Krebszelle und T Lymphozyten eingefärbt unter dem Elektronenmikroskopes (Quelle: imago/Science Photo Library)
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Krebsforschung - Die Lösung liegt in uns - und bei uns

Rund 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs. Etwa die Hälfte stirbt daran. Nur Herz-Kreislauferkrankungen führen jährlich bei mehr Deutschen zum Tod. Die Angst davor, dass die eigenen Körperzellen zur lebensbedrohlichen Gefahr werden, gehört dementsprechend zu den größten im Land. Doch der Kampf gegen den Krebs hat sich mittlerweile verlagert - an die Zellfront. Und dort wird unser Lebensstil zur Waffe für oder gegen die wuchernden Zellen.

Krebs - diese Diagnose galt lange Zeit als eine Art Schicksalsschlag. Und auch wenn das Wort Schicksal es nicht genau trifft, tatsächlich sind rund 50 Prozent der Krebserkrankungen weltweit genetisch bedingt, wie Studien seit Jahren immer wieder zeigen. Eine Art vererbtes Schicksal - doch nur für die Hälfte der Patienten. Denn inzwischen sind sich die Forscher einig: Ein großer Teil der Krebserkrankungen hängt auch mit unserem Lebensstil zusammen, vor allem mit schädlichen Gewohnheiten wie Rauchen oder ungesunder Ernährung und positiven Faktoren, wie sportlicher Aktivität.

Für Aufsehen sorgte in diesem Zusammenhang eine Studie britischer Forscher am Center for Cancer Prevention an der Queen Mary University of London. Demnach sind gut zehn Prozent der Krebsfälle allein auf eine Ernährung mit zu viel rotem Fleisch, Salz, zu wenig Obst und Gemüse sowie auf Übergewicht und Fettleibigkeit zurückzuführen. Dazu kommt vor allem der Krebsrisikofaktor Rauchen - chronischer Tabakkonsum steigert das Risiko an Krebs zu erkranken um das 10- bis 20-fache. Im Umkehrschluss bedeutet das: Jeder von uns kann mehr zur Krebsprävention beitragen, als nur zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. Die Prävention gehört deshalb auch zu den großen Themen des Deutschen Krebskongresses, der in dieser Woche in Berlin startet.

Häufigste Krebsarten haben Verbindung zum Lebensstil

Die häufigsten Krebserkrankungen sind Lungenkrebs, Darmkrebs sowie Prostatakrebs bei Männern bzw. Brustkrebs bei Frauen. Diese Krebsarten machen mehr als die Hälfte aller Neuerkrankungen, auch in Berlin und Brandenburg, aus. Und genau bei diesen Arten von Krebs ist der Faktor Lebensstil besonders hoch. Beispiel: Brustkrebs. In Deutschland gebe es jedes Jahr rund 80.000 Brustkrebs-Neuerkrankungen, so Prof. Dr. Olaf Ortmann, Direktor der Universitätsfrauenklinik Regensburg und Mitglied des Vorstands der Deutschen Krebsgesellschaft, die den Deutschen Krebskongress dieser Tage in Berlin ausrichtet. Gerade der Brustkrebs steht laut vielen internationalen Studien im Zusammenhang mit Adipositas und Übergewicht, auch wenn die Experten sich noch nicht einig darüber sind, wie genau Fettleibigkeit die Zellen unseres Körpers zum gefährlichen Wuchern bringt.

Prävention unterschätzt

"Wir haben Belege dafür, dass eine nachhaltige Verhaltensänderung tatsächlich etwas bringt. Wer z. B. bei einem Body-Mass-Index von mehr als 30 sein Gewicht reduziert, der kann auch tatsächlich sein Krebsrisiko senken. Trotzdem ist es nicht leicht, ein breites Verständnis für ein gesundheitsbewusstes Verhalten zu schaffen", sagt Prof. Olaf Ortmann in einer Presseerklärung in Vorbereitung zum Treffen der Experten in Berlin. Aus seiner Sicht vernachlässige das deutsche Gesundheitswesen aber gerade die Prävention. Ein Grund dafür war bisher leicht zu erkennen: Prävention, vor allem die über Jahre oder ein ganzes Leben hinweg ist teuer. Hintergrund: Laut Robert-Koch-Institut (RKI) erkranken rund 51 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens an Krebs, Tendenz steigend. Und schon jetzt fließen knapp zehn Prozent der Gesundheitsausgaben in Deutschland (Datenstand: 2015) in die Behandlung von Krebs, rund 15 Milliarden Euro, so das Gesundheitsministerium. Flächendeckende lebenslange Prävention für eine so große Zahl von Menschen? Unbezahlbar. Kein Wunder also, dass die meisten gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland lieber ihre "Kunden" dazu anregen die Prävention doch alleine in die Hand zu nehmen, maximal unterstützt durch einen geringfügigen Bonus oder ein Werbegeschenk, z.B. ein Fitnessarmband.

Risikofaktor Alter?

Auch in Berlin und Brandenburg ist eine Krebserkrankung Todesursache Nummer Zwei, gleich nach Schlaganfall und Herzinfarkt: 26,2 Prozent der Berliner und 26,8 Prozent der Brandenburger starben 2014 an den Folgen einer Krebserkrankung, wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg am 3. Februar mitteilte. Allerdings geht aus den Zahlen auch hervor: Krebspatienten sterben tendenziell immer später an ihrer Krankheit - im Durchschnitt mit 73 Jahren. Damit sei 2014 das bisher höchste Alter erreicht worden, so das Amt.

Prominente internationale Fälle scheinen den Krebstot in diesem Lebenszeitraum zu belegen: Die Sänger David Bowie und Lemmy Kilmister starben mit 69 bzw. 70 Jahren an Krebs, der Schauspieler Alan Rickman kurz vor seinem 70. Geburtstag. Beim "durchschnittlichen Berliner" wird die Krebserkrankung mit etwa 69 Jahren festgestellt. Das belegen Daten des Gemeinsamen Krebsregisters (GKR) der Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Weniger als ein Prozent aller Krebsfälle betrifft demnach Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene unter 25 Jahren.

Kampf an der Zellfront

Die effektive Krebstherapie der Zukunft wird nicht günstiger, denn sie ist vor allem mikrobiologisch und individuell. Mediziner haben in den vergangenen Jahren vor allem bei der Immuntherapie und mit personalisierten Medikamenten beachtliche Erfolge erzielt. Die sind allerdings teuer, genau wie die dafür notwendigen Krebsdiagnosen in und an den (möglicherweise) wuchernden Zellen, wie bei der Liquid Biopsy, die die rbb Praxis kürzlich vorstellte.

Die Präsidentin des Deutschen Krebskongresses, Prof. Dr. Angelika Eggert, erklärte vor der Eröffnung der Presse, bei Krebs handele es sich um Erkrankungen: "...bei denen jeder Tumor und teilweise sogar jede Krebszelle ganz eigene, individuelle molekulare Eigenschaften aufweist. Diese Erkenntnis sagt uns, dass es ein globales Krebsheilmittel niemals geben wird." Und damit auch keine günstige Lösung für die zweithäufigste medizinische Todesursache der Deutschen. Umso mehr Grund für jeden von uns, selbst zu versuchen das Krebsrisiko in unserem Leben zu mindern.

Beitrag von Lucia Hennerici

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