Eine weiße Tablette steht in einer Petrischale (Bild: imago/Science Photo Library)
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Neue Forschung im Kampf gegen Influenza - Eine Pille gegen die Grippe?

Die Vorstellung ist bestechend: Man nimmt einfach eine Tablette ein und ist für immer vor der Grippeerkrankung geschützt - ohne Nadel, ohne Pieks. Einer internationalen Forschergruppe ist jetzt ein erster Schritt hin zu dieser Vision geglückt. Ihre "Waffe" im Kampf gegen die Grippe: so genannte breit neutralisierende Antikörper.

Wollte man ihnen Vorsatz unterstellen müsste man sagen: Grippeviren sind geschickt. Jedes Jahr verändern sie durch Genmutation ihre Oberflächenstruktur. Für den Menschen wird das immer wieder zum Problem, denn Impfungen basieren auf dem Prinzip, dass Antikörper des Immunsystems bestimmte Antigene auf der Oberfläche von Erregern erkennen und diese dann gezielt vernichten können.

Das funktioniert aber nur solange, wie sich der Erreger und seine Oberflächenstruktur nicht verändern. Da Grippeviren aber genau das tun, also sich verändern, muss jedes Jahr ein neuer Grippeimpfstoff entwickelt werden, der – da er mit Blick auf Erreger der Zukunft hin produziert werden muss – auch nicht immer zufriedenstellend wirkt.

Breit neutralisierende Antikörper

Der erste Schritt auf dem Weg zur Entwicklung einer "Pille gegen Grippe" bestand darin, dass die Wissenschaftler um Ian Wilson vom Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla gemeinsam mit den niederländischen Pharmaunternehmen Janssen mit so genannten breit neutralisierenden Antikörpern gearbeitet haben.

Diese haben die Eigenschaft, an das Hämagglutinin auf der Zelloberfläche von Grippeviren anzudocken. Dort verhindern sie, dass das Grippevirus mit der Wirtszelle verschmilzt - eine Voraussetzung für die Vermehrung der Grippeviren. Da das Hämagglutinin als Oberflächenmerkmal von Grippeviren sich so gut wie nicht verändert, hatten die Forscher einen Angriffspunkt gefunden, der als dauerhafte Grundlage einer Immunisierung taugt.

Pille statt Spritze

Allerdings ist es den Forschern nicht gelungen, die breit neutralisierenden Antikörper vom Immunsystem selbst herstellen zu lassen. Die Alternative: künstlich hergestellte Antikörper, die jedoch in die Blutbahn gespritzt werden müssen. Nun erfolgte der zweite Schritt auf dem Weg zu einem neuen Grippeimpfstoff: die Forscher haben genau die Bindungsstelle des Antikörpers analysiert, die für seine antivirale Wirkung zuständig ist, sprich: die verhindert, dass Influenzaviren und menschliche Wirtszelle verschmelzen.

Von dieser Bindungsstelle haben sie eine Art Blaupause erstellt und 500.000 verschiedene Substanzen im Computermodell getestet, die möglicherweise genau an diese Stelle des Influenzavirus binden. Ein "Mini-Molekül" hat besonders gut gepasst: JNJ4796; es wurde chemisch leicht verändert und kann so oral, also als Tablette, verabreicht werden .

Daten & Fakten zur Grippe

  • Erkrankungszahlen/Sterbefälle

  • Symptome Grippe/grippaler Infekt

  • Grippesaison

  • Grippeimpfstoff

  • Besonders anfällig sind...

  • Besonders gefährdet sind...

Bisher nur bei Mäusen wirksam

JNJ4796 wurde Mäusen verabreicht, denen man eine tödlich wirkende Dosis an Grippeviren verabreicht hatte. Sie überlebten die Infektion. Zudem schaltete die neue Substanz auch die Grippeviren in menschlichen Bronchialzellen aus. Allerdings wirkt JNJ4796 bislang nur gegen den Influenza-Virustyp A/H1N1 der Grippe-Pandemie von 2009 und gegen den für Menschen sehr gefährlichen Vogelgrippevirus A/H5N1.

"Der Wirkstoff muss soweit modifiziert werden, dass er auch die anderen wichtigen Influenzviren bindet", sagt Florian Krammer von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Als Alternative könne eine Kombination aus mehreren Substanzen verwendet werden, so Krammer. Aber bis zur Markteinführung solcher Kombinationspräparate würden noch Jahre vergehen.

Vielversprechender Ansatz

Die Studie mit JNJ4796 hat gezeigt, dass es im Prinzip möglich ist, Grippeviren mit einem bestimmten Medikament dauerhaft auszuschalten, ohne jedes Jahr einen neuen Impfstoff zu entwickeln. Das ist deshalb möglich geworden, weil Wissenschaftler immer genauer untersuchen können, wie Viren im Körper wirken und weil es durch Computersimulationen möglich ist, große Mengen von Wirkstoffen auf eine bestimmte Eigenschaft hin zu untersuchen.

"Im Prinzip müsste das Verfahren auch auf andere Erreger übertragbar sein, die Zellen auf ähnlichem Wege wie Influenzaviren infizieren", sagt Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie an der Universität Marburg. Florian Krammer stimmt dem zu: "Die vorgestellte Methode könnte benutzt werden, um ähnliche Moleküle gegen die Erreger von Aids, Ebola, Lassafieber und andere Krankheiten zu finden."

Medikamente zum Schutz vor der Grippe

Zum Schutz vor einer Grippeerkrankung, gibt es seit etwa 20 Jahren so genannte Neuraminidase-Hemmer. Sie können sowohl vorbeugend als auch während der Grippeerkrankung gegeben werden. Neuraminidase-Hemmer blockieren das Enzym Neuraminidase und verhindern so, dass sich die Grippeviren im Körper vermehren.

In Deutschland sind zwei Substanzen zugelassen: Oseltamivir (Tamiflu) und Zanamivir (Relenza); sie wirken sowohl gegen Influenza Typ A als auch B-Viren. Allerdings zeigten sich in den letzten Jahren zunehmende Resistenzen gegen Oseltamivir, d.h. der Wirkstoff verliert seine Wirkung, was mit einer Mutation des Neuraminidase-Gens zusammenhängt. Die Resistenzlage gegen antivirale Arzneimittel wird weltweit durch die Weltgesundheitsorganisation und national durch das Nationale Referenzzentrum für Influenza überwacht.

Beitrag von Ursula Stamm

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