine medizinische Abklärung notwendig ist.

Wann sollten Patienten zum Arzt gehen?
Im Grunde genommen ist das Allerwichtigste, dass man zu den Vorsorgeuntersuchungen geht, weil man in der Regel den erhöhten Augeninnendruck – das ist der Hauptrisikofaktor – nicht spürt. Und weil die Beschwerden, die im Alltag auftreten können, erst sehr spät auftreten. Deshalb sind die Routinekontrollen ab dem 40. Lebensjahr wichtig, so dass der Arzt untersuchen kann, ob der Augeninnendruck erhöht ist oder Störungen vorliegen.

Wie oft sollten diese Routinekontrollen stattfinden?
Es empfiehlt sich, ab dem 40. Lebensjahr alle drei Jahre zum Augenarzt zu gehen. Ab dem 60. Lebensjahr alle zwei Jahre und ab dem 70. Lebensjahr einmal im Jahr, so dass man eine Kontrolle beim Augenarzt durchführen, den Augendruck bestimmen und den Sehnerven untersuchen lässt. Denn Veränderungen, die beim Glaukom auftreten, sieht man vor allem am Sehnerv. Und das kann man nur bei einer augenärztlichen Untersuchung erkennen.

Welches sind die wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung eines Glaukoms?
Ein Hauptrisikofaktor für die Entstehung eines Glaukoms ist das Älterwerden. Also mit zunehmendem Alter nimmt auch das Risiko zu, ein Glaukom zu bekommen. Zudem gibt es Risikofaktoren, die auch das Auge selbst betreffen. Zum Beispiel eine vorliegende Kurzsichtigkeit oder auch eine dünne Hornhaut. Das ist dadurch begründet, dass man bei einer dünnen Hornhaut den Augeninnendruck falsch misst und dadurch den hohen Augendruck unterschätzen kann. Weitere Risikofaktoren sind familiäre Vorbelastungen. Und es gibt auch ethnische Risikofaktoren. Zum Beispiel weiß man, dass die schwarze Bevölkerung deutlich häufiger ein primäres Offenwinkelglaukom bekommt und man diesbezüglich bei diesen Patienten mehr Kontrollen durchführen muss. Weitere Risikofaktoren sind auch Gefäßerkrankungen. Zum Beispiel spielt der Bluthochdruck eine große Rolle und auch die Zuckererkrankung. Und nicht selten ist das Rauchen von Bedeutung. Wir wissen, dass durch das Rauchen der Augeninnendruck ansteigt und dadurch ein Glaukom mit begünstigt werden kann.

Weiß man, warum durch das Rauchen der Augeninnendruck ansteigt?
Man weiß es nicht genau. Man weiß, dass das zum Teil von der Durchblutung mit abhängig ist. Durch das Rauchen kommt es zu einer Gefäßengstellung. Das führt dazu, dass hier Störungen im Auge insgesamt auftreten und auch eine Empfindlichkeit des Sehnervs gegenüber dem Augeninnendruck entsteht. Warum der Augeninnendruck selbst ansteigt, weiß man allerdings nicht. Das kommt wahrscheinlich über eine Anregung der Nervenstrukturen. Der Sympathikus wird aktiviert und dadurch auch der Augeninnendruck etwas angehoben.

Wie stellt ein Mediziner das Glaukom fest?
Hier sind mehrere Faktoren unbedingt notwendig. Zum einen die Bestimmung des Augeninnendrucks. Der Augeninnendruck unterliegt aber einer starken Schwankung während des Tages, so dass der Augeninnendruck zeitweise sowohl niedrigere als auch höhere Werte haben kann. Das ist also kein sicherer Wert, sondern nur ein Kurzzeitwert wie beim Blutdruck auch. Deswegen braucht man eigentlich mehrere Druckwerte, um sicher zu sein, wie hoch die Druckwerte am Tag wirklich sind.

Die Messung des Augeninnendrucks muss also mehrmals durchgeführt werden?
Genau, das ist die ideale Weise. Erst einmal kann man natürlich eine einmalige Messung durchführen, um zu sehen, ob der Augeninnendruck an sich über dem Normbereich erhöht ist. Ganz wesentlich bei der Bestimmung des Glaukoms ist auch die Bewertung des Sehnervkopfes. Dort sieht man vor allem die strukturellen Veränderungen, die im Auge stattfinden. D.h. man sieht, wie der Sehnerv ausgehöhlt ist, ob er Platz hat und ob eine kleine Blutung am Rand des Bereichs des Sehnervs vorliegt. Man kann sehr gut anhand dieser Veränderungen erkennen, wie weit ein Glaukom schon fortgeschritten ist.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Da gibt es eine Dreier-Abstufung. Man fängt in der Regel immer mit Augentropfen an, die in der Lage sind, den Augeninnendruck abzusenken. Da gibt es zwei Formen. Die einen Augentropfen senken den Augendruck, indem sie die Wasserbildung, die im Auge entsteht, verringern können. Andere Augentropfen verbessern den Abfluss, so dass das Wasser besser aus dem Auge heraus fließen kann. Mit diesen beiden Wirkprinzipien kann man den Augendruck in der Regel ganz gut beherrschen.

Wenn das nicht ausreicht oder die Medikamente nicht vertragen werden, kann man mit dem Laser arbeiten. Und wenn das nicht ausreicht, dann kann man auch richtig Chirurgie betreiben. Da gibt es heute eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten. Wir haben heute ca. 20 verschiedene Glaukom-Operationsmöglichkeiten, mit denen wir relativ spezifisch und gezielt den Augeninnendruck senken können.

Werden die Kosten dieser Eingriffe auch von den Krankenkassen übernommen?
Die meisten Operationen werden von den Krankenkassen übernommen. Es gibt auch speziellere Techniken, bei denen zum Beispiel bestimmte Stents eingesetzt werden. Da kann es schon einmal sein, dass man zuzahlen muss. Aber in der Regel werden die meisten Operationen von den Krankenkassen übernommen.

Wie laufen die Laserbehandlungen ab?
Beim Laser gibt es auch zwei verschiedene Möglichkeiten. Bei einer der Lasertechniken verringert man die Kammerwasserbildung ähnlich wie mit den Augentropfen. Da lasert man den Strahlenkörper, was bewirkt, dass weniger Wasser im Auge gebildet wird. Die andere Möglichkeit besteht darin, den Abfluss zu verbessern, wodurch man das Wasser besser aus dem Auge herausfiltern kann.

Wie entscheidet sich, welche Behandlung für welchen Patienten in Frage kommt?
Man fängt in der Regel immer mit Augentropfen an, weil das am wenigsten invasiv ist. Und weil sehr viele Patienten mit der Augentropfen-Therapie sehr gut zurechtkommen. Es gibt aber Patienten, die Schwierigkeiten haben mit dem Anwenden von Augentropfen. Sei es, dass sie die Hände nicht richtig verwenden können beim Zudrücken von diesen Augenflaschen oder aus irgendwelchen anderen Gründen nicht mit den Augentropfen zurechtkommen. Es gibt aber auch Patienten, die richtige Unverträglichkeitsreaktionen haben auf Augentropfen durch die Konservierungsmittel oder die Wirkstoffe selbst. Wenn so etwas vorliegt, greift man eher zu einer Operation – entweder zum Laser oder einer richtigen chirurgischen Intervention, um den Augendruck effektiv senken zu können.

Welche Nebenwirkungen können bei der Behandlung auftreten?
Bei der Behandlung mit Augentropfen kann es zu direkten Reaktionen kommen im Bereich des Anwendungsareals. D.h. es kann zu allergischen Reaktionen, Überreaktionen und Unverträglichkeitsreaktionen kommen. Zudem haben alle Arten von Augentropfen auch Nebenwirkungen im allgemeinen Bereich. D.h. sie können den Blutdruck senken, Einfluss nehmen auf die Nieren- und die Leberfunktion. Und all diese Nebenwirkungen muss man berücksichtigen, damit man den Patienten optimal einstellen kann.

Und bei den Laserbehandlungen und den chirurgischen Eingriffen?
Die Laseranwendungen sind in der Regel recht gut verträglich. Da gibt es eigentlich keine wirklich großen Gegenanzeigen, den Laser nicht anzuwenden. Und es muss im Einzelfall entschieden werden, ob man zuerst eine Laserbehandlung oder gleich einen chirurgischen Eingriff vornimmt. Es kann durchaus vorkommen, dass man direkt den chirurgischen, größeren Eingriff vorzieht, weil eine sehr hohe Drucklage vorliegt, die durch die Lasertherapie so nicht abgesenkt werden kann. Die chirurgischen Verfahren sind heute in der Regel gut verträglich. Auch hier gibt es natürlich Unterschiede. Es kann manchmal zu Vernarbungsreaktionen kommen, die dazu führen, dass man eine Operation wiederholen muss oder dass man später einen erweiterten Eingriff durchführen muss. Aber in der Regel sind die operativen Verfahren heute sehr verträglich.

Wie gut sind die Erfolgsaussichten für die Patienten aus, die behandelt werden?
Die Erfolgsaussichten sind meist sehr gut. Wenn die Therapie mit den Augentropfen regelmäßig angewendet wird, dann hat man mit 90 Prozent eine gute Erfolgsrate, Patienten sicher zu behandeln. Es gibt natürlich immer mal Patienten, die auf die Tropfen nicht richtig reagieren. Dann muss man die Behandlung erweitern. Und die Erfolgsraten liegen im chirurgischen Bereich bei etwa 70 Prozent.

Also 70 Prozent von den 10 Prozent der Patienten, bei denen die Therapie mit den Augentropfen nicht angeschlagen hat?
Genau, so dass man Glaukom-Patienten, die gut kontrolliert und beobachtet werden, heute in der Regel stabil halten kann, so dass sich das Glaukom nicht verschlechtert und man den weiteren Gesichtsfeldverfall dadurch aufhalten kann.

Die Schäden, die schon vorhanden sind, bleiben aber bestehen?
Das stimmt. In der Regel ist das so. Wir haben allerdings gesehen, dass wenn frühzeitig gegensteuert und die Augendruck-Situation gut kompensiert wird, sich bestimmte Bereiche, die vorher schon Störungen aufgezeigt haben, wieder verbessern können. In seltenen Fällen kann man also auch eine Verbesserung erreichen. Es ist also wichtig zu wissen, dass man ein Glaukom heute gut behandeln kann. Viele Patienten denken noch, ein Glaukom sei nicht behandelbar oder einzustellen. Das ist heute nicht mehr so. Wir können ein Glaukom heute sehr gut operieren. Zentral ist eben immer die Frage, wann die Patienten zu uns kommen und die Behandlung beginnt.

Vielen Dank für das informative Gespräch, Herr Prof. Dr. Erb!

Das Interview führte Nadine Bader.