3D Grafik des Magen-Darm-Systems mit Krebs im Dickdarm (Bild: imago/Science Photo Library)
Bild: imago/Science Photo Library

Forschung & Therapien - Darmkrebs - was hilft gegen den aggressiven Feind?

Darmkrebs zählt zu den drei häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland und gilt als besonders aggressiv. Etwa 60.000 Menschen erkranken pro Jahr daran, Männer trifft es deutlich häufiger als Frauen. Im Darmkrebsmonat März informiert die rbb Praxis über aktuelle Therapieansätze.

Er gilt als eine der aggressivsten Krebsformen und mehr als 20.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen: der Darmkrebs. Etwa 60.000 Menschen erhalten pro Jahr die Diagnose. An Darmkrebs erkranken deutlich mehr Männer als Frauen und etwa 80 Prozent der Betroffenen ist über 55 Jahre alt. Bei einem besonders aggressiven Verlauf können Patienten binnen weniger Wochen oder Monate sterben.

Darmkrebs entsteht zu etwa 80 Prozent aus Polypen. Diese sind zunächst gutartig, wachsen aber im Laufe von fünf bis zehn Jahren und verändern sich genetisch. Dann können sie bösartig und sogar tödlich werden. Zu den klassischen Therapien gehören neben einer Operation die ergänzende Strahlen- und/oder Chemotherapie, aber immer wichtiger werden auch Ansätze aus der Immuntherapie.

Klassische Therapieansätze

Vielleicht noch mehr als bei anderen Krebsarten kommt es bei der Behandlung von Darmkrebs auf die frühe Erkennung an - umso wichtiger ist und bleibt die Darmkrebsvorsorge. Da Darmkrebs in vielen Fällen erblich bedingt ist, gilt das umso mehr, wenn ein Familienmitglied schon daran erkrankte. Experten gehen davon aus, das zwischen 20 und 30 Prozent der Betroffenen ein vererbtes Risiko haben. Die Therapie hat in den letzten Jahrzehnten Fortschritte gemacht: Wird der Krebs früh erkannt, kann er zu bis zu 90 Prozent geheilt werden. Im besten Fall können verdächtige Polypen (Krebsvorstufen) im Darm mittels Koloskopie schon mit dem Endoskop entfernt werden. Hat sich schon ein Tumor gebildet, können auf dem gleichen Weg Proben entnommen werden.

Grundsätzlich werden unter dem Begriff "Darmkrebs" Erkrankungen verschiedener Teile des Darms zusammengefasst - Krebs im Dickdarm, Enddarm oder am Darmausgang.

Die Therapie richtet sich vor allem nach Lage, Art und Stadium der Tumorerkrankung, eine Heilung ist allerdings laut Leitlinien bisher nur durch eine Operation zu erreichen. Wichtig dafür ist die Feststellung des Tumorstadiums und das hängt von drei Faktoren ab: Der Tumorgröße, ob es bereits zu Metastasen, also einer Streuung in andere Gewebe und Organe gekommen ist und inwiefern Lymphknoten befallen sind. Anhand dieser Faktoren wird das Krebsstadium festgelegt:

Stadium l: Kleine, örtlich begrenzte Tumore, die die Darmwand noch nicht durchbrochen haben. Es gibt keine Metastasen und die Lymphknoten sind nicht betroffen. In diesen Fällen kann eine OP bis zu 90 Prozent Heilung bringen und laut den Leitlinien sind Chemo- und Strahlentherapie dann nicht notwendig.

Stadium ll: Es gibt keine Metastasen und die Lymphknoten sind nicht betroffen, allerdings hat der Tumor die Darmwand durchbrochen und möglicherweise anderes Gewebe infiltriert. In diesen Fällen kann zusätzlich zur Tumorentfernung eine Chemotherapie sinnvoll sein.

Stadium lll: Bei diesem Stadium finden sich auch an Lymphknoten in Tumornähe bösartige Zellen. Ebenso kommt hier die ergänzende Chemotherapie zum Einsatz. Ist der Mastdarm betroffen, kann diese auch schon vor einer OP sinnvoll sein.

Stadium lV: In diesem Stadium sind die Lymphknoten betroffen und es gibt darüber hinaus auch Metastasen in anderen Organen. Besonders häufig sind Leber und Lunge betroffen. Wenn möglich, sollten auch diese Metastasen operativ entfernt werden. Die Heilungsprognose ist leider extrem schlecht: sowohl beim Rektumkarzinom (Mast- oder Enddarm) wie auch beim Kolonkarzinom (Dickdarm) liegen die Überlebensraten fünf Jahre nach Ausbruch der Erkrankung nur noch bei rund fünf Prozent. Je nach Zustand des Patienten kann eine OP oder die Chemotherapie die erste Behandlungsmaßnahme sein.

Hoffnung durch Immuntherapien

Für viele Krebsarten gilt sie als die Therapiehoffnung: die Immuntherapie. Das grundlegende Prinzip: Das eigene Immunsystem soll in die Lage versetzt werden, Krebszellen zu erkennen, anzugreifen und zu vernichten - zum Beispiel durch Medikamente, die Krebszellen "markieren" oder Schutzmechanismen von Tumoren aufheben. Für einige Krebsarten konnten schon bahnbrechende Erfolge erzielt werden, z.B. bei Haut-, Nieren- oder Blasenkrebs. In Sachen Darmkrebs gibt es, trotz intensiver Forschung, noch große Zurückhaltung. Es gibt vielversprechende Ansätze, aber bisher konnten nur sehr wenige Patienten davon profitieren, was daran liegt, dass die Krebserkrankung bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, damit beispielsweise sogenannte Immun-Checkpoint-Hemmer - einer der vielversprechenden Ansätze der Immuntherapie - greifen können.

Immun-Checkpoint-Hemmer

Vereinfacht gesagt folgt die Immuntherapie der Kommunikation des Immunsystems: Durch Proteine, sogenannte Checkpoints, kommunizieren die Zellen des Körpers mit dem Immunsystem – über eine Art Schlüssel-Schloss-Prinzip docken z.B. T-Zellen an diesen Checkpoints an und werden entweder tendenziell aktiviert oder gehemmt, je nach Checkpoint (co-stimulatorisch oder co-inhibitorisch). Tumore machen sich dieses Kommunikationssystem zu Nutze, indem sie vermehrt hemmende Signale aussenden, um von den Immunzellen nicht gefunden und angegriffen zu werden. Immun-Checkpoint-Hemmer funken nun dazwischen – so kann das eigene Immunsystem die Krebszellen erkennen und bekämpfen.

Allerdings funktioniert das System für verschiedene Krebsarten unterschiedlich gut und für Darmkrebs gibt es bisher wenig vielversprechende Daten. In Europa sind bisher keine Imun-Checkpoint-Hemmer bei Darmkrebs zugelassen. In den USA sind es zwei und zwar für kolorektale Karzinome, die "mikrosatelliteninstabil" bzw. Mismatch-Repair-defizient sind. Für eine kleine Gruppe, etwa fünf Prozent der Patienten mit kolorektalen Karzinomen mit Metastasen, trifft das überhaupt zu, so der Krebsinformationsdienst. In Europa wartet man noch auf weitere Daten. Die besagten speziellen kolorektalen Karzinome zeichnen sich vereinfacht gesagt durch eine hohe Mutationslast der Krebszellen aus.

Je mehr Mutationen, desto mehr andere, also dem immunsystem fremde Proteine bilden die veränderten Zellen. Eine Auffälligkeit, die auch Immunzellen schwerer entgeht, wenn sie einmal enthemmt sind, deshalb vermuten Experten, dass Immuntherapien bei den Krebsarten besonders effizient sein könnten, die eine hohe Mutationsrate mit sich bringen - sie wirkt wie eine Markierung. Sind die Krebszellen erkannt, können Immmunzellen sie infiltrieren und das Tumorgewebe zerstören. Das verhindert vor allem ein Weiterwachsen des Geschwürs.

Noch fehlt der bahnbrechende Erfolg in Sachen Darmkrebsbekämpfung, aber es wird weltweit weiter intensiv bei den Immuntherapien geforscht. Auch wenn es in Deutschland noch keine zugelassenen Immun-Checkpoint-Hemmer gibt, wurde in den aktuell geltenden S3-Leitlinien schon festgehalten, diese Option im Hinterkopf zu behalten.

Vorsorge statt Nachsorge bleibt wichtigste Option

Gerade weil Darmkrebs zu den aggressivsten Erkrankungen zählt, ist die Vorsorge besonders wichtig. Werden bei der Darmspiegelung veränderte Zellen erkannt - sogenannte Vorstufen - und können sie koloskopisch entfernt werden, steigert das die Chancen den Darmkrebs zu besiegen, bzw. ihn überhaupt am Ausbruch zu hindern enorm.

Wichtigstes Instrument bleibt deshalb die Darmkrebsvorsorge. Durch das Krebsfrüherkennungsregistergesetz (KFRG), dass 2013 beschlossen wurde, ergeben sich in diesem Jahr besondere Änderungen, die die Vorsorge fördern sollen: So sollen ab Juli 2019 persönliche Einladungen zur Vorsorge per Post verschickt werden. Dadurch wird künftig schon Männern ab 50 Jahren die Darmspiegelung zur Vorsorge auf direktem Wege angeboten.

Wie eine 2017 im Ärzteblatt veröffentlichte Studie zeigen konnte, erhöhte eine persönliche Einladung zum Darmkrebsscreening die Bereitschaft zur Teilnahme binnen eines Jahres um über 30 Prozent. Allerdings zeigte die Studie auch: Dieser Effekt könnte etwa doppelt so effektiv sein, wenn der Einladung auch gleich der sogenannte iFOBT-Test beiliegt. Das ist ein immunologischer Stuhltest, der auch sonst bei der gesetzlichen Vorsorge eingesetzt wird und Blut im Stuhl nachweist, dass durch Tumorzellen und ihre Vorstufen verursacht wird.

Beitrag von Lucia Hennerici

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