Frau beim Gangtraining in der Reha (Quelle: Colourbox)
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Interview l Hilfe nach dem Hirnschlag - Sport als Schlaganfalltherapie

Nach einem Schlaganfall leiden viele Betroffene unter körperlichen und kognitiven Einschränkungen: eine Körperhälfte versagt den Dienst, Sprache und Konzentration sind eingeschränkt. Gezielte Bewegung und Sport können helfen, diese Defizite auszugleichen. Was Schlaganfall-Patienten wissen sollten und wie Sport ihnen zu einer besseren Lebensqualität verhelfen kann, darüber sprachen wir mit Sportwissenschaftler Torsten Rackoll vom Centrum für Schlaganfallforschung Berlin.

rbb Praxis: Wie wirkt Sport und Bewegung auf Patienten nach einem Schlaganfall?

Es gibt zwei Ebenen, auf denen Sport positiv auf Schlaganfall Patienten wirkt: Da ist zum einen die so genannte systemische Ebene, d.h. Bewegung verbessert die Gesundheit der Gefäße, deren schlechter Zustand ja eine mögliche Ursache des erlittenen Schlaganfalls war. So verbessert sich etwa die Durchblutung und Blutdruck und Fettstoffwerte sinken – gut für die Gefäße.

Die zweite Ebene betrifft die motorischen Fähigkeiten. Durch den Schlaganfall kommt es zur Schädigung von Hirnarealen, die für spezifische Bewegungen zuständig sind. Das Gehirn muss dann lernen durch Reize, also Bewegung, sich umzuorganisieren. D.h. im Laufe des Trainings übernehmen andere, gesunde Hirnareale, die Steuerung von Bewegungen. Häufig fällt das Laufen schwer und das kann durch ein Lauftraining wesentlich verbessert werden. Auch das Gleichgewicht ist oft gestört, was zum Beispiel durch gezielte gymnastische Übungen verbessert werden kann. Hinzu kommt, dass Bewegung auch positiv auf die Psyche wirkt und Betroffene spüren, dass sie auch selbst etwas tun können, um sich wieder besser zu fühlen.

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Welche Art von Bewegung und welche Sportarten sind geeignet, um auch nach der Reha-Phase wieder mobiler zu werden?

Das ist natürlich immer auch abhängig davon, welche Einschränkung die Betroffenen zurückbehalten haben und welche Fähigkeiten sie wieder erlangen wollen. Was für alle Patienten sinnvoll ist, ist ein Ausdauertraining. Wir wissen, dass Patienten nach dem Schlaganfall einen erhöhten Energieverbrauch haben, was dazu führt, dass sie schneller erschöpft sind. Das liegt zum einen daran, dass sie sich nach dem Schlaganfall weniger bewegt haben, aber auch daran, dass es zu einer Umstrukturierung auf muskulärer Ebene kommt. Deshalb sind Ausdauer-Sportarten wie Walken, Schwimmen und – wenn das Gleichgewicht nicht zu stark gestört ist – auch Radfahren sehr sinnvoll. Manche Betroffenen spielen gern Tischtennis, weil es die Handmotorik fördert; auch Tanzen ist gut, weil es Beweglichkeit und Koordination übt. Und, jede Sportart ist gut, die jemand vor dem Schlaganfall ausgeübt hat. Gesetzt den Fall, es spricht medizinisch nichts dagegen.

Ein wichtiger Punkt: Von welchen Sportarten ist nach einem Schlaganfall eher abzuraten?

Nicht so günstig sind Sportarten mit viel Körperkontakt, wie etwa Kampfsportarten oder bestimmte Ballsportarten. Auch Sportarten,  bei denen eine schnelle Reaktionsfähigkeit erforderlich ist, können schwierig sein, weil viele Patienten genau diese Fähigkeit eingebüßt haben. Ich kenne aber auch Betroffene, die nach einem Schlaganfall zum Beispiel wieder in die Berge gehen, zum Wandern. Wenn das ärztlich gut begleitet ist und diejenigen Vertrauen in ihren Körper haben, ist das durchaus möglich. Von zu starker Belastung zum Beispiel im Sommer, bei starker Hitze ist aber eher abzuraten.

Wann sollte man mit der Bewegungstherapie beginnen? Und was ist zu beachten, bevor Patienten nach einem Schlaganfall Sport machen wollen?

Häufig wird schon direkt im Krankenhaus mit Physiotherapie begonnen, die anfangs  auch im Liegen praktiziert wird. Das Ziel ist aber auch hier, dass die Patienten möglichst bald selbst wieder bestimmte Bewegungsabläufe durchführen können. Sind Patienten besonders stark betroffen, können sie auch mit einem so genannten Exoskelett trainieren. Das ist ein Anzug, der die Patienten hält und ihnen den aufrechten Gang auf einem Laufband ermöglicht. 

In der anschließenden Reha-Phase, die ja die meisten Betroffenen absolvieren, finden viele Bewegungstherapien unter professioneller Begleitung statt. Wenn die Patienten danach Sport machen wollen, ist es wichtig, dass sie vorab mit ihrem betreuenden Arzt sprechen. Häufig bekommen die Patienten nach einem Schlaganfall neue Medikamente, die das Herz-Kreislaufsystem beeinflussen. Da ist es ganz wichtig, dass sie wissen, wie stark sie sich belasten dürfen und welche Sport- oder Bewegungsarten für sie geeignet sind.

Sie waren an der so genannten "Phys-Stroke" Studie beteiligt, was ist das für eine Studie und was haben Sie herausgefunden?

Die "Phys-Stroke" Studie (Physical Fitness Training in Subacute Stroke) wurde in den letzten vier Jahren an verschiedenen klinischen Zentren im Berliner Umfeld durchgeführt und hat 200 Patienten und Patientinnen nach der akuten Phase in der stationären Reha untersucht. Diese Patienten haben entweder ein Laufbandprogramm absolviert oder zum Vergleich ein Entspannungsprogramm.Dabei wurden unter anderem verschiedene Blutwerte bestimmt und bei einigen Patienten auch Aufnahmen vom Gehirn gemacht.

Wir sind jetzt in der Auswertungsphase und schauen, inwiefern sich die beiden Gruppen in Hinblick auf ihre Ganggeschwindigkeit, Alltagsfähigkeiten sowie die gesamte körperliche Erholung unterscheiden. Studien zum Einfluss von Sport auf die Folgen eines Schlaganfalls durchzuführen ist recht schwierig, weil die Betroffenen sich in der Schwere und Art ihrer Einschränkungen stark unterscheiden. Und weil sie sehr unterschiedliche Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Herzerkrankungen haben. Wir hoffen, dass wir nach der Auswertung in diesem Jahr mehr darüber wissen. Also mehr darüber, wie genau Sport Schlaganfallpatienten hilft und für wen welches Training am besten ist. 

Wo finden Patienten geeignete Anlaufstellen?

Erste Informationen über Sportangebote für Betroffene nach einem Schlaganfall bekommt man bei der Berliner Schlaganfall-Allianz. Dort gibt es Adressen für Berlin und die nähere Umgebung. Es ist schon empfehlenswert, sich Sportgruppen zu suchen, die auf Menschen eingestellt sind, die nach einem Schlaganfall Sport machen wollen. Da sind auch die Behindertensportverbände gute Ansprechpartner (siehe Infobox). Der Vorteil von Bewegung in der Gruppe ist auch ein psychosozialer. In der Gruppe fällt es oftmals leichter, sich zu motivieren.

Sie arbeiten auch mit Schlaganfall Patienten, wie leicht oder schwer sind sie zu motivieren?

Meine Erfahrung ist, dass die meisten Patienten Sport und Bewegungstherapien gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Ein Schlaganfall ist ein Erlebnis, das mit einem Mal das Leben grundlegend verändert. Das ist anders als bei Erkrankungen, bei denen die Leistungsfähigkeit eher langsam abnimmt, wie das etwa bei einigen Lungen- oder manchen Herzerkrankungen der Fall ist. Durch diesen plötzlichen Verlust von grundlegenden Fähigkeiten wie Laufen oder Sprechen, besteht meist eine hohe Motivation dieser wieder zu erlangen.

Herr Rackoll, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ursula Stamm

schlaganfallallianz.de

Berliner Schlaganfall-Allianz e.V.

Die Berliner Schlaganfall-Allianz hat sich zum Ziel gesetzt, die Versorgung von Schlaganfallpatienten in Berlin und Brandenburg zu verbessern. Das geschieht vor allem durch Information und Beratung. Egal ob es um Therapie, Rehabilitation, Pflege oder Sozialrecht geht. Auch Angehörige von Schlaganfallpatienten finden hier Hilfe. Persönliche, kostenlose Beratung findet im "Servicepunkt Schlaganfall" auf dem Gelände der Charité in Berlin-Mitte statt. Zudem veranstaltet die Berliner Schlaganfall-Allianz Vorträge und Informationsveranstaltungen mit ausgewiesenen Schlaganfall-Experten. Seit 2017 gibt es so genannte Schlaganfallhelfer, die über die Schlaganfall-Allianz vermittelt werden. Sie arbeiten ehrenamtlich und  bieten Hilfe im Alltag zum Beispiel beim Einkaufen oder begleiten die Betroffenen bei Freizeitaktivitäten.

Sprechzeiten des "Servicepunkt Schlaganfall":
Montag 11:00–13:00 Uhr, Mittwoch 15:00–17:00 Uhr, Donnerstag 11:00–13:00 Uhr 

Weitere Termine können nach Absprache vereinbart werden.
Telefon: 030 450 560 600
Fax: 030 450 560 960
E-Mail: servicepunkt@schlaganfall-allianz.de

Besucheradresse ab 10. Juni 2017
Servicepunkt Schlaganfall
Charité Campus Mitte, Durchgang Luisenstraße 9
10117 Berlin-Mitte 

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