Menschliches Magen-Darm-System, Computergrafik (Quelle: imago/Science Photo Library)
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Dünndarmfehlbesiedlung – was ist das? - Wenn die Darmflora Beschwerden macht

Der Darm hat zuletzt für viel Furore gesorgt. Erst avancierte das Buch "Darm mit Charme" zum Bestseller. Dann fanden Wissenschaftler heraus, dass die Funktionen der Darmbakterien weit über den Darm hinausgehen. Nun entdecken Mediziner zunehmend neue Krankheiten im Gekröse – vom "durchlässigen Darm" bis zu fehlplatzierten Bakterien im Dünndarm.

Unser Darm ist zwischen fünf und sieben Metern lang. Direkt hinter dem Magen beginnt der Zwölffingerdarm, der erste Teil des Dünndarms. Nach vier bis fünf Metern schließt sich an den Dünndarm der Dickdarm an. Sein Durchmesser ist mehr als doppelt so dick wie der des Dünndarms, aber er ist nur anderthalb Meter kurz. Das letzte Segment ist der Mastdarm, von hier verlässt über den Anus alles Unverwertbare den Körper.

Dünndarmfehlbesiedlung – was ist das?

In unserem Darm wohnen Billionen Bakterien – zusammen bilden sie die Darmflora, die Experten auch als das Mikrobiom bezeichnen. Normalerweise lebt der Großteil davon im Dickdarm, also auf den letzten anderthalb Metern. Von einer Dünndarmfehlbesiedlung (DDFB) sprechen Fachleute, wenn sich Bakterien aus dem Dick- vermehrt im Dünndarm ansiedeln. Im englischen ist die Rede vom "Small intestinal bacterial overgrowth" (SIBO) oder einer bakteriellen Überwucherung des Dünndarms. Sie ist einerseits durch eine abnorm hohe Bakterienmenge gekennzeichnet. Gleichzeitig finden sich Bakterien im Dünndarm, die da nicht hingehören. Normalerweise verhindert eine Art Klappe, dass Bakterien von einem in den anderen Darmteil übersiedeln. Die sogenannte Ileozökalklappe funktioniert wie ein Ventil: Der Speisebrei gelangt in den Dickdarm, kann aber nicht zurück.

Wie häufig ist die Fehlbesiedlung?

Die Angaben, wie viele Menschen unter einer DDFB leiden, schwanken stark. "Besonders hoch scheint die Rate unter Patienten zu sein, die unter einem Reizdarm leiden", sagt Martin Wilhelmi, Gastroenterologe aus Zürich und Buchautor ("Der Po-Doc", TRIAS Verlag). Bei ihnen führen Bewegungsstörungen des Darmes dazu, dass der Darm nicht ausreichend von überflüssigen Bakterien "gereinigt" wird. "Der Hausputz erfolgt also zu selten", meint der Magen-Darm Experte. Bei Patienten mit einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie), deren Beschwerden sich trotz glutenfreier Ernährung nicht bessern, soll jeder zweite zu viele Keime im Dünndarm haben.

Wer ist betroffen?

Verschiedene Erkrankungen wie

  • Sklerodermie
  • Diabetes mellitus
  • chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse
  • Schilddrüsenunterfunktion und
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

erhöhen die Trägheit des Darms, so dass die Nahrung länger im Dünndarm verweilt. "Immer wenn die Kontinuität des Darmes gestört ist, wenn beispielsweise ein Teil des Darmes entfernt werden musste, und damit Transportstörungen entstehen, kommt es auch häufig zu Dünndarmfehlbesiedlungen", sagt Wilhelmi. Auch Menschen mit operativen Eingriffen, durch die der Darm verwächst oder verengt, bei denen die Schleimhautklappe zwischen Dick- und Dünndarm entfernt wurde oder die im Bauchbereich bestrahlt wurden, leiden häufiger unter einer DDFB.

Weil neben der Darmbewegung auch die Menge und die Qualität von Magensäure und Pankreassaft die Bakterienzahl im Dünndarm regulieren, haben Menschen mit entsprechenden Störungen häufiger eine DDFB.

Ebenso begünstigen Medikamente wie Antibiotika oder Säurehemmer die Ansiedlung von Bakterien im Dünndarm.

Welche Beschwerden verursacht die Fehlbesiedelung?

Die Bakterien aus dem Dickdarm fermentieren Kohlenhydrate zu Gas. Wenn diese Bakterien in den Dünndarm überwandern, werden hier vermehrt Gase gebildet. „Der Dünndarm reagiert sehr empfindlich auf Dehnung“, sagt Wilhelmi. Patienten mit einer DDFB klagen dadurch häufig über

  • Blähungen
  • Bauchschmerzen
  • Schwindel sowie
  • Veränderungen beim Stuhlgang.

Sie fühlen sich zudem oft abgeschlagen und müde. Mitunter schädigen die fehlplatzierten Bakterien die Schleimhaut, so dass Nährstoffe wie Fette, Proteine und Mikronährstoffe nicht mehr richtig durch die Darmwand passieren können. Die Folge sind Mangelerscheinungen, beispielsweise infolge fehlender fettlöslicher Vitamine wie Vitamin A, D, E, K und an B12.

Wie unterscheiden sich Reizdarm und Dünndarmfehlbesiedlung?

Häufig gleichen die Beschwerden denen des Reizdarmsyndroms. Gleichzeitig dürfte umgekehrt DDFB auch eine häufige Ursache von Reizdarmbeschwerden sein. Die diagnostische Abgrenzung ist oft schwierig.

Wie erfolgt die Diagnose?

Zum einem kann man Material aus dem unteren Teil des Dünndarms, das Jejunum, gewinnen und daraus die fehlplatzierten Bakterien züchten. Beim sogenannten H2-Atemtest oder Wasserstoffatemtest bestimmt der Arzt, wie viel Wasserstoff und Methan die Ausatemluft enthält, nachdem die Patienten eine Kohlenhydratlösung getrunken haben. Bei einer DDFB fermentieren die Bakterien vermehrt Zucker, so dass auch vermehrt Wasserstoff und/oder Methan entstehen. Die Gase treten ins Blut über und lassen sich über die Lunge in der Ausatemluft messen. "Die Aussagekraft des Testes ist umstritten, da die Grenzwerte der Gasmengen willkürlich festgelegt sind", sagt Wilhelmi.

Nach erfolgter Diagnose klärt der Arzt, welche funktionellen Ursachen es für die DDFB gibt. Dafür stehen ihm bildgebende Verfahren wie Endoskopie, Magnetresonanztomografie (MRT) und Ultraschall zur Verfügung. Eine Blutanalyse gibt Aufschluss über mögliche hormonelle Störungen und darüber, ob ein Eisen- oder Vitaminmangel vorliegt. Wichtig ist, dass der Arzt neben den Symptomen auch die Krankengeschichte des Patienten genau analysiert. Bei einer vorangegangenen Darm- oder Magenoperation zum Beispiel ziehen Mediziner in der Regel sofort eine DDFB in Betracht.

Therapie

Im Vordergrund steht die Therapie der zugrunde liegenden Störung – und damit die konsequente Behandlung beispielsweise einer Schilddrüsenunterfunktion, Zuckerkrankheit oder sonstigen Motilitätsstörung. Eine weitere Möglichkeit ist die Behandlung des fehlbesiedelten Dünndarms mit Antibiotika "Leider kehren die Beschwerden nach Beendigung der Antibiotikatherapie häufig wieder zurück", sagt Experte Wilhelmi. "Längerfristige Therapien mit pflanzlichen Antibiotika wie beispielsweise Oregano-Öl oder Allicin, das Knoblauchextrakt, können helfen", sagt Wilhelmi. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Patienten Medikamente zu geben, welche die Beweglichkeit des Dünndarms verbessern. Im Vordergrund steht für viele Behandler allerdings die Ernährung. Patienten, die Mahlzeiten auslassen, haben meist weniger Beschwerden. Indem man Süßigkeiten, zuckerhaltige Lebensmittel und kurzkettige Kohlehydrate wie Brot, Nudeln, Kartoffeln und helles Brot weglässt, kann man versuchen die Bakterien "auszuhungern". "FODMAP-arme Lebensmittel bessern Bauchschmerzen, Blähungen und Verdauungsprobleme", bestätigt Wilhelmi. FODMAP steht für fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole – kurzkettige Zucker also, wie sie Nudeln und Süßigkeiten enthalten.

Beitrag von Constanze Löffler

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