Mutter und Tochter verbringen "Familienzeit" im Vergnügungspark (Quelle: privat)

Erfahrungsbericht einer Mutter zum Projekt "Familienzeit" - Die Leichtigkeit des Seins

Paulina Nowak* ist ein ganz normales zehnjähriges Mädchen. Sie spielt mit Barbies, tanzt für ihr Leben gern und geht in Berlin auf die Europa-Schule, wo sie auf polnisch und deutsch unterrichtet wird. Und doch ist etwas anders in Paulinas Leben: Vor über einem Jahr erkrankte ihre Mutter an Brustkrebs. Die Berliner Krebsgesellschaft hat Paulina und Ewa mit ihrem Projekt "Familienzeit" kürzlich einen gemeinsamen Ausflug ermöglicht.

Ein Erfahrungsbericht von Ewa Nowak*

Meine Tochter Paulina hatte in der letzten Zeit einiges zu verkraften. Erst starb meine Mutter und kurz danach auch noch Paulinas Vater, mein Ex-Mann. Beide waren sehr wichtig in Paulinas Leben; sie vermisst sie sehr. Im November 2014 diagnostizierte dann meine Frauenärztin bei einer Vorsorgeuntersuchung Brustkrebs bei mir. Plötzlich war ich von einem auf den anderen Tag eine kranke Frau.

Mutter und Tochter bei einem Besuch in einem Bergwerk, der durch das Projekt "Familienzeit" ermöglicht wurde (Quelle: privat)

Paulina scheint das alles gut wegzustecken. Ich versuche trotz der Krankheit immer für sie da zu sein. Die zehn Zyklen Chemotherapie habe ich ambulant gemacht. Ich war also am Nachmittag wieder zu Hause, wenn sie aus der Schule kam. Ich bin durch meine Krankschreibung mehr daheim, und Paulina genießt das sehr. Wir verbringen viel Zeit miteinander. Trotzdem sorge ich mich um sie. Sie weint viel, hat Angst um mich und vermisst ihren Vater. Solche Schicksalsschläge sind schon für uns Erwachsenen schlimm, aber wie geht ein zehnjähriges Mädchen damit um?

Dazu kommt, dass das Geld bei uns knapp ist. Als Angestellte einer Hausverwaltung war mein Gehalt nie üppig. Mit der Krankschreibung hat es sich auf 70 Prozent reduziert. Durch den Brustkrebs habe ich Mehrausgaben: Ich musste zur Chemotherapie dazuzahlen und auch zur Perücke, die ich angeschafft habe, als mir die Haare ausgingen. Extradinge wie Urlaub sind da nicht mehr drin. Deshalb haben wir uns geschworen, dass wir in den Heidepark fahren, wenn ich wieder gesund bin und das Geld dafür reicht.

Die Reise in einen Vergnügungspark fand dann viel eher statt als erwartet. Im Frühsommer rief mich die Berliner Krebsgesellschaft an. Meine Daten waren dort wegen eines früheren Antrags gespeichert. Die Sachbearbeiterin erzählte mir vom neuen Projekt "Familienzeit". Die Idee ist, Familien, in denen jemand an Krebs erkrankt ist, einen schönen gemeinsamen Tag ohne Sorgen zu schenken. Sofort fiel mir wieder der Vergnügungspark ein. Ich war total gerührt, dass man an uns gedacht hatte. Ich ging dann noch zu einem Gespräch mit der Psychoonkologin Kerstin Franzen, habe einen Antrag ausgefüllt – und völlig komplikationslos 500 Euro bekommen.

Paulina und ich sind nach Polen in den gerade neu eröffneten Vergnügungspark Energylandia zwischen Krakau und Kattowitz gefahren. Ich komme ja aus der Gegend. Zum Heidepark fahren wir beim nächsten Mal. Wir hatten eine wunderbare Zeit. Paulina konnte gar nicht genug bekommen von den Achterbahnen, vom Rafting und dem Freefalltower. Am Ende war sogar Geld übrig, so dass wir auch noch in ein Salzbergwerk gefahren sind und in Krakau eine Stadtrundfahrt mit dem Elektroauto gemacht haben. Paulina sagt, das seien ihre schönsten Sommerferien gewesen. Ich konnte ihr das dank der Berliner Krebsgesellschaft ohne schlechtes Gewissen ermöglichen. Die Krankheit muss nicht immer präsent sein – es gibt auch ein Leben ohne sie. 

Aufgeschrieben von Constanze Löffler

*Namen geändert

Interview zum Projekt

Familie mit Hund geht am Strand spazieren (Quelle: imago/Westend61)
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Projekt "Familienzeit" der Berliner Krebsstiftung und Krebsgesellschaft - Von gemeinsamen Erlebnissen und glücklichen Momenten

Seit knapp drei Monaten läuft das Projekt "Familienzeit", ein gemeinsames Projekt der Krebsstiftung Berlin und Berliner Krebsgesellschaft. Es ermöglicht Familien, in denen Vater oder Mutter an Krebs erkrankt ist, gemeinsame Erlebnisse mit der Familie. Die rbb Praxis hat mit Dr. Hubert Bucher, Geschäftsführer der Berliner Krebsgesellschaft, über Hintergründe und Intentionen des Projektes gesprochen.