Frau hält sich schmerzverzerrt die Wange (Bild: imago/Jacques Alexandre)
Bild: imago/Jacques Alexandre

Interview l Nervenschmerzen - Trigeminusneuralgie: Kann die Neuraltherapie helfen?

Die Neuraltherapie geht davon aus, dass chronische Entzündungen im Körper an anderen Stellen zu Schmerzen führen. Typische Entzündungsherde sind zum Beispiel Zähne, Mandeln oder Nasennebenhöhlen. Diese Störungen sollen durch ein lokales Anästhetikum aufgelöst werden. Inwiefern kann die Neuraltherapie auch bei Trigeminusneuralgie helfen und welche Risiken birgt das? Fragen an die Neurologin und Schmerzexpertin Dr. Antje Hagedorn von der Praxis für Neurologie und Psychiatrie im St. Hedwig Krankenhaus in Berlin-Mitte.

Frau Dr. Hagedorn, was ist die Neuraltherapie und wie funktioniert sie?

Die Neuraltherapie ist eine Therapie mit örtlichen Betäubungsmitteln, die unter anderem entzündungshemmend wirken. Diese werden zum einen eingesetzt, wenn zum Beispiel Nerven eingeklemmt sind, etwa an der Wirbelsäule. Dann gibt es auch so genannte stumme Entzündungsherde, also chronisch belastete Regionen, die unmittelbar selbst keine Beschwerden verursachen, aber für Schmerzen in anderen entfernteren Regionen verantwortlich sein können. Bei der Trigeminusneuralgie sieht man zum Beispiel häufig, dass die Mandeln entzündet sind oder dort häufiger Entzündungen abgelaufen waren.

Warum kommt es dann an diesen entfernten Stellen zu Beschwerden?

Man geht davon aus, dass eine ständige Entzündung eine chronische Belastung des vegetativen Nervensystems darstellt. Das vegetative Nervensystem ist ja der Teil des Nervensystems, den wir nicht bewusst steuern können und der zum Beispiel Atmung, Verdauung und Stoffwechsel reguliert. Diese ständige Irritation führt dann dazu, dass an einer -  in der Regel in der Nähe des Entzündungsherdes liegenden Stelle -  Schmerzen auftreten.

Bei der Trigeminusneuralgie und den Mandeln ist es so, dass die hierfür verantwortlichen Nervenzentren (Hirnnervenkerne) im Bereich des Hirnstammes recht nah beieinander liegen, so dass man sich das anatomisch auch ganz gut erklären kann. Die Stelle, an die ich das lokale Betäubungsmittel spritze, bestimme ich anhand der Krankengeschichte und der körperlichen Untersuchung. Bei der Krankengeschichte ist wichtig zu erfragen, wann die Beschwerden angefangen haben und was zu dem Zeitpunkt eventuell vorgefallen ist.

Hilft die Neuraltherapie auch bei der Trigeminusneuralgie?

Ich würde Patienten mit einer akuten Trigeminusneuralgie nie an erster Stelle mit Neuraltherapie behandeln, sondern immer erst mit Antiepileptika (Carbamazepin). Die Trigeminusneuralgie ist mit extrem starken Schmerzen verbunden, die schnell und effektiv behandelt werden müssen, weil sonst die Gefahr einer Chronifizierung droht.

Es ist aber so, dass manche Patienten diese Medikamente nicht dauerhaft nehmen wollen, weil Carbamazepinpräparate auch erhebliche Nebenwirkungen haben, so dass es eben einige Patienten gibt, die nach einer Alternative fragen. Das ist für mich dann die Indikation für eine Neuraltherapie. Da würde ich dann in erster Linie an die entsprechenden versorgenden Nerven spritzen, die sind im Gesicht gut zu erreichen- oder auch im Bereich der Mandeln. Der Erfolg der Neuraltherapie bei Trigeminusschmerzen ist recht gut. Rund 80 Prozent meiner Patienten erfahren eine Linderung der Schmerzen oder sogar völlige Schmerzfreiheit.

Kritik an der Neuraltherapie

Die Neuraltherapie ist kein schulmedizinisch anerkanntes Verfahren und wird auch von vielen Ärzten kritisch gesehen. "Grundsätzlich müssen wir uns bei so etwas Belastendem wie der Trigeminusneuralgie erst mal auf die Schulmedizin verlassen", sagt Privatdozent Dr. Jan Jungehülsing, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Jüdischen Krankenhaus in Berlin. "Das muss man am Anfang konsequent und mit den als wirksam erwiesenen Behandlungsmaßnahmen behandeln", also mit Medikamenten und so genannte Entlastungsoperationen.

Diese Therapien helfen rund drei Viertel der Trigeminus-Patienten. Wird zuerst mit der Neuraltherapie begonnen, kann es sein, dass das Zeitfenster, indem man den akuten Schmerz behandeln kann, verpasst wird. "Wenn Sie Zeit verlieren, bei der Behandlung von Nervenschmerzen, dann produzieren Sie ein Schmerzgedächtnis und je länger Sie ein Schmerzgedächtnis haben, umso schlechter ist der Schmerz zu behandeln", so Jungehülsing.

Hinzu kommt, dass es bei der Neuraltherapie auch zu Nebenwirkungen der Spritzentherapie kommen kann. Die Bereiche können sich entzünden, sie können bluten und man kann auch Nerven- oder Gefäßstrukturen verletzen. "Wichtig ist auch, dass man bei den Patienten keine Erwartungen weckt, die man dann nicht erfüllen kann", sagt Dr. Jungehülsing.

Welche Risiken hat die Neuraltherapie?

Bei der Neuraltherapie wird sowohl unter die Haut, als auch in Gefäße und Nerven gespritzt. Damit ist klar, dass man – bei fehlerhafter Durchführung – diese Strukturen auch verletzen kann. Wenn man die Neuraltherapie ordentlich durchführt, ist es ein sehr nebenwirkungsarmes Verfahren.

Was häufiger vorkommt, sind leichte Kreislaufbeschwerden, dass man hinterher so einen leichten Schwindel hat oder sich matt fühlt. Deswegen rate ich meinen Patienten nach der Behandlung etwa eine Stunde in der Praxis zu bleiben. In ganz seltenen Fällen sind Allergien beschrieben, die man aber gut behandeln kann.

Bei welche Schmerzerkrankungen hilft die Neuraltherapie noch?

Die Neuraltherapie hilft hervorragend bei der Gürtelrose (Herpes Zoster). Wenn die Bläschen gerade erst aufgetreten sind, kann man sie unterspritzen. Das führt dazu, dass die Heilung sehr viel schneller einsetzt. Und ich spritze im Bereich der Nervenwurzeln an der Wirbelsäule, also in die Gebiete, wo das Zostervirus sitzt. Das führt dazu, dass sehr viel seltener oder gar nicht der so genannte postherpetische Nervenschmerz entsteht; also der Nervenschmerz durch Gürtelrose.

Bei Schulter-Nackenschmerzen kann man das lokale Anästhetikum unter die Haut (subkutane Quaddelung) in die so genannten Headschen Zonen spritzen; auch das ist ein Anwendungsbereich der Neuraltherapie, der sinnvoll ist.

Wird die Neuraltherapie von den Gesetzlichen Krankenkassen bezahlt?

Die Gesetzlichen Krankenkassen zahlen die Behandlung in der Regel nicht. Als Selbstzahler müssen sie dann mit 80 bis 120 Euro pro Behandlung rechnen. Bei der Trigeminusneuralgie behandele ich meine Patienten meist mit drei bis vier Sitzungen. Das hängt auch davon ab, ob man nur dann behandelt, wenn die Patienten Beschwerden haben. Oder ob man auch im beschwerdefreien Intervall behandelt, was ich allerdings nicht mache.

Die Neuraltherapie gilt als wissenschaftlich nicht anerkannt. Warum?

Das liegt daran, dass zwar sehr viel Grundlagenforschung betrieben wird, es aber zu wenig klinische Studien gibt.  Und die klinischen Studien gibt es deshalb nicht, weil sie nicht bezahlt werden. Forscher der Universität Heidelberg um Dr. Stefan Weinschenk haben eine erste wissenschaftliche Studie zur Neuraltherapie durchgeführt, die statistisch signifikante Effekte nachgewiesen hat.

Wie finde ich einen seriösen Neuraltherapeuten?

Grundsätzlich darf jeder behandelnde Arzt diese Behandlung durchführen. Früher durften das auch Heilpraktiker, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Ich rate schon dringend dazu, sich in die Hand von jemandem zu begeben, der eine Ausbildung bei einer der entsprechenden Fachgesellschaften gemacht hat. Etwa bei der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie.

Dr. Hagedorn, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Ursula Stamm

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