Junge Ärztin arbeitet am Laptop (Quelle: imago/emil umdorf)
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Sprechstunde und ärztliche Betreuung via Internet - Pflege 2.0 - digitale Patientenversorgung auf dem Vormarsch?

Digitale Kommunikation kann die Versorgung von Patienten verbessern. Viele Ansätze sind in der Entwicklung, haben sich in der täglichen Praxis aber noch nicht durchgesetzt. Datensicherheit, technische Hürden oder auch Vorbehalte gegenüber neuen Techniken spielen eine Rolle. Eine Hausärztin aus Steglitz hat sich über diese Bedenken hinweg gesetzt.

Dr. Irmgard Landgraf, Hausärztin aus Berlin-Steglitz, versorgt zwei Pflegeheime mit Hilfe elektronischer Patientenakten. Mit rbb Praxis sprach sie über die konkrete Umsetzung und die Vorteile des Ansatzes zur digitalen Patienten-Versorgung. 

Frau Dr. Landgraf, wie sieht Ihre Arbeit auf Basis dieser elektronischen Patientenakte konkret aus?

Ich versorge inzwischen rund 150 Bewohner in zwei Berliner Pflegeheimen. Seit 20 Jahren geschieht das im Rahmen des sogenannten Berliner Projekts. Das heißt, ich und zwei Ärztinnen, die gerade bei mir in der Praxis ihre Facharztausbildung machen, sind 24 Stunden erreichbar, wir leisten wöchentliche Visiten vor Ort und regelmäßige Fallbesprechungen. Seit 2001 haben wir begonnen, mit elektronischen Patientenakten zu arbeiten. Die Pflegekräfte tragen im Heim alle Veränderungen des Gesundheitszustandes in eine spezielle Hinweisspalte für mich als Hausärztin ein. Die lese ich mindestens zweimal täglich, morgens die Bemerkungen der Nacht und abends die Ereignisse des Tages. So kann ich sehr zeitnah die Therapie, zum Beispiel Medikamentengaben, anpassen. Und auch entscheiden, ob ein Besuch vor Ort oder ein schnelles ärztliches Eingreifen notwendig ist.

Welche Vorteile hat dieser Ansatz gegenüber der bisherigen Versorgung in Pflegeheimen?

Die digitale Zusammenarbeit ermöglicht uns eine einfache und tägliche Kommunikation zu Gunsten des Patienten. Es gehen so gut wie keine Informationen verloren und ich bin jederzeit über den Gesundheitszustand "meiner Patienten" informiert. Auf diese Weise kann ich auch die wöchentlichen Visiten vor Ort viel besser vorbereiten. Schon allein das Arbeiten im Rahmen des Berliner Projekts hat die Zahl der Krankenhauseinweisungen von Bewohnern um rund die Hälfte reduziert. Die elektronische Patientenakte hat diese Zahl um weitere mehr als zehn Prozent reduziert und auch dazu geführt, dass weniger Medikamente verabreicht werden müssen. Dieses Modell, das bislang aber nur von der AOK und der IKK Berlin Brandenburg bezahlt wird, fördert präventives Arbeiten. Das heißt, wir vermeiden in vielen Fällen durch die intensive Betreuung im Berliner Projekt und die digitale Vernetzung, dass Patienten ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen.

Gibt es Skepsis seitens der Mitarbeiter in den Pflegeheimen, eventuell weil es mit einem erhöhten Aufwand verbunden ist?

Nein, überhaupt nicht. Für die Mitarbeiter ist die elektronische Patientenakte eine große Erleichterung. 90 Prozent der Ärzte, die Bewohner in Pflegeheimen versorgen, sind ja gar nicht im Heim angestellt, sondern haben eine eigene Praxis. Das heißt, wenn ein Bewohner ärztliche Hilfe braucht, telefonieren die Pflegekräfte manchmal stundenlang hinter dem zuständigen Hausarzt her. Das kostet Zeit, die ihnen dann für die Betreuung der Bewohner fehlt.

Zudem kommt der Hausarzt manchmal erst dann, wenn sich das gesundheitliche Problem des Bewohners schon zugespitzt hat. Letztlich nutzen die Pflegekräfte das medizinische Dokumentationssystem, welches sie sowieso ausfüllen müssen, für den Informationsaustausch mit mir als Ärztin. Das Heim, bei dem ich mit dieser Arbeit begonnen habe, hatte schon 2001 eine ganz normale elektronische Pflegedokumentation, mit Kommunikationsmodulen. Die war zu diesem Zeitpunkt auch netzwerkfähig, so dass ich von meiner Praxis, aber auch von Zuhause aus, diese Arbeit machen konnte. Anders hätte ich die Versorgung dieses Pflegeheims als berufstätige Mutter von zwei kleinen Kindern gar nicht schaffen können.

Arbeiten auch andere Hausärzte mit diesem Modell der elektronischen Patientenakte?

Wenige. Man muss auch sagen, dass das nicht für jede Hausarztpraxis ein praktikables Modell ist. Wenn Ärzte nur wenige Patienten in einem Pflegeheim versorgen, lohnt es sich für sie nicht, mit der elektronischen Patientenakte zu arbeiten. Das Modell funktioniert dann am besten, wenn nicht zu viele Akteure an der digitalen Kommunikation beteiligt sind und wenn alle sich persönlich kennen und wissen, wie die jeweils andere Seite arbeitet. Ich habe jetzt mit einem Kollegen ein Pflegeheim in Spandau übernommen und diese Praxis arbeitet auch mit diesem Konzept. Ein anderer Kollege aus Sachsen hat sich gerade erst neu niedergelassen und ihm sind zwei Pflegeheime zur Betreuung angeboten worden. Der ist natürlich sehr interessiert an dem vernetzten Arbeiten, weil er sonst die Versorgung so vieler Bewohner gar nicht gewährleisten könnte. 

Seit 1. Juli können niedergelassene Ärzte Online-Sprechstunden abrechnen. Wird das zunehmend eine Rolle spielen?

Die Online-Sprechstunde ist eine gute Idee, aber aus meiner Sicht hakt es doch noch stark an der praktischen Umsetzung. Ärzte, die eine solche Online-Sprechstunde anbieten wollen, müssen erst mal die technischen Voraussetzungen schaffen. Der Arzt muss einen Provider finden, der ihm die digitale Sprechstunde datensicher herstellt. Dazu gehört auch, dass die Videosprechstunde in einem Raum stattfindet, der gewährleistet, dass niemand anderes dieses Gespräch mitverfolgen kann. Dann dürfen Ärzte pro Quartal nur 50 Online-Sprechstunden abrechnen. Pro Gespräch bekommen sie eine Aufwandsentschädigung von 4,21 Euro, das wären maximal 210 Euro im Quartal. Sie brauchen aber, um die Videodienste zu finanzieren, schon mal die Hälfte dieses Geldes.

Hinzu kommt, dass sie Patienten brauchen, die diese Technik ihrerseits überhaupt bedienen können. Das ist gerade bei älteren Menschen aber nur selten der Fall. Aus meiner Sicht dürfte es die Beschränkung von 50 Online-Sprechstunden im Quartal nicht geben, damit sich dieses Angebot für Ärzte auch tatsächlich lohnt. Es wäre auch sinnvoll, wenn die Vermittlung der Provider über die Kassenärztlichen Vereinigungen liefe, das würde vielen Ärzten den Einstieg erleichtern. Trotzdem glaube ich, dass die Online-Sprechstunde in naher Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Die Technik wird leichter bedienbar werden, so dass immer mehr Menschen sie auch selbstverständlich nutzen werden. Und, ich kann viel Zeit sparen, wenn ich für die Kontrolle einer Wunde nicht stundenlang durch Berlin fahren muss, sondern diese Zeit nutzen kann, um mit meinen Patienten zu sprechen, sei es in der realen oder in der Online-Sprechstunde.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Landgraf.

Das Interview führte Ursula Stamm

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