Symbolbild: Rheumatische Beschwerden (Bild: imago/blickwinkel)
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Erika Gromnica-Ihle zu Rheuma - "Bessere Lebensqualität bei früher Behandlung"

Die Diagnose "Rheuma" war lange Zeit das Signal für ein Leben als chronisch Kranker und für eine lebenslange Medikamenteneinnahme. Das stimmt so nicht mehr. Wird die Rheumatoide Arthritis rechtzeitig erkannt, kann es durchaus beschwerdefreie Phasen ohne Medikamente geben. Doch an der frühzeitigen Behandlung hapert es. Das muss sich ändern, fordert Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle, Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga Berlin.

Wie sieht die Versorgung von Rheuma-Patienten in Deutschland zurzeit aus?

Es gibt ja viele verschiedene rheumatische Erkrankungen. Wir haben uns die Versorgungslage bei Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) angesehen. Das ist die wichtigste entzündliche rheumatische Erkrankung mit circa 440.000 Betroffenen in Deutschland. Und da zeigt eine Auswertung des Deutschen Rheumaforschungszentrums Berlin, dass diese Patienten, nach Auftreten erster Beschwerden wie Gelenkschwellungen, erst nach knapp elf Monaten den ersten Kontakt zu einem niedergelassenen Rheumatologen haben. Das ist aber deutlich zu spät. Denn nationale und internationale Leitlinien zur Behandlung der RA fordern, dass eine sogenannte Basisbehandlung, zum Beispiel mit MTX, innerhalb von zwölf Wochen nach Eintritt der ersten Beschwerden einsetzen sollte.

Was ist der Vorteil einer frühen Behandlung und wie sollte sie aussehen?

Wir wissen inzwischen aus zahlreichen internationalen Studien, dass es ein "Window of Opportunity" bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis gibt. Das heißt, es gibt ein therapeutisches "Zeitfenster" ab dem ersten Auftreten klinischer Symptome, welches besonders günstig für den Beginn einer Behandlung mit Basismedikamenten ist. Diese Basismedikamente, auch Disease-modifying Antirheumatic Drugs" (DMARDs) genannt, lindern nicht nur den Schmerz, sondern halten die Gelenkzerstörung durch die rheumatische Entzündung auf. Es passiert immer noch, dass Patienten mit Erstsymptomen einer RA lediglich nichtsteroidale Schmerzmedikamente wie Dicolfenac bekommen. Dann haben sie zwar zunächst keine Schmerzen mehr, aber die Gelenkzerstörung kann ungehindert weitergehen. Deshalb muss am Beginn einer Behandlung der RA beides stehen: Basismedikamente wie MTX, Leflunomid oder Sulfasalazin und Schmerzmittel, weil die Schmerzlinderung durch die Basismedikamente erst nach circa sechs Wochen einsetzt. Kortison hat da eine Zwischenstellung. Durch seine entzündungshemmende Wirkung lindert es den Schmerz und hält die Gelenkzerstörung durch das Abklingen der Entzündung ein wenig auf.

Was geschieht wenn zu spät behandelt wird?

Niederländische und französische Forscher haben in zwei großen, aktuellen Studien mit früh an Arthritis erkrankten Patienten untersucht, ob das "Window of Opportunity" linear, also kontinuierlich kleiner wird. Dem ist nicht so. Vielmehr ist es so, dass nach circa 15 bis maximal 20 Wochen das "Fenster" langsam geschlossen wird. Das heißt, Patienten, die erst danach eine Basistherapie erhalten, haben mehr Gelenkzerstörung, eine schlechtere Funktionsfähigkeit der Gelenke und zudem eine geringere Chance, dass sie zeitweise ohne Medikamente auskommen können. Wenn wir uns jetzt die Versorgungslage in Deutschland ansehen, wird klar: Wenn die Patienten erst nach knapp elf Monaten zum ersten Mal einen Rheumatologen sehen, ist das "Window of Opportunity" bereits geschlossen. Das heißt jetzt nicht, dass jede Behandlung dann zwecklos ist, aber sie wird deutlich schwieriger und ist von weniger Erfolg gekrönt.

Was müsste sich ändern, damit möglichst viele Rheuma-Patienten rechtzeitig behandelt werden?

In Deutschland gibt es an den medizinischen Hochschulen nur sechs Lehrstühle für Rheumatologie. Dementsprechend selten kommen Studierende mit dem Fach in Berührung. Ich weiß aber aus persönlicher Erfahrung, dass viele Studierende, die "durch Zufall" an das Fach geraten, davon durchaus begeistert sind. Weil es so vielseitig ist und weil wir inzwischen mit den Biologika auch sehr moderne Medikamente zur Verfügung haben, mit denen die Erkrankung gut behandelt werden kann. Letztlich brauchen wir doppelt so viele Rheumatologen wie wir zurzeit haben. Das kann sich nur langsam ändern, indem mehr Rheumatologen ausgebildet werden.

Mit sogenannten Früh-Arthritis-Behandlungssystemen versuchen Rheumatologen eine rechtzeitige Behandlung einzuleiten. Aber auch das gelingt nur, wenn es mehr Rheumatologen gibt und die Hausärzte rechtzeitig die richtigen Patienten überweisen. Das sind bei der rheumatoiden Arthritis vor allem Patienten, die länger als zwei Wochen mindestens zwei geschwollene Gelenke aufweisen. Die Barmer BEK hat in Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen besondere Verträge abgeschlossen, die durch finanzielle Anreize dafür sorgen sollen, dass Rheumapatienten innerhalb von 14 Tagen einen Termin beim Rheumatologen bekommen. Auch von den Terminservicestellen, die Bundesgesundheitsminister Gröhe initiiert hat, kann man hoffen, dass sie die frühe Behandlung von Rheuma-Patienten zum Teil unterstützen können.

Das Gespräch führte Ursula Stamm.

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