Computer Grafik: Frau hält sich den Bauch. Ihr Darm leuchtet organge-rot (Quelle: imago/Science Photo Library)
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Interview | Gereizter Darm - 'Das Reizdarm-Syndrom ist immer eine Ausschlussdiagnose'

Völlegefühl, Blähungen, Schmerzen im Unterbauch. Das sind typische Symptome eines so genannten Reizdarm- Syndroms. Für Ärzte ist diese Erkrankung alles andere als leicht zu diagnostizieren und nicht wenige Patienten berichten, dass sie sich von ihrem Arzt nicht richtig ernst genommen fühlen. Über Ursachensuche, Behandlungsansätze und darüber, was Betroffene selbst tun können, sprach "rbb Praxis" mit Prof. Dr. Stefan Müller-Lissner.

Der Gastroenterologe hat 20 Jahre zum Reizdarm geforscht und war zuletzt Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin in der Park-Klinik in Berlin-Weißensee.

Was ist das Reizdarm-Syndrom überhaupt?

Das Reizdarm-Syndrom ist eine Funktionsstörung des Darms, die zunächst nur über die Symptome charakterisiert werden kann. Das heißt, der Patient muss eine bestimmte Konstellation von Symptomen haben, die international von Experten festgelegt wurde. Nach den so genannten "Rom-Kriterien" ist ein Reizdarm-Patient jemand, der unter verschiedenen Beschwerden allein oder in Kombination leidet. Deren wichtigste sind Völlegefühl, Blähungen und Schmerzen im Unterbauch, die dann entweder von Verstopfung oder Durchfall begleitet sind.

Wie wird ein Reizdarm-Syndrom diagnostiziert?

Das Reizdarm-Syndrom ist immer eine Ausschlussdiagnose. Das heißt, erst wenn andere Magen-Darmerkrankungen wie etwa Morbus Crohn oder eine Sprue (Glutenunverträglichkeit) ausgeschlossen wurden, heißt die Diagnose: Reizdarm. Mit den üblichen Routineuntersuchungen beim Arzt kann ein Reizdarm nicht festgestellt werden. Nicht selten ist es aber so, dass bei Patienten eine Magen-Darm-Infektion diagnostiziert wird, bei der man mit speziellen Färbemethoden Veränderungen der Immunzellen in der Darmschleimhaut feststellen kann.  Das kann dann die Ursache anhaltender Beschwerden sein, wie sie beim Reizdarm -Syndrom bestehen. Ein Reizdarm-Syndrom ist keine akute Erkrankung. Wir sprechen erst dann von "Reizdarm", wenn die Beschwerden mindestens sechs Monate bestehen.

Welche anderen Ursachen der Erkrankung gibt es?

Eine andere Ursache für Reizdarmbeschwerden sind Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln. Ganz bestimmte Kohlenhydrate wie Weißmehl und manche Zucker, aber auch Zuckeraustauschstoffe wie Sorbit, können Reizdarmsymptome verschlimmern. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass eine FODMAP-arme Ernährung die Symptome einer Reizdarmerkrankung abschwächt. FODMAP steht für eine bestimme Gruppe von Kohlenhydraten und Zuckeralkoholen, wie sie in vielen Nahrungsmitteln vorkommt. Um den Betroffenen keine zu strenge Diät aufzuerlegen, ist es sinnvoll, jedes "unter Verdacht" stehende Lebensmittel einzeln zu testen und über einen definierten Zeitraum wegzulassen. Ein Reizdarm-Syndrom kann ähnliche Symptome auslösen wie eine Glutenunverträglichkeit (Sprue) oder auch eine Milchzuckerunverträglichkeit (Laktose-Intoleranz). Deshalb ist es wichtig, dass solche organischen Ursachen der Magen-Darm-Beschwerden auf jeden Fall ausgeschlossen werden.

Welche Rolle spielt Stress bei der Erkrankung?

Stress kann die Erkrankung verschlechtern. Wir wissen, dass stressanfällige Personen mit Reizdarm-Beschwerden, diese in Stresssituationen stärker entwickeln und auch empfinden. Die Psyche spielt eine wichtige Rolle, aber das Ganze ist keine psychische Erkrankung. Wir wissen auch, dass Reizdarm-Patienten eine größere Schmerzempfindlichkeit in bestimmten Regionen der Darmwand aufweisen. Das hat man getestet, indem die Darmwand mit einem Ballon gedehnt worden ist.

Weiß man, wie ein Reizdarm-Syndrom entsteht?

Dazu wissen wir wenig. Man vermutet, dass es einen Zusammenhang mit der Darmflora, also mit der individuellen Besiedelung des Darms mit Bakterien (Mikrobiom) gibt. Doch das ist wahnsinnig schwer zu untersuchen, weil die Mikrobiota der Menschen doch vielfältiger sind und stärker variieren, als Forscher bislang dachten.

Welche Rolle spielen Probiotika bei der Behandlung von Reizdarm-Patienten?

Mit den Probiotika, also zum Beispiel Milchsäurebakterien, ist das so eine Sache. Es gibt ganz viele Studien mit sehr vielen verschiedenen Probiotika und die Ergebnisse sind nicht so wahnsinnig überzeugend. Das heißt, es existieren zwar einzelne Studien zu bestimmten Bakterienstämmen, die die Symptome positiv beeinflussen. Aber eine zweite Studie, die zu dem gleichen Ergebnis kommt, gibt es dann häufig nicht. Hinzu kommt, dass man durch die Gabe von Probiotika keine dauerhafte Veränderung der Darmflora erreicht; man muss diese Präparate permanent einnehmen. Eine dauerhafte Veränderung der Darmflora ist nur durch eine so genannte Stuhltransplantation möglich. Dabei wird z.B. per Endoskop, Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm einer erkrankten Person gegeben. Ob diese Therapie beim Reizdarm-Syndrom hilft, ist allerdings nicht erwiesen. Einen nachgewiesenen Effekt hat die Stuhltransplantation nur bei wiederkehrenden Infekten mit einem bestimmten Bakterium (Clostridium difficile).

Welche Medikamente können die Symptome eines Reizdarms lindern?

Hier gibt es verschiedene Gruppen von Medikamenten. Zum einen Medikamente, die die krampfartigen Schmerzen lindern, so genannten Spasmolytika, wie Buscopan oder auch Pfefferminzöl. Leiden Reizdarm-Patienten unter Verstopfung, kann man Abführmittel ausprobieren (Macrogol oder Natriumpicosulfat). Was man nicht geben sollte, ist Lactulose, weil das Blähungen verursacht. Bei Durchfall kann Loperamid helfen. Bei sehr von Reizdarm-Symptomen beeinträchtigten Patienten kann man auch Antidepressiva in niedriger Dosierung geben; das hilft vor allem gegen die krampfartigen Schmerzen. Nicht weil man denkt, der Patient sei depressiv, sondern weil der Neurotransmitter im Darm derselbe ist wie im zentralen Nervensystem, nämlich Serotonin. Was viele nicht wissen: das meiste körpereigenen Serotonin ist im Darm enthalten. Diese Therapie mit Antidepressiva ist aber keine Bedarfstherapie, sondern sollte mindestens mehrere Wochen durchgeführt werden.

Service Box

  • Science-Studie

Welche anderen Therapieansätze beim Reizdarm gibt es noch?

Es gibt Therapieansätze, die die Verbindung zwischen Darm und Gehirn nutzen (siehe Service Box). Über das vegetative Nervensystem sind Darm und Gehirn miteinander verbunden. Das merken wir zum Beispiel daran, dass Aufregung und Stress plötzlich Durchfall hervorrufen können. Beim Reizdarm gibt es Ansätze, die Beschwerden mit kognitiver Verhaltenstherapie zu behandeln. Dabei geht es zum einen darum, negative Denk- und Verhaltensmuster aufzulösen. Zum anderen aber auch darum, dass Betroffene lernen, sich zum Beispiel unabhängiger vom Vorhandensein von Toiletten zu bewegen. Auch Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Muskelrelaxation nach Jakobson und Yoga können sinnvoll sein.  Gute Daten gibt es auch zur Hypnose; allerdings ist diese Behandlung recht aufwändig und kann nur von Ärzten mit einer entsprechenden Zusatzausbildung durchgeführt werden. Die Hypnosebehandlung kann die Empfindlichkeit des Darms auf Dehnungsreize absenken und somit die Schmerzempfindlichkeit herabsetzen.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Dr. Stefan Müller-Lissner.
Das Interview führte Ursula Stamm.

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