Marihuana-Pflanze mit Wassertropfen (Bild: Colourbox)
Bild: Colourbox

Interview l Cannabis bei Parkinson - "Es handelt sich um ein Experiment"

Parkinson ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. In Deutschland sind etwa 400.000 Menschen betroffen. Die Ursachen können Ärzte noch nicht bekämpfen, aber eine Therapie hat Schlagzeilen gemacht: Medizinisches Cannabis, für viele Patienten eine große Hoffnung. Das aber geht weit an der Realität vorbei, sagt Professor Georg Ebersbach, Chefarzt des Neurologischen Fachkrankenhauses für Bewegungsstörungen und Parkinson in Beelitz-Heilstätten.

Etwa 400.000 Menschen in Deutschland leiden an Morbus Parkinson, manchmal auch noch "Schüttelkrankheit" genannt. Und die Zahl wächst, denn die Bevölkerung wird immer älter - und durchschnittlich tritt Parkinson um das 60. Lebensjahr auf. Aktuell ist noch keine Behandlung verfügbar, die die Ursachen von Parkinson bekämpft.

Seit etwas mehr als zwei Jahren dürfen Ärzte ihren Patienten medizinisches Cannabis gegen Parkinson verschreiben. Manche Patienten legen große Hoffnungen in die neue Therapie. Ein Fehler?

Professor Ebersbach, wie oft werden Sie in Ihrer Klinik von Parkinsonpatienten zum Thema Cannabis gefragt?

Nachdem im Frühjahr 2017 die Zulassung erfolgt war, passierte das sehr häufig. Inzwischen kommen ein- bis zweimal pro Woche Fragen danach.

Was wollen die Leute wissen?

Ob das denn nicht was für sie wäre. Oft haben sie dabei nur eine sehr vage Vorstellung, wogegen oder wofür das Cannabis eigentlich wirken soll. Oft fragen Patienten, die von den Möglichkeiten der konventionellen Medizin enttäuscht sind - etwa weil bestimmte Symptome bei ihnen nicht so gut auf die Behandlung ansprechen. Manchmal fragen aber auch Patienten, die medikamentös gut eingestellt sind, die aber im Bekanntenkreis oder in den Medien vom Cannabis gehört haben.

Was antworten sie den Menschen?

Dass Cannabis ein Stoff ist, dessen Wirkung bei Parkinson noch nicht gut erforscht ist. Und dass die Anwendung von Cannabis nicht risikolos ist, da es auch zu gravierenden Nebenwirkungen kommen kann. Man muss sich sehr genau überlegen, gegen welche Symptome man es einsetzen will und welche Risiken man in Kauf nehmen muss.

Man sollte meinen, das sei alles schon geklärt, schließlich hat der Bundestag im Januar 2017 das Betäubungsmittelgesetz geändert und dadurch die Behandlung mit Cannabis wesentlich vereinfacht.

Dadurch ist eine paradoxe Situation eingetreten: Vorher gab es sehr wenige Indikationen, bei denen man Cannabinoide verschreiben durfte - nur bei einer bestimmten Form der Spastik bei Multipler Sklerose und bei Übelkeit im Rahmen einer Chemotherapie. Aber jetzt hat sich das vollkommen umgedreht.

Die Gründe für die Verschreibung von medizinischem Cannabis werden kaum noch eingegrenzt. Als Arzt hat man sehr weitreichende Therapiefreiheit. Gleichzeitig fehlt aber eine wissenschaftliche Grundlage, um zu entscheiden, bei welchen Symptomen Nutzen und Risiko in einer vernünftigen Beziehung stehen.

Wie erklären Sie sich, dass es zu so einem Hype um das medizinische Cannabis gekommen ist?

Das ist nicht ungewöhnlich. Es gibt immer wieder neue Methoden, die medial oft recht unkritisch vorgestellt werden und dann viele Menschen begeistern. Vor einem Jahr war es zum Beispiel die Milchsäure, die in besonders hoher Konzentration in bulgarischem Joghurt sein sollte. Da stand tagelang das Telefon nicht still, weil viele Patienten dramatische Besserungen bis hin zur Heilung von Parkinson erwarteten.

Die Bereitschaft der Betroffenen, solche Nachrichten mit einer sehr erwartungsstarken Brille zu lesen, ist teilweise sehr hoch und löst Hoffnungen aus, die weit an der Realität vorbeigehen. Beim Cannabis spielt außerdem die Naturheilkunde hinein und irgendwie auch das Verbotene. Es ist nun einmal nicht Pfeffer oder Paprika, sondern Cannabis. Das hat mehr "Sex-Appeal", wenn man so will.

Dabei stellt der Körper ja selbst Cannabinoide her. Was weiß man über dieses sogenannte Endocannabinoid-System?

Der Körper produziert verschiedene Cannabinoide. Für diese sind im Gehirn bisher zwei Empfängerstellen bekannt. Docken die Cannabinoide dort an, werden Signalkaskaden in nachgeordneten Nervenzellen ausgelöst und bestimmte Botenstoffe freigesetzt: einerseits Dopamin, das bei Parkinson eine große Rolle spielt, aber auch Glutaminsäure oder Serotonin. Die Reaktionen, die dadurch ausgelöst werden, sind vielfältig.

Es ist kein einfacher Reiz-Reaktionsweg, sondern ein extrem komplexer Vorgang, über den man noch längst nicht alles weiß. Was man aber weiß: An den Empfängerstellen docken auch Wirkstoffe des Cannabis an.

Welche Wirkstoffe sind das?

Von den mehr als 60 Inhaltsstoffen im Cannabis sind zwei besonders wichtig: einerseits THC, Tetrahydrocannabinol. Das ist der Stoff, für den Cannabis als Droge geraucht wird. Er wirkt sehr stark auf die Psyche und kann Halluzinationen hervorrufen. THC gibt es als Öl oder auch in Kapseln. Wir verwenden beispielsweise ölige Tropfen, die man sehr genau dosieren kann.

Der zweite wichtige Wirkstoff ist das CBD, Cannabidiol. Das wirkt nicht halluzinogen. Es ist ein interessanter Wirkstoff, der allerdings derzeit als Nahrungsergänzungsmittel und nicht als Medikament zugelassen ist. Außerdem gibt es noch die Blüten, also das eigentliche Naturprodukt. Sie haben – wie viele Naturheilmittel – eine hohe Zahl unterschiedlicher Wirkstoffe. Sie werden meist aus den Niederlanden oder Kanada importiert und dann geraucht.

Welche Wirkungen des THC sind bei Parkinson zu erwarten?

Man erhofft sich, dass das Zittern nachlässt, das bei Parkinson typisch ist. Dafür gibt es aber bisher keine Hinweise. Der einzige Effekt, den die Forschung bislang nahegelegt hat, ist, dass Cannabis möglicherweise eine dämpfende Wirkung auf die Unruhebewegungen haben könnte, die durch das Medikament L-Dopa ausgelöst werden.

Schaut man sich allerdings die Studienlage an, reden wir nicht einmal von 50 Patienten, die bisher in methodisch guten Studien beschrieben wurden. Und nur bei einem Teil von ihnen hat man den Effekt beobachtet. Wirkungen auf die Kernsymptome des Parkinson-Syndroms wie Muskelsteifigkeit, Unbeweglichkeit oder Zittern sind bisher nicht nachgewiesen. Es ist also viel, viel zu früh, um eine Therapieempfehlung auszusprechen. Es handelt sich wirklich eher um ein Experiment.

Welche Nebenwirkungen sind bekannt?

In den Studien sind bei einigen Patienten Halluzinationen aufgetreten. Das ist nicht verwunderlich, weil Halluzinationen bei Parkinson nicht selten sind und halluzinogene Medikamente wie Cannabis das noch verstärken können. Außerdem leiden Parkinsonpatienten oft unter Kreislaufschwäche und sehr niedrigem Blutdruck. Das kann ebenfalls durch THC noch verstärkt werden.

Weiterhin gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte. Insgesamt sind diese Nebenwirkungen nicht zu vernachlässigen. Hier wird noch einmal die ganze Paradoxie der Gesetzesänderung deutlich. Auf einmal kann man Medikamente, deren Nutzen-Risiko-Bewertung noch nicht abgeschlossen ist, bei Patienten mit einem schwer geschädigten Nervensystem einsetzen. Richtig rational ist das nicht.

Wie entscheiden Sie dann, wer bei Ihnen Cannabis bekommt?

Ich habe in den vergangenen zwei Jahren etwa zehn Parkinsonpatienten mit Cannabis behandelt. Manche wollen es unbedingt versuchen, dann probieren wir es auch meistens. Und dann gibt es noch die Patienten, bei denen wir mit regulären Medikamenten nicht weiterkommen.

In Absprache mit den Patienten und unter Erwägung der Nebenwirkungen versuchen wir es dann manchmal mit Cannabis – in dem Wissen, dass es bisher wenig Evidenz gibt.

Wie sind die Erfahrungen mit den Krankenkassen, wenn die Patienten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus Cannabis zu Hause weiternehmen sollen?

Es hängt sehr von der Leidensfähigkeit des weiterbehandelnden Arztes ab, ob er den administrativen Aufwand auf sich nimmt. Meist klappt die Kostenübernahme, aber man braucht oft einen langen Atem. Manchmal muss man auch erst Widerspruch einlegen, bevor die Krankenkasse die Kosten übernimmt.

Welchen Stellenwert wird Cannabis Ihrer Einschätzung nach bei Parkinson haben?

Ich erwarte nicht, dass THC bei Parkinson eine große Rolle spielen wird, allein schon wegen der Nebenwirkungen. Ich bin aber gespannt, ob man von CBD – dem anderen in Cannabis enthaltenen Wirkstoff – noch mehr hören wird. Damit laufen aktuell klinische Studien.

Gibt es andere erfolgversprechende Ansätze bei der Parkinson-Therapie?

Man versucht vermehrt, Therapien zu entwickeln, die die Ursache der Erkrankung bekämpfen. Manche davon werden schon am Menschen getestet, zum Beispiel Antikörper gegen toxische Eiweiße.

Gelingt es, damit die Ablagerungen im Gehirn zu reduzieren, hätten wir eine Art Parkinson-Impfstoff. Man würde ihn bei neu aufgetretenem Parkinson geben. Bis zu den ersten Ergebnissen der Studien wird es zwar noch mindestens zwei Jahre dauern, aber die Methode scheint vielversprechend.

Danke für das Gespräch, Professor Ebersbach.

Beitrag von Florian Schumann

weitere beiträge

Rohes Steak mit Rosmarin und Pfeffer (Bild: Colourbox)
Colourbox

Ernährungsforschung - Krebsrisiko: Gefahr durch rotes Fleisch?

Welche Verbindung gibt es, zwischen bestimmten Lebensmitteln und der Entstehung von Krebs? Weltweit sind Forscher mit dieser Frage beschäftigt. Der Heidelberger Virologe und Krebsforscher Prof. Harald zur Hausen hat eine neue These: Erreger in Rindfleisch und Milch könnten das Krebsrisiko erhöhen. rbb Praxis-Reporterin Carola Welt hat den mittlerweile 82-jährigen Nobelpreisträger bei einem Vortrag in Berlin getroffen.

Tablette wird in Glas mit Wasser gelassen (Quelle: Colourbox)
colourbox

Interview | Magensäureblocker - Gefahr durch Säureblocker?

Sodbrennen, auch Reflux genannt, plagt jeden dritten bis vierten Deutschen. Viele Betroffene greifen dann zu so genannten Säureblockern, die die Produktion der Magensäure hemmen. 2015 wurden laut Arzneimittel-Report 3,7 Milliarden Tagesdosen dieser Medikamente verordnet, eine Verdreifachung innerhalb von zehn Jahren. In letzter Zeit mehren sich Warnungen vor Nebenwirkungen wie Osteoporose, Darmbeschwerden, Nierenproblemen und Demenz.

Mann sitzt auf Toilette mit herabgelassener Hose (Quelle: imago/Panthermedia)
imago stock&people

Chronische Verstopfung - Hilfe für einen gesunden Darm

Das gelegentliche Warten auf etwas, das nicht kommt, kennen viele: Zum Beispiel durch Stress oder auf Reisen. Der Grund für eine vorübergehende Verstopfung ist meist ein träger Darm. Aber wann wird eine "Obstipation" zum echten Problem? Die rbb Praxis zeigt, wann untersucht werden muss. Und wir geben Tipps für einen gesunden Darm, unter anderem mit gezielten Yoga-Übungen im Studio.