Ärztin mit Mundschutz (Quelle: imago/Westend61)
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Interview l Coronaspätfolgen - 'Wir beobachten etwas, was wir noch nicht verstehen'

Nach zwei Wochen haben es die meisten geschafft – dann ist eine Corona-Infektion für gewöhnlich überstanden. Doch viele Menschen sind dann immer noch nicht geheilt oder belastbar. Sie haben auch noch Wochen danach Atemprobleme, Müdigkeit und andere Beschwerden.

Die rbb Praxis hat mit dem Chefarzt der Klinik für Pneumologie der Evangelischen Lungenklinik in Berlin, Prof. Dr. Christian Grohé, über die Spätfolgen einer COVID-Erkrankung gesprochen.

Wer COVID-19 überstanden hat, ist nicht automatisch genesen. Warum nicht?

Weil die Erkrankung mit einer chronischen Entzündung vieler Organsysteme im Körper einhergeht - von Gefäßentzündungen über Schlaganfälle bis hin zu schweren Schädigungen der Lunge, aber auch starke Muskelschäden. Das führt zu einer Erkrankung, die mit einer schweren Erschöpfung einhergehen kann.

Welches Symptom ist denn am häufigsten?

Sehr häufig ist eine sehr langsame Erholung des Patienten, eine verzögerte Rekonvaleszenz. Diese wird wahrscheinlich durch die chronische Entzündung im Körper bedingt. Der Körper hat eine ganz andere Stoffwechselleistung, und das führt zu Müdigkeit und Antriebslosigkeit, einer fehlenden Konzentrationsfähigkeit und einer erheblichen Schwäche, wie zum Beispiel nach einem schweren Grippeinfekt.

Sind die Spätfolgen abhängig von der Schwere der COVID-19-Erkrankung?

Wir untersuchen Post-COVID-Patienten im Rahmen von Registerstudien in speziellen Sprechstunden. Wir beobachten etwas, was wir noch nicht verstehen. Es gibt einerseits Patienten, die eine schwere Lungenerkrankung haben und sich dann sehr schnell erholen können. Andererseits sehen wir Patienten, die nur leichte Symptome im Rahmen der COVID-19-Infektion hatten, aber zum Beispiel eine Herz-Kreislauf-Erkrankung wie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt entwickelt haben. Das also bestimmte Menschen besonders intensiv reagieren, mit bestimmten Abwehrmechanismen, und andere weniger.

Sind solche Langzeitfolgen reversibel, also heilbar?

Die Hoffnung ist, dass sie nicht nur heilbar sind, sondern wir diese Mechanismen bald besser verstehen und zuordnen können. Wir müssen also, und das ist elementar, diese Post-COVID-Erkrankungsvielfalt systematisch erfassen. Das versuchen wir momentan in Berlin auch durch prospektive Registerstudien, auch in Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Lungenfachärzten und Spezialisten der Neurologie und der Kardiologie. Das Ziel dabei ist, Belastungstests zu standardisieren und abzubilden, wer, wie erkrankt. Das ist wichtig, um andere Erkrankungen, die vielleicht zeitgleich auftreten, zum Beispiel andere Entzündungserkrankungen oder neurologische Krankheiten, davon zu trennen.

Wie können Ärzt*innen unterscheiden, ob eine Krankheit durch COVID-19 entstanden ist oder erst im Zuge der COVID-19-Behandlung entdeckt wurde?

Es gehen viele Menschen aus Angst vor Infektionen weit weniger häufig zum Arzt. Momentan ist zum Beispiel die Anzahl der Herzkatheter-Untersuchungen in Deutschland deutlich geringer als in den Vorjahren. Das bedeutet, weniger Patienten erhalten eine notwendige Herzuntersuchung. Das heißt: Wir sehen parallel zu der COVID-19 Pandemie eine Verzögerung des Gesundheitsfürsorgeprogramms in Deutschland. Es kann durchaus sein, dass Patienten, die bereits eine schwere Gefäßverkalkung im Bereich der Herzkranzgefäße haben, nicht zum Arzt gehen. Es gibt zudem Patienten, die durch COVID-19 an den Herzkranzgefäßen erkranken. Bei ihnen sehen die Gefäße vorher normal aus, aber plötzlich bekommen sie eine hochgradige Entzündung im Bereich der Gefäße und entwickeln einen Infarkt.

Was kann ich als Patient*in tun, wenn ich eine Corona-Infektion überstanden habe, aber Beschwerden habe?

Auf den Intensivstationen bei uns in Berlin werden die Menschen sehr gut betreut, aber für die Nachbetreuung der Patienten gibt es bisher kein durchgängiges Konzept. Wir haben vor 14 Tagen eine S2K-Leitlinie aller beteiligten Fachgesellschaften veröffentlicht, die darauf hinweist, dass Patienten, die COVID-19-Erkrankungen stationär durchgemacht haben, nachversorgt werden müssen. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe.
 
Patienten müssen systematisch nachgesorgt werden und zwar interdisziplinär zwischen den ambulanten und den stationären Strukturen. Das heißt, wenn jemand an COVID-19 erkrankt war, muss er eine Möglichkeit haben, in einer spezialisierten ambulanten Struktur gesehen zu werden.

Wie sollte sich jemand verhalten, der COVID-19 überstanden hat – sich komplett durchchecken lassen?

Bei denen, die COVID-19 zuhause in der Quarantäne überstanden haben und danach sehr müde und schlapp sind, kann der Hausarzt schon viel in einem Standard-Checkup überprüfen. Da sind die Hausärzte sehr gut unterwegs, um andere Ursachen für die Symptome auszuschließen. Wer trotzdem im Rahmen der COVID-Erkrankung für die Erholung sehr lange braucht, der sollte in eine spezielle Ambulanz gehen können. Diese versuchen wir gerade flächendeckend aufzubauen. Ich glaube, dass man die große Vielfalt der Erkrankung nur interdisziplinär behandeln kann.

Wann ist mit diesen Zentren flächendeckend zu rechnen?

Wir untersuchen im Rahmen einer Pilotstudie zusammen mit dem Unfallkrankenhaus in Berlin-Marzahn und dem Herzzentrum in Bernau. Wir stehen im engen Kontakt mit den niedergelassenen Pneumologen. Es ist wichtig, dass wir es zeitnah umsetzen. Wir müssen das jetzt erfassen und nicht erst in einem Jahr anfangen. Das ist eine gemeinschaftliche Aufgabe.

Warum ist es wichtig, Post-Corona-Patienten in einem Register zu erfassen?

Es gibt immer noch eine Vielzahl von Patienten, die COVID überstanden haben, aber deren Krankheitsvielfalt wir nicht verstehen. Das ist für mich ein ganz zentrales Thema: Wie gehen wir mit dieser Pandemie um, wenn der Patient sich erholt? Es gibt ja auch psychologische Folgen für Patienten, zum Beispiel Angststörungen. Diese müssen wir besser verstehen. Denn selbst wenn die Impfungen helfen, kommen wir wieder in den Winter 2021/2022. Und da müssen wir aus dem Erfahrungsschatz schöpfen können, was wir gerade gelernt haben. Wir brauchen jetzt Informationssammlungen, um daraus Schlüsse ziehen zu können.

Wer ist da am Zug?

Unser Problem ist, dass die Menschen, die im Gesundheitssystem tätig sind, am Anschlag arbeiten. Daher wünschen wir uns, dass wir in Berlin gemeinschaftlich, das heißt die Niedergelassenen ebenso wie die Krankenhäuser ein System entwickeln, der Pandemie Herr zu werden.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Laura Will.

Definition

S2k-Leitlinie

Sie wird von einer für das jeweilige Fachgebiet repräsentativen Kommission erstellt, die Empfehlungen werden nach einer strukturierten Konsensfindung gegeben. Da auch hier das Wissen nicht systematisch gesammelt und bewertet wird, ist die Grundlage für die Empfehlungen ebenfalls nicht sehr verlässlich.



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