Illustration von einer Nervenzelle mit einer beschädigten Markscheide (Quelle: imago/Science Photo Library)
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Interview | Hirnvenen-Erweiterung als MS-Therapie - Umstrittene Stents bei Multipler Sklerose

Multiple Sklerose ist zwar gut behandelbar, aber nach wie vor nicht heilbar. Neue Therapien geben Patienten immer wieder neue Hoffnung; zuletzt ein Eingriff an den Hirnvenen – der Ansatz basiert auf der Annahme, dass MS durch eine Verengung selbiger entsteht. Doch die Therapie ist umstritten – und mitunter lebensgefährlich.

Prof. Friedemann Paul ist MS-Experte und Leiter der Arbeitsgruppe "Klinische Neuroimmunologie" an der Charité in Berlin-Mitte. Mit der rbb Praxis sprach er über die umstrittene CCSVI-Behandlung bei MS.

rbb Praxis: Herr Professor Paul, wie ist die Hypothese zur CCSVI als Ursache der Multiplen Sklerose überhaupt entstanden?

Das Verfahren ist 2008/2009 durch Dr. Paulo Zamboni, einen italienischen Gefäßchirurgen von der Universität Ferrara propagiert worden. Man weiß schon länger, dass es in den für die MS typischen Gewebeveränderungen (Läsionen) im Gehirn auch zu Ablagerungen von Eisen kommt. Dr. Zamboni hat dann die Hypothese aufgestellt, dass dafür Ablagerungen von roten Blutkörperchen im Gewebe verantwortlich sind – eine Folge des gestörten Blutabflusses aus dem Gehirn. Er hat daraufhin angefangen, Ultraschalluntersuchungen und auch Gefäßuntersuchungen mit Kontrastmittel von Venen zu machen und fünf diagnostische Kriterien entwickelt, von denen er behauptete, MS-Patienten von gesunden Patienten unterscheiden zu können.

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind 2009 in einer sehr renommierten Fachzeitschrift, dem "Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry" erschienen. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass dieser Artikel die Überprüfung durch die Gutachter überhaupt passiert hat. Zamboni behauptet, mit seinen fünf Kriterien absolut trennscharf zwischen gesunden und kranken Patienten unterscheiden zu können, was aus wissenschaftlicher Sicht absolut nicht plausibel ist. Bei biologischen Werten gibt es in der Regel keine hundertprozentige Trennschärfe zwischen "gesund" und "krank".

Wie zuverlässig kann die Verengung dieser Venen überhaupt festgestellt werden?

Viele Folgestudien haben versucht, die Ergebnisse von Paulo Zamboni nachzuvollziehen, mittels Ultraschalluntersuchungen, Computertomografie, sogar mit Katheter-Untersuchungen der Venen im Kopf-Halsbereich. Bis auf ganz wenige Ausnahmen konnten die Befunde von Dr. Zamboni nicht bestätigt werden. Unser venöses System ist höchst dynamisch. Die vena jugularis interna, um die es unter anderen bei diesem Verfahren geht, kann allein durch die Kopfposition, die der Patient einnimmt, im Ultraschall mal offen und mal verschlossen erscheinen.

Die Behauptung, dass eine Therapie dieser venösen Abflussstörung zu einer Verbesserung der Multiplen Sklerose führt, ist daher methodisch höchst fragwürdig. Es gibt keine Therapiestudien, die den heutigen Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens entsprechen und einen Erfolg einer Behandlung verengter Venen belegt hätten. So wurde eine Verbesserung des Gesundheitszustandes oft nur aufgrund subjektiver Berichte von Patienten festgestellt. Eine 2014 veröffentlichte Studie, die den modernen Standards der klinischen Forschung entspricht, konnte keine Wirksamkeit der CCSVI-Behandlung belegen.

Wie sieht die CCSVI-Behandlung denn konkret aus?

Man geht mit einem Katheter über verschiedene Zugangswege (z. B. über die große Leistenvene) in die Halsvenen. Ähnlich der Aufdehnung von Herzgefäßen im Herzkatheter werden die Hirnvenen mit einem Ballon oder einem Körbchen erweitert, nachdem man vorher mittels Kontrastmittel festgestellt hat, dass an einer bestimmten Stelle eine Einengung besteht. Das Blut, welches sich mutmaßlich vorher im Gehirn "gestaut" hat, fließt dann nach unten ins Herz ab, wo es hingehört.

Dieses Katheter-Verfahren ist erprobt und sinnvoll bei bestimmten Gefäßerkrankungen, zum Beispiel der sogenannten Schaufensterkrankheit, bei der Beinarterien verengt sind. Als Therapie der Multiplen Sklerose hat dieses Verfahren aber überhaupt keine Berechtigung und kann auch zu gefährlichen Komplikationen führen, wie Herzinfarkt, Hirnhautentzündung und Thrombosen; es gab sogar zwei Todesfälle.

Warum war die CCSVI dann trotzdem zeitweise so populär und wie kann man erklären, dass einzelne Patienten so positiv über die CCSVI berichten?

Die Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung, die bis heute nicht geheilt werden kann und die zum Teil mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität verbunden ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Patienten auf eine neue Therapie, sehr euphorisch und mit vielen Hoffnungen reagieren. Die Geschichte der CCSVI ist eigentlich ein tragisches Beispiel dafür, wie vermeintliche Wunderheiler auftreten und irgendwas behaupten und wie verzweifelte Patienten dann auf so etwas reinfallen.

Man muss aber auch sagen, dass es ja tatsächlich Patienten gegeben hat, denen es nach dem CCSVI-Eingriff subjektiv besser gegangen ist. Das hat aber viel mit dem Verlauf der Erkrankung zu tun, die in Schüben verläuft und bei der es Patienten mal besser und mal schlechter geht. Es kann sein, dass eine spontane Verbesserung zeitlich mit dem Eingriff zusammen fiel, ohne die Ursache für die Verbesserung zu sein. Was man aber auch nicht unterschätzen darf, ist der Placebo-Effekt, das heißt die Verbesserung, die allein dadurch erzielt wird, dass der Patient erwartet, dass eine Therapie ihm hilft. Gerade von Eingriffen, die invasiv sind, wo also in den Körper der Patienten eingegriffen wird, wissen wir, dass dieser Placebo-Effekt sogar größer ist als bei Therapien mit Medikamenten.

Welche Rolle spielt die CCSVI heute in der Behandlung der Multiplen Sklerose?

Die Behauptung, dass MS-Patienten häufiger Gefäßverengungen der Hals- und Gehirnvenen haben als gesunde Patienten, konnte überhaupt nicht bestätigt werden. Von daher gibt es auch keinen Grund, die CCSVI-Therapie bei Patienten mit Multipler Sklerose anzuwenden. Das Verfahren spielt in der wissenschaftlichen Diskussion überhaupt keine Rolle mehr, nachdem die methodisch hochwertige Studie aus 2014 keinen Effekt dieser Maßnahmen zeigen konnte. Selbst wenn es noch vereinzelt Patienten gibt, die erwägen diese Therapie anzuwenden, kann ich nur dringend davon abraten.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Paul.

Das Interview führte Ursula Stamm

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