Röntgenbild einer Hüfte mit rot markiertem Schmerzpunkt (Quelle: Colourbox)
Bild: Colourbox

Hüftgelenkersatz bei Hüftarthrose - Wann ist eine Hüft-Operation sinnvoll?

Die Leiste tut weh, das Aufsteigen aufs Fahrrad geht nicht mehr und selbst Laufen klappt nur unter Schmerzen? Typische Symptome einer Hüftarthrose. Zwar können Schmerzmittel und Physiotherapie die Entzündung verringern und das Gelenk stabilisieren. Halten die Schmerzen aber an, steht irgendwann die Frage nach einem neuen Hüftgelenk im Raum. Aber wann ist der Zeitpunkt für eine OP gekommen und muss die wirklich immer sein?

rbb Praxis hat mit dem Orthopäden, Professor Carsten Perka darüber gesprochen.

Professor Perka, wie viele Patienten bekommen jedes Jahr in Deutschland eine neue Hüfte?

Etwa 200.000, fast alle wegen einer Arthrose, also einer fortschreitenden Zerstörung des Hüftgelenks. Das sind etwa 250 Operationen je 100.000 Einwohner. Neben der Schweiz und Österreich sind das die höchsten Raten weltweit.

Wird also zu viel operiert?

Die Frage ist: Was will man leisten? Natürlich könnte man weniger operieren. Aber wenn man den Zugewinn an Lebensqualität betrachtet, so steht die Versorgung eines arthrotischen Hüftgelenks mit einem künstlichen Gelenk an Nummer zwei. Nur die Hornhauttransplantation beim Grauen Star verbessert die Lebensqualität der Menschen noch mehr. Und der Anspruch an diese Lebensqualität wird immer höher. Heute gibt es etwa immer mehr Menschen, die auch mit 70 noch Sport treiben wollen.

Was sagen Sie denen?

Es ist nicht meine Entscheidung, ob sie das können müssen oder nicht. Sie sind unzufrieden mit ihrem Leben, wollen es geändert haben. Und dann kann man nur sagen: Dann wird es außer einem künstlichem Hüftgelenk nichts geben. Wenn aber jemand mit dem gleichen Röntgenbefund und den gleichen Beschwerden nur mit seinen Kumpels Skat spielen will, braucht er die Hüfte nicht. Es ist also immer eine individuelle Entscheidung.

Bevor man sich für eine Operation entscheidet, gibt es ja auch konservative Möglichkeiten.

Die sollte man auch ausnutzen. Da wären Schmerzmedikamente, Physiotherapie, natürlich Gewichtsabnahme und Anpassung der Aktivitäten. Das sollte man alles machen, aber in der Realität stellt es sich oft als schwierig heraus. Abnehmen geht schlecht, wenn man sich nicht bewegen kann, weniger zu essen fällt vielen ebenfalls schwer. Und auch eine Physiotherapie kann man pro Quartal nur 12 Mal als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen verschreiben. Die Möglichkeiten, nicht zu operieren, sind bei Arthrose insgesamt also eher begrenzt.

Und das dauert ja auch alles. Viele wollen aber früh wieder fit sein.

Viele haben den Anspruch: "In sechs Wochen ist alles wieder gut". Dann muss man natürlich bei der konservativen Behandlung sagen: Das ist äußerst unwahrscheinlich. Bei der OP hingegen ist die Chance deutlich größer.

Was sagen Sie Menschen, die möglichst keine Zeit bis zur OP verlieren wollen?

Ich sage den Patienten immer, sie kriegen kein neues Hüftgelenk, sondern eigentlich nur neue Gleitflächen. Denn das, was die Funktion ausmacht, sind die Muskeln, Sehnen und Bänder um das Gelenk. Insofern verliert man keine Zeit, wenn man schon vor der Operation beginnt, die Muskeln mit Physiotherapie etwas zu kräftigen und unter Schmerztherapie das Gangbild zu normalisieren. Man gewinnt eher etwas, deshalb ist die sogenannte "Prähabilitation" immer populärer. Für ein optimales Ergebnis müssen die Patienten auch nach der OP mitarbeiten. Letztlich setzen wir nur ein totes Metallteil ein. Wie gut das bewegt wird, ist dann stark vom Patienten abhängig.

Wann sollte man sich operieren lassen?

Das entscheidet bei der Arthrose immer der Patient. Sie muss ja nicht zwingend operiert werden. Es geht immer um Lebensqualität, und die kann nur der Patient bestimmen. Es gibt aber Zeichen: Wenn jemand schon Magenschmerzen von den Schmerztabletten hat zum Beispiel. Wenn er nicht mehr an die Füße kommt, um seine Zehennägel zu schneiden, keine Socken mehr anziehen kann. Dann entscheidet sich der Patient meist für die OP. Und wenn vorher alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, fällt diese Entscheidung sowohl dem Arzt als auch dem Patienten leichter.

Das heißt, es gibt wenige, die hin und hergerissen sind, ob sie unters Messer sollen?

Doch, die gibt es, das sind vielleicht zehn bis 15 Prozent. Sie haben entweder Angst oder haben in der Familie oder im Bekanntenkreis schon einmal Probleme bei jemandem mitbekommen, der an der Hüfte operiert wurde. Solchen Patienten rate ich, sich eine zweite Meinung einzuholen, das ist vollkommen legitim.

Welche OP-Methoden gibt es?

Bei der Arthrose verwendet man zu fast hundert Prozent eine Totalendoprothese (TEP), also Gelenkpfanne und -kopf. Der Grund ist, dass von der Erkrankung immer beide Gelenkpartner betroffen sind. In 80 Prozent werden in Deutschland zementfreie TEPs eingebaut, aber auch die zementierte Methode ist gut. Manche Patienten haben Angst davor, weil es das ältere Verfahren ist. Das ist unnötig. Ich glaube zwar, dass zementfrei bei jüngeren Patienten bis zu 65 Jahren etwas besser ist, weil sich der Knochen direkt mit dem Implantat verbinden kann, aber der wissenschaftliche Beweis steht noch aus. Auch eine gut zementierte Hüfte kann 30 bis 40 Jahre halten.

Wo sollte man sich operieren lassen?

Bei Risikofaktoren wie Übergewicht, Infektionen oder Begleiterkrankungen sollte man sich, wenn möglich, in einem zertifizierten Zentrum operieren lassen. Der Arzt sollte mindestens 100 Hüft-OPs pro Jahr durchführen, dann hat er auch bei schwierigen Situationen Erfahrung.

Wie viel operieren Sie?

Letztes Jahr waren es etwa 400 Hüften.

Was darf man nach der OP wieder machen?

Bei uns sollen die Patienten vier Wochen lang Gehstützen benutzen, nach vier Wochen dürfen sie wieder Auto fahren. Wir machen keine Einschränkungen bezüglich der Beweglichkeit. Ich denke, dass sich 99 Prozent der Menschen in Deutschland mit einem künstlichen Gelenk zu wenig bewegen und zu verängstigt sind, was alles passieren kann. Dabei kann man nach der OP in vernünftigem Umfang durchaus wieder Ski fahren, joggen oder Tennis spielen. Die Materialien, die wir heute verwenden, halten das aus.

Was tun, wenn man nach der OP immer noch Schmerzen hat?

Meist sind das dann muskuläre Probleme. Wenn bestimmte Fehlhaltungen nicht korrigiert werden, bleibt der Schmerz bestehen. Dann sollte der erste Weg zu einem guten Physiotherapeuten führen. Und natürlich sollte ein Arzt eine Infektion ausschließen und nachschauen, ob das Gelenk gut sitzt und nicht etwa locker ist.

Wie lange hält ein künstliches Hüftgelenk?

Nach zehn Jahren funktionieren noch etwa 97 Prozent der Prothesen. Auch nach 20 Jahren funktionieren noch 90 Prozent, und das gilt für diejenigen, die schon vor 20 Jahren eingebaut wurden.

Und wie kann man vielleicht ganz vermeiden, dass man Arthrose bekommt?

Ganz vermeiden kann man es oft nicht, auch die Gene spielen eine Rolle. Aber man kann auf sein Gewicht achten und sogenannte High-Impact-Sportarten vermeiden, etwa Tennis, Handball oder Volleyball: alles mit schnellen Richtungswechseln. Am besten sind Laufen, Radfahren, Schwimmen. Der Einfluss der Ernährung ist sehr umstritten, da ist nichts bewiesen.

Danke für das Gespräch, Professor Perka.
Das Interview führte Florian Schumann.

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