3D-Grafik: Infarkt im Gehirn (Bild: Colourbox)
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Sprachstörungen nach Schlaganfall - Wenn die Worte fehlen

Von den etwa 270.000 Patienten, die jährlich in Deutschland einen Schlaganfall erleiden, verliert etwa ein Drittel die Fähigkeit normal zu sprechen. Für Betroffene und Angehörige eine belastende Situation. Doch mit der richtigen Therapie, mit Ausdauer und Unterstützung lässt sich viel bewirken.

"Und dann geh ich, da will ich das gehen. Und dann Arbeit muss ich ja will ich ja merken..." Die Folgen eines Schlaganfalls sind vielfältig: Betroffene haben Probleme zu gehen, zu fühlen, zu sehen – und zu sprechen. Den Verlust der Sprache bezeichnen Experten als Aphasie.

"Die Aphasie umfasst Einschränkungen aller sprachlichen Fähigkeiten wie Sprechen und Verstehen, Lesen und Schreiben", erklärt Christian Dohle, Neurologe und Ärztlicher Direktor der Median Klinik Berlin-Kladow. Betroffene haben oft Wortfindungsschwierigkeiten oder es fällt ihnen schwer, den Zusammenhang von Sätzen und Texten zu erkennen. Aber: Sie büßen nichts von ihrer Intelligenz ein. "Die Aphasie ist eine Sprachstörung, keine Denkstörung", betont Dohle.

Untergang von Nervenzellen

Der Grund für den Sprachverlust: der Untergang von Nervenzellen infolge einer Blutung oder eines Infarkts im Gehirn. In vier von fünf Fällen ist ein Hirngefäß verstopft, bei rund 15 Prozent der Patienten reißt beispielsweise ein Gefäß und blutet ein. Die nachfolgenden Hirnregionen werden nicht mehr ausreichend durchblutet. Die Hirnzellen leiden unter Sauerstoffmangel und sterben ab - die ersten Zellen bereits nach drei Minuten.

Eine Aphasie tritt in der Regel auf, wenn Bereiche der linken Großhirnhälfte geschädigt sind. Je nachdem welche Region genau, unterscheiden die Ärzte und Therapeuten zwischen verschiedenen Sprach- und Sprechstörungen (siehe Infobox Kasten "Die vier Formen der Aphasien"). Die beiden bekanntesten: das Broca-Areal. Es kontrolliert die Mundmotorik und ist zuständig für die Sprachproduktion. Das Wernicke-Areal verantwortet das Sprachverständnis. Schwarz und weiß ist bei der Aphasie jedoch selten: "Meist sind mehrere Areale betroffen und häufig auch die Verbindungen dazwischen", sagt Dohle.

Die vier Formen der Aphasie

  • Broca-Aphasie

  • Wernicke-Aphasie

  • Amnestische Aphasie

  • Globale Aphasie

Erst schnell, dann langsam

Die gute Nachricht: In den ersten vier bis sechs Wochen normalisiert sich die Sprachstörung bei rund einem Drittel der Patienten. "Danach nimmt die spontane Rückbildung der Symptome ab", sagt Schlaganfallexperte Dohle. Das Gehirn beginnt sich neu zu organisieren. "Viele Areale können innerhalb gewisser Grenzen umtrainiert werden. Es wachsen zwar keine neuen Zellen, aber es entstehen neue Verbindungsmuster zwischen den Nervenzellen."

Nach sechs Monaten ist knapp die Hälfte der Schlaganfallpatienten frei von aphasischen Symptomen. Zahlreiche Studien belegen mittlerweile, dass Patienten durch intensives Training auch danach noch Fortschritte erzielen.

Behandlung in drei Schritten

Aber der Reihe nach: Zunächst sind die Neurologen auf der sogenannten Stroke Unit gefragt, die Patienten so zu behandeln, dass möglichst wenig Hirngewebe verloren geht. Bei einem Gerinnsel, das die Blutversorgung dahinter abschneidet, verabreichen sie eine Infusion. Die enthält ein Enzym, das die Thromben auflöst. Bei dieser sogenannten Lysetherapie zählt jede Minute, sie wirkt nur in den ersten Stunden nach dem Schlaganfall. Große Gerinnsel entfernen die Spezialisten mittlerweile auch per Katheter. Bei bestimmten Blutungen verschließen sie die Quellen operativ.

In der Klinik

Die Behandlung einer Aphasie ist Aufgabe von Sprachtrainern, sogenannten Logopäden oder Patholinguisten. Während in der Stroke Unit ihr Fokus vor allem auf dem Schlucktraining liegt, beginnt die eigentliche Aphasietherapie in der Reha direkt im Anschluss.

"Wichtig ist eine Therapie – so früh wie möglich und so intensiv wie möglich", sagt Nicole Pickert, Patholinguistin und leitende Logopädin der Median Klinik Berlin-Kladow. "Vor allem in der ersten Zeit nach dem Schlaganfall können wir mit der Behandlung große Fortschritte erzielen."

In der Reha

Vor Beginn der Therapie steht die Diagnostik, bei der die Logopäden mit validierten Tests das

·         Lesen,
·         Schreiben,
·         Verstehen und die
·         Sprachproduktion

checken.

"Die gezielte Diagnostik durch Fachleute, ist notwendig, damit wir wissen, welche Form der Aphasie vorliegt und worauf wir bei der Therapie besonders achten müssen", betont die Expertin für Störungen der Sprache, des Sprechens und des Schluckens. Danach haben die Patienten in der Regel täglich Einzeltherapie. Zusätzliche Gruppentherapie und Übungsmaterial für das eigenständige Training verstärken die Effekte.

Die Logopäden verfolgen ein klares Ziel: "Wir wollen keine Testergebnisse verbessern, sondern erreichen, dass die Patienten im Alltag besser klar kommen. Die Therapie muss eine alltagsrelevante Konsequenz haben", sagt Pickert. Dazu gehören beispielsweise das Trainieren des Sprachverstehens mit Wort-Bild-Übungen oder das Etablieren eines Ja-Nein-Codes.

Wieder zu Hause

Auch nach der Reha geht die Therapie weiter – mit Hilfe eines Logopäden am Wohnort. Meist empfiehlt sich eine regelmäßige Therapie. "Am besten täglich und ein Leben lang," meint die Patholinguistin. Im Alltag ist das oft nicht umsetzbar – weil es an Therapeuten mangelt und weil die Kassen oft nur wenige Stunden pro Woche zahlen.

Der Logopäde sollte Erfahrungen bei der Behandlung der Aphasie haben. Dazu sind die Patienten gefordert, denn Üben ist das A und O einer erfolgreichen Therapie. Das kann anstrengend sein. "Wir lernen immer dann, wenn wir an der Leistungsgrenze sind", sagt Pickert. "In der Therapie wird genau das geübt, was der Patient nicht kann, so dass auch mal mit Stagnation und Frustration zu rechnen ist."

Was Angehörige tun können

Pickert rät davon ab, dass Patienten mit ihren Angehörigen üben: "Sie sollten lieber den angenehmen, positiven Part übernehmen und nicht den Drill." Wer will, kann sich jedoch vom Therapeuten anleiten lassen und den Therapieprozess durch Üben unterstützen. Dazu gehören beiläufige Abfragen im Alltag, beispielsweise welcher Tag oder wie spät es ist.

Viel wichtiger als das gemeinsame Üben sei jedoch, dass die Patienten Sprache im Alltag nutzen: "Aphasiker sollten möglichst viel und vor allem selber sprechen. Die Lust zu reden ist eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie", sagt Pickert. Statt ihm ins Wort zu fallen sollen Angehörige die Patienten mehr fordern, damit sie das Sprechen ständig trainieren.

Sprachtherapien

Verschiedene Therapien bringen Abwechslung in den anstrengenden Trainingsalltag: die melodische Intonationstherapie beispielsweise, bei der Patienten Wörter nicht sprechen, sondern singen. "Obwohl sie Schwierigkeiten beim Sprechen haben, können Betroffene erstaunlicherweise oft noch ganze Texte weitestgehend fehlerfrei singen", sagt Pickert.

Die Idee der Therapie ist, mit Gesang die rechte, noch gesunde Hirnrinde zu stimulieren, bis diese schließlich die Sprachfunktionen der zerstörten linken Hirnrinde übernimmt. Das Verfahren scheint eher in der akuten Therapie wirksam als bei chronischen Aphasikern. Bei der ILAT-Therapie (Intensive Language-Action Therapy, Intensivsprachtherapie) kommunizieren kleine Patientengruppen mit einem ähnlichen Sprachniveau in Alltagssituationen. "Dadurch lassen sich die sprachlichen Fähigkeiten bereits innerhalb von zwei Behandlungswochen signifikant verbessern, auch im hohen Alter und bei langer Krankheitsdauer", sagt Pickert.

Unterstützende Therapien

Neurologe Dohle kennt allerdings auch die Grenzen einer logopädischen Therapie. "Bei etwa der Hälfte der Patienten gelingt es nicht oder nur sehr mühsam, die sprachlichen Defizite zu beseitigen", so der Schlaganfallexperte.

Vor allem für sie sucht man nach neuen Wegen, um den Therapieerfolg zu verbessern. Eine Idee: das Gehirn zu stimulieren, um es aufnahmefähiger zu machen, beispielsweise mit Gleichstrom. Dafür werden am Kopf des Patienten zwei Elektroden angebracht, dazwischen fließt Strom. "Der Strom soll die Erregbarkeit oder die Plastizität des Gehirns steigern und so die Lernfähigkeit verbessern," erklärt Dohle. Das gelingt, wenn auch nur im gewissen Maße.

Hightech fürs Hirn

Technische Entwicklungen erleichtern Therapeuten die Therapie und Patienten ihren Alltag. Dazu gehören Sprachapps wie Neolexon, Constant Therapy, Tactus oder Lingraphica und spezielle Computerprogramme wie EvoCare, aphasiaware und Lingware. Studien zeigen, dass Patienten damit größere Fortschritte erzielen als ohne die Übungen. Dohle sieht vor allem in der ambulanten Therapie Möglichkeiten der Unterstützung durch die neuen Medien.

Kein Ende für den Fortschritt in Sicht

Noch gibt es keine Zauberpille oder Wundertechnologie, die das Sprechen über Nacht wieder herstellt. Sprache wiederzuerlangen ist ein andauernder Prozess. Eine kürzlich publizierte Arbeit konnte zeigen, dass chronischen Aphasiker, deren Schlaganfall Jahre zurücklag, durch eine intensivierte Sprachtherapie noch einmal immense Fortschritte machen.

"An sich ist die Verbesserung nie abgeschlossen. Das Gehirn bleibt auch nach einem Schlaganfall plastisch", sagt Dohle. "Wieder zu sprechen, ist hartes Training. Man lernt nur durch Wiederholung und ein Training an der Leistungsgrenze." Im besten Fall ein Leben lang.

Beitrag von Constanze Löffler

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