Frau mit Mund-Nase-Schutz steht am Fenster (Bild: imago images/Action Pictures)
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Interview l Einsamkeit - Stress - Gesundheitsrisiko - Gesundheitsgefahr Einsamkeit: Die Gefahr ist nicht vorbei

Am Anfang galt: Wir gegen das Virus - zusammen. Und das war psychisch schon schwer genug: Lockdown, Distanz, Stay at home. Eine Herausforderung für die, die ohnehin schon einsam waren. Jetzt können einige schon die ersten Freiheiten genießen, andere bleiben zurück. Aber Einsamkeit ist schmerzhaft, ansteckend und tödlich, sagt Prof. Dr. Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Ulm. Wir haben nachgefragt.

Einsamkeit wirkt im Gehirn in den gleichen Zentren, in denen auch Schmerz verarbeitet wird - und sie kann uns krank machen, das Immunsystem empfindlich stören - das wissen Forscher heute. In Zeiten der Coronapandemie ist das besonders riskant. Einsamkeit sorgt im Körper für Stress und sie ist "schmerzhaft, ansteckend und tödlich" sagt Prof. Dr. Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Ulm, in einem neuen Buch, dass er der Psyche in Coronazeiten gewidmet hat. Unter dem Titel "Pandemie" erscheint es in dieser Woche. Die rbb Praxis hat mit Prof. Spitzer über Neuropsychologie, die Gefahr der Einsamkeit und die Bedeutung von Lockerungen für die Betroffenen gesprochen.

Prof. Spitzer, wenn Sie in Ihrem Buch von den negativen Folgen der Einsamkeit sprechen, ist da immer wieder die Rede davon, dass Einsamkeit Stress auslöst - und von Stress wissen wir ja um gesundheitsschädliche Folgen. Wie hängen Einsamkeit und Stress zusammen?

Diese Erkenntnis ist noch gar nicht so alt. Vor gut zehn Jahren hat man dazu Testpersonen 25 Mal binnen zwei Wochen kontaktiert und nach dem subjektiven Empfinden zu ihrem sozialen Netz gefragt: Man fragte die Teilnehmer jeweils nach dem letzten Menschen, mit dem sie Kontakt hatten und ob man diesen Menschen beispielsweise um 3 Uhr nachts aufsuchen könnte, wenn man Probleme habe.

Wer da oft nein sagt, der erlebt jedenfalls offensichtlich deutlich weniger unterstützende Kontakte, als jemand, der oft ja sagt. Zudem hat man das Stresshormon Cortisol im Speichel der Teilnehmer untersucht, wodurch man folgenden Zusammenhang fand: Je besser sich das soziale Netzwerk für die Menschen subjektiv anfühlt, desto weniger Stresshormon konnte nachgewiesen werden. Diese Untersuchung hat klar belegt, was man schon vermutete: Einsamkeit verursacht Stress.

Und damit versteht man dann auch besser, warum Einsamkeit gesundheitlich so schädlich ist. Auch dies wurde von ganz anderen Wissenschaftlern herausgefunden: Einsamkeit ist noch vor dem Herzinfarkt der Killer Nr. 1 - weil chronischer Stress unter anderem zu Bluthochdruck, erhöhtem Blutzuckerspiegel (Diabetes) und verminderter Immunabwehr führt.

Da sprechen Sie die Wirkung von Stress auf das Immunsystem ja schon an und Sie erwähnen in Ihrem Buch auch die Cohen-Studien, in denen es um Stress und die Anfälligkeit für Viren geht. Wie leitet sich der ab?

Stress löst im Körper eine Notfallreaktion aus. Also: Alles was man jetzt zum Überleben braucht wird raufgefahren - Blutzucker, Blutdruck, Puls, etc. - und was man im Moment nicht braucht, dazu gehört eben auch die Immunabwehr oder die Verdauung, wird auf später verschoben. Dauerstress führt daher zu dauernd verminderter Immunabwehr.

Und man findet im Experiment bei Versuchspersonen mit unterschiedlichem Stressniveau ein unterschiedliches Risiko, sich mit Viren zu infizieren [Anm. d. Red.: Cohens Forschergruppe hat das mit Erkältungsviren gemacht.]

Ich habe mich gefragt was die Henne und was das Ei ist: Verursacht Einsamkeit an sich Stress oder fehlt bei jemandem, der einsam ist, sozusagen ein Linderungsfaktor, den die anderen haben?

Man kann sich das als Teufelskreis vorstellen: Mehr Einsamkeit macht mehr Stress. Mehr Stress macht wiederum mehr Einsamkeit. Unterm Strich gibt es diesen Zusammenhang, der gerade jetzt in der Corona-Krise besonders bedeutsam ist. Zwar ist soziale Distanz nicht das Gleiche wie Einsamkeit und körperliche Distanz, aber Zusammenhänge gibt es selbstverständlich. Und dies ist wichtig, denn solange wir weder Impfstoff noch Medikamente gegen das neue Corona-Virus haben, haben wir nur unser Immunsystem als Verteidigungslinie. Und genau dieses wird durch das Erleben von Einsamkeit geschwächt.

Am Anfang waren wir ja sozusagen alle in einem Boot - alle gegen das Virus. Aber jetzt trennen sich die Gruppen: Die einen genießen Lockerungen, die anderen - z.B. Risikogruppen - schauen aus Angst um ihre Gesundheit nur zu. Wie wirkt sich das psychisch aus?

Das ist sicher ein komplexes Problem, denn hier wirken mehrere Faktoren zusammen: Aus meiner Sicht war der Lockdown für alle am Anfang prinzipiell richtig. Eine gerade im Fachblatt Nature erschienene Studie zeigt: Dieser hat in Europa ca. 3,1 Millionen Tote verhindert, rund eine halbe Millionen allein in Deutschland. Und wir haben ja gesehen, dass es in anderen Ländern schief ging, weil Regierungen zu spät reagiert haben. Aber wir haben jetzt in Deutschland ganz unterschiedliche Infektionszahlen - siehe Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Das Risiko in letzterem Bundesland beim Einkaufen einen Infizierten zu treffen ist sehr gering - wieso sollten also die Menschen da auf Dauer einen harten Lockdown weiter ertragen? Daher ist es vernünftig, wenn die Strategie jetzt auf lokale Besonderheiten reagiert.

Dass das die Gefahr mit sich bringt, dass man unsolidarischer wird und dass der Gruppeneffekt vom Anfang nicht mehr da ist - das mag sein. Aber ich glaube: Solange alle informiert sind und wissen, dass das die Regeln sind, die für alle gelten, auch wenn sie bedeuten, dass nicht alle bundesweit das gleiche durchmachen - solange das so kommuniziert und rational erfasst wird, glaube ich nicht, dass die Lockerungen zwangsläufig zu einer Verminderung der Solidarität der Menschen führen.

Heute wissen wir, dass Einsamkeit und Schmerz tatsächlich auch neurophysiologisch in den gleichen Hirnregionen verarbeitet werden. Was hat die Medizin, besonders auch die Therapie, sozusagen aus dieser Erkenntnis gelernt?

Das haben kalifornische Wissenschaftler im Jahr 2003 erstmals so nachgewiesen. Diese Erkenntnis hat tatsächlich eine ganze Welle von weiteren Untersuchungen ausgelöst - und die haben den Befund auch immer wieder bestätigt: Einsamkeit betrifft tatsächlich des Schmerzzentrum im Gehirn.
 
"Abschiedsschmerz" ist weit mehr als eine Metapher. Das geht soweit, dass wenn Sie z.B. Schmerzen haben und erinnern sich mittels eines Fotos an ihre Familie, dann nehmen die Schmerzen und die Aktivität im Schmerzzentrum ab. Schon früher konnte man bei vielen Patienten in Krankenhäusern ein Familienbild auf dem Nachttisch finden. Heute wissen wir: Das ist aktive Schmerztherapie. Heute nutzt man diese Erkenntnisse, die zu neuen Therapien geführt haben.

Welche helfenden Ansätze gibt es denn jetzt für Menschen, die in dieser Phase der Coronapandemie unter Einsamkeit leiden? Was wären erste kleine Schritte gegen Einsamkeit?

Naja, es ist natürlich ein Teufelskreis, denn ganz oft geht Einsamkeit auch mit Gedanken einher, die das ganze chronisch werden lassen, wie: "Ich gehe den anderen doch nur auf die Nerven", "Die mögen mich gar nicht wirklich", "Keiner interessiert sich für mich" usw.. Das bewirkt dann  noch mehr Rückzug und so geht es immer weiter.

Wenn man bemerkt, dass man aus diesem Kreislauf nicht herauskommt, dann sollte man sich auf jeden Fall professionelle Hilfe suchen. Man kann diese Gedanken unterbrechen – beispielsweise indem man etwas für andere tut. Denn dann geht man auf keinen Fall jemandem auf die Nerven: Wenn man bei der Tafel arbeitet, freut sich ein anderer über das Essen und schenkt einem vielleicht auch ein Lächeln. In solchen Momenten können diese negativen Gedanken - wir sagen in der Psychiatrie: dysfunktionale Kognitionen - nicht aufkommen, weshalb anderen zu Helfen ein guter Weg aus der Einsamkeit heraus ist - nicht nur aus der Isolation, sondern auch aus dem Gefühl der Einsamkeit.

Außerdem helfen Dinge, die in Gemeinschaft noch mehr Spaß machen, die man aber ohnehin schon gern tut - Sport oder Musik machen z.B., im Chor singen. Wer übrigens solche Erfahrungen von Gemeinsamkeit als Kind erlebt hat, der hat ein Leben lang eine Art Handlungsmuster gegen Einsamkeit bei sich.

Nun ist ja im Chor singen durch SARS-CoV-2 gerade besonders schwierig. Wenn ich jetzt mal an einen ersten kleinen Schritt aus der Einsamkeit denke - könnte der z.B. auch etwas sein, für das ich noch nicht mal sofort Kontakt zu anderen aufnehmen muss? Masken zuhause für andere nähen z.B.?

Natürlich! Und wenn es sonst um die Vermeidung von körperlichem Kontakt geht, kann man z.B. auch telefonieren. Ein Amerikaner hat einmal gesagt: Es geht nicht um social distancing sondern um distant socializing und das trifft es genau. Ein Telefon braucht außerdem am wenigsten Energie und Datenbandbreite, ist also auch noch gut für den Planeten. Und ich denke, dass man Telefonieren ganz aktiv auch wirklich öfter tun sollte, gerade weil man sich zur Zeit weniger sieht.

Nun gibt es ja auch Menschen, die gut allein klar kommen und die die Kontaktreduzierung erstmal nicht als schlimm empfinden. Müssen die trotzdem aufpassen sich nicht zu sehr allein wohl zu fühlen?

Diese Menschen sind aber nicht einsam, denn man spricht nur dann von Einsamkeit, wenn das auch subjektiv so empfunden wird und Einsamkeit wird definitionsgemäß schmerzaft und damit nicht positiv erlebt. Sie ist vielmehr der erlebte Mangel, der erlebte Schmerz. Etwas anderes ist soziale Isolation - in der, also allein, kann sich auch jemand mal ganz wohl fühlen. Wer z.B. unter der Woche mit vielen Menschen arbeitet hat vielleicht dann am Wochenende "genug soziale Kontakte gehabt" und ist lieber allein.

Aber lassen Sie mich noch etwas hinzufügen: Am 10. und 11. Juni sind nämlich zwei neue Studien erschienen, eine aus Deutschland und eine aus Großbritannien, die der Frage nachgingen, wer am meisten unter den Lockdownmaßnahmen leidet. Die Antwort ist: Es sind nicht die Älteren, sondern die Jüngeren und es sind mehr die Frauen als die Männer. Das ist sehr interessant, weil vielen erstmal ältere Menschen einfallen, die jetzt noch einsamer sind. Aber ältere Menschen sind sozial nicht so oft gemeinsam unterwegs wie jüngere und kennen sich aus mit sozialer Distanz, haben ihre Strategien und Erfahrungen. Genau darum macht ihnen die Lage im Moment wohl weniger aus als den Jüngeren, die sozialen Kontakt wie die Luft zum Atmen brauchen.

Und dann ist es so, dass Männer nicht so sozial drauf sind wie Frauen - das ist einer der wenigen robusten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die es wirklich gibt. Frauen sind die sozialeren Wesen und wenn die Kontakte weniger werden, dann leiden die Frauen natürlich auch mehr.

Herr Prof. Spitzer, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Lucia Hennerici

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