Neuropsychologin Petra Denzler(Bild: rbb/Jörg Simon)
rbb/Jörg Simon
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Online-Interview - "Unsichtbare" Folgen des Schlaganfalls

Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe stellt ihren Aktionstag 2019 unter das Motto "Ich spüre was, was du nicht siehst". Damit will man auf die so genannten neuropsychologischen Folgen des Schlaganfalls hinweisen: anders als Lähmungen oder Sprachstörungen, sind sie für Außenstehende oft kaum erkennbar. Im Video-Interview dazu die Neuropsychologin Petra Denzler von der MEDIAN Klinik Berlin-Kladow.

Wenn man sagt, ein Schlaganfall hinterlässt oft unsichtbare Folgen - was ist damit gemeint?

Ich finde dieses Motto "Ich spüre das, was du nicht siehst" wirklich ganz hervorragend. Denn das trifft wirklich die Problematik, in der viele unserer Patienten stehen. Sie scheinen wieder genesen zu sein, niemand sieht rein äußerlich irgendwas, es gibt keine Lähmungserscheinungen oder Ähnliches, die Sprache funktioniert - und trotzdem sagen die Patienten: 'Ich bin nicht wieder so, wie ich vorher war. Irgendetwas stimmt mit mir nicht, oder ich habe das Gefühl, ich komme mit dem Alltag nicht zurecht.' Und dahinter stecken eben diese neuropsychologischen Funktionseinschränkungen.

Warum kommt es zu solchen Ausfällen?

Der Schlaganfall, der führt ja dazu, dass es sehr rasch keine adäquate Blutversorgung im Gehirn gibt. Und da gehen Nervenzellen zuhauf einfach kaputt. Und diese neuropsychologischen Funktionen sind ja im Gehirn repräsentiert, in unterschiedlichen Regionen, sodass, je nachdem wo das Gehirn geschädigt wird, es teilweise auch zu massiven Ausfällen kommt.

Was sind die häufigsten neuropsychologischen Störungen nach einem Schlaganfall?

Die häufigsten sind Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, weil diese Leistungen im Gehirn vielfach repräsentiert sind. Dann auch recht häufig Lern- und Gedächtniseinschränkungen, oftmals in sehr ausgeprägter Form. Dann die Wahrnehmungsstörungen, Gesichtsfeldeinschränkungen oder Vernachlässigungsphänomene, Planungsstörungen, oder auch Veränderungen von Persönlichkeit und Verhalten.

Wie spüren das die Betroffenen im Alltag?

Es ist oftmals das Problem, dass die Patienten die Störungen gar nicht einordnen können. Viele Patienten sagen: 'Ich bin lärmempfindlich, ich bekomme nichts mehr hin,' solche Dinge. Und eine unserer Hauptaufgaben ist die, erst einmal wirklich zu analysieren, worum handelt es sich überhaupt. Also hat jemand wirklich Gedächtnisstörungen oder sind die nur aufgrund von Aufmerksamkeitsschwächen entstanden.

Wie testen Sie solche Störungen?

Wichtig ist bei der Testung, wirklich so etwas wie ein Testprofil zu erheben. Wir müssen Stärken und Schwächen vom Patienten, von der Patientin aufdecken. Und dieses Testprofil basiert auf standardisierten Prüfverfahren, altersnormiert etcetera, sodass sehr gut gesehen werden kann, welche Einschränkungen lassen sich auf den Schlaganfall zurückführen.

Dieses Testprofil bietet dann im zweiten Schritt auch die beste Grundlage für wirklich ein gezieltes Training. Denn falsches Training ist nutzlos beziehungsweise kann im schlimmsten Fall sogar schaden.

Wie sieht das Training für solche Patienten aus?

Das hängt tatsächlich vom Patienten ab. Wir haben hier ganz einfache, wirklich spielerisch aufgebaute Trainingsgruppen für sehr schwer betroffene Patientengruppen, aber wir haben auch Trainingsaufgaben, die dann wirklich überwiegend computergestützt sind für Patienten, die kurz vor dem beruflichen Wiedereinstieg stehen und da sind die Anforderungen recht hoch. Also da kann sich wirklich jeder seine Zähne daran ausbeißen. Also für jeden individuell.

Wie groß ist die Chance, dass man solche Störungen wieder los wird?

Die Chance ist recht groß - in Abhängigkeit davon, wie multifokal die Schädigungen sind. Bei einem Patienten, bei dem nur Probleme in einem isolierten Bereich vorliegen, ist es natürlich einfacher als bei Patienten, die mehrere Schädigungsbereiche beklagen müssen. Und der Ausprägungsgrad ist natürlich auch wichtig, in welchem Ausmaß sind Patienten geschädigt.

Es gibt sicherlich einige, die hier das Haus verlassen, ohne dass mit weiteren Einschränkungen gerechnet werden muss, die auch keine ambulante Therapie mehr brauchen. Aber bei so über den Daumen gepeilt zwei Drittel der Patienten ist es schon so, dass ambulante Therapieformen empfehlenswert wären oder zumindest ein häusliches Weitertraining.

Beitrag von Jörg Simon

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