Junge Frau lehnt an Wand. Symbolbild für Perspektivlosikgkeit (Quelle: imago/Photocase)
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Interview | FRITZ am Urban - Hilfe für junge Menschen in psychischen Krisen

Psychische Krisen sind häufig. Jeder dritte erlebt einmal im Laufe seines Lebens eine seelische Erkrankung. Aktuelle Zahlen belegen: Immer mehr jüngere Menschen sind betroffen. Verzweifelt, verrückt, drogensüchtig - fast jeder dritte junge Berliner zwischen 18 und 25 muss mindestens einmal im Jahr wegen einer psychischen Erkrankung in ärztliche Behandlung. FRITZ am Urban ist speziell für junge Menschen in schweren Krisen da.

Was das Therapiezentrum FRITZ zu bieten hat, verrät uns Dr. Karolina Leopold, Oberärztin der Klinik für Psychiatrie am Vivantes Klinikum Am Urban.

Was ist FRITZ am Urban?

Das Frühinterventions- und Therapiezentrum FRITZ Am Urban ist ein Angebot für junge Menschen zwischen 15 und 28 Jahren in schweren psychischen Krisen. Es bietet Diagnostik, Behandlung und Beratung bei psychotischen Symptomen. Das sind Veränderungen der Wahrnehmung, des Denkens, des Fühlens oder Verhaltens die manchmal nur kurz und vorübergehend sind, aber auch zu chronischen psychischen Erkrankungen werden können. Deswegen ist es wichtig sie frühzeitig zu erkennen und richtig zu behandeln. Die Behandlung kann je nach Wunsch und Bedarf ambulant, stationär oder tagesklinisch stattfinden.

Warum macht eine Station extra für junge Menschen Sinn?

Junge Menschen befinden sich in einer entscheidenden Lebensphase in der sie sich mit wichtigen Themen befassen müssen: Ablösung vom Elternhaus, selbständig werden, Ausbildung, Beruf, den eigenen Lebensweg finden. Es fällt immer leichter sich mit Menschen auszutauschen die dieselben Probleme haben. Die jugendspezifischen Themen werden in den FRITZ-Therapiegruppen aufgegriffen und wir versuchen die Behandlung auf die Bedürfnisse junger Menschen auszurichten.

Haben sie eine Erklärung, warum gerade in Berlin so viele junge Menschen psychisch krank werden?

Das Berliner Leben beinhaltet viele Risikofaktoren für psychische Krankheiten: Leben in einer Großstadt an sich erhöht das Risiko psychisch krank zu werden. Aber auch Drogen, Armut, Gewalterfahrungen und Migrationshintergrund gelten als Risikofaktoren. Außerdem glaube ich persönlich, dass viele Menschen mit psychischen Erkrankungen das Leben in einer anonymen Großstadt bevorzugen, denn jemand der nicht in die Norm passt hat es vielleicht etwas leichter im toleranten Berlin.

Mit welchen psychischen Problemen kommen die jungen Leute?

Das ist sehr unterschiedlich, manche haben starke Ängste, fühlen sich beobachtet, können sich nicht mehr gut konzentrieren oder haben Stimmungsschwankungen. Bei einigen gibt es Wahrnehmungsveränderungen die zuerst nur bei Drogenkonsum auftreten, aber dann nicht mehr vollständig weg gehen. Wenn psychische Veränderungen auftreten die im Alltag stören, Angst machen oder das Leistungsniveau einschränken, sollte man sich Rat und Hilfe suchen.

Wie können Sie helfen?

Wir legen besonderen Wert darauf, dass es keine Patentlösungen gibt. Wir müssen für jeden Patienten individuell die geeigneten Therapiestrategien finden. Dabei ist die Kombination von verschiedenen Ansätzen häufig entscheidend, Psychotherapie ist genauso wichtig wie Medikamente. Es geht um viel Sprechen, Unterstützen, Stärken und Ressourcen zu finden und zu fördern.

Was ist anders als auf üblichen psychiatrischen Stationen?

Uns ist es sehr wichtig den Patienten da abzuholen wo er steht. Wir versuchen immer die Bedürfnisse und Wünsche der Patienten zu respektieren. Das bedeutet auch, dass Patienten Dinge ablehnen und anderer Meinung sein dürfen. Wir haben kein Pflichtprogramm bei dem jeder mitmachen muss, sondern versuchen mit jedem Patienten zu erarbeiten was seine Ziele sind, was er kann und was nicht. Wir müssen uns an den Patienten anpassen und nicht umgekehrt.

Was können Sie jungen Patienten vermitteln, mit auf den Weg geben?

Das psychische Störungen und Erkrankungen weder Grund sind sich zu schämen noch zu verzweifeln. Sie sind meistens gut behandelbar und mit der richtigen Unterstützung kann man an der Gesundung aktiv mitarbeiten. Den Kopf in den Sand zu stecken ist der falsche Weg, man muss seine Probleme erkennen, ernst nehmen und angehen um sie zu lösen.

FRITZ gibt es jetzt seit fünf Jahren. Wie erfolgreich ist Ihre Behandlung? Lohnt sich Ihr Einsatz?

Auf alle Fälle! Wir durften viele Patienten bei der Genesung begleiten und unterstützen und haben tolle Behandlungserfolge erlebt. Wir freuen uns sehr über das Vertrauen unserer Patienten und das sie immer wieder unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Natürlich gibt es auch Rückschläge und Enttäuschungen über nicht erreichte Ziele, aber das versuchen wir als Ansporn für die Weiterentwicklung und Verbesserung unseres FRITZ zu sehen.

Erschreckend finde ich persönlich wie verbreitet regelmäßiger Drogenkonsum bei jungen Menschen ist und dass psychische Krankheit häufig zu Obdachlosigkeit und Perspektivlosigkeit führt. Es braucht dringend mehr Hilfe um solche Folgen zu verhindern. Denn Vorbeugen ist besser als Heilen.

Vielen Dank für das Gespräch, Dr. Leopold!
Das Interview führte Jana Kalms.

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