Bettenhochhaus der Charité in Berlin-Mitte (Quelle: imago/Schöning)
Bild: imago stock&people/Schöning

Interview l Alltagshelfer im Krankenhaus - "Dieses Ehrenamt ist für mein Leben ein großer Gewinn!"

Die 79-jährige Brigitta Clausen ist Einsatzleiterin im Virchow-Klinikum, Berlin. Nach ihrem Berufsleben wusste Sie genau: Sie will etwas sinnvolles tun. So kam Sie zum Berliner Besuchsdienst. Das Ziel: Menschen mit Krankheiten, im Alter oder mit Behinderung  dabei zu helfen, ihren Alltag zu meistern. Was genau das bedeutet, fragen wir Brigitta Clausen…

Frau Clausen, was sind Ihre Aufgaben beim Besuchsdienst der Charité?

Seit 1999 gehöre ich zum Besuchsdienst der Charité Campus Virchow-Klinikum. Im Jahr 2005 habe ich die Leitung der Gruppe übernommen. In den ersten Jahren habe ich Patienten auf verschiedenen Stationen besucht; nach einigen Monaten bin ich dann regelmäßig einmal wöchentlich auf meine Station (Strahlenklinik) zu den Patienten gegangen.
Es sind ganz praktische Dinge, die geleistet werden: Besorgungen machen wie Einkaufen, Telefon-Karte kaufen usw., etwas vorlesen, spazieren gehen... Aber noch wichtiger ist das persönliche Gespräch. Dafür habe ich Zeit und kann gut zuhören. Mit der Zeit, die man den Patienten schenkt, versucht man die ärztlichen und pflegerischen Tätigkeiten zu ergänzen.

Einen Krankenhausaufenthalt erleben viele Menschen als erheblichen Einschnitt in ihr Leben, der nicht selten mit Angst und Sorgen verbunden ist. Wir sind da, um die Sorgen der Patienten zu teilen und ihnen ein Stück ihrer Angst zu nehmen.

Warum haben Sie sich für diesen Dienst entschieden?

Vor ca. 40 Jahren, während eines Krankenhaus-Aufenthaltes meiner Mutter, habe ich dort den Besuchsdienst erlebt. Die Begegnung mit den Grünen Damen und Herren (grüner Kittel) hat mich bei meiner Entscheidung beeinflusst. Darüber hinaus  war für mich wichtig, eine sinnvolle Aufgabe nach dem Berufsleben zu finden.

Bei den Krankenbesuchen erleben Sie sicherlich viele tragische Schicksale. Wie gehen Sie damit um?

Die Besuche bei den Patienten machen mich oft traurig, aber ich treffe auch Patienten mit denen ich auch lachen und fröhlich sein kann. Nach dem Dienst treffe ich in unserem Gruppenraum KollegInnen, gemeinsam können wir uns über das Erlebte auf den Stationen austauschen. Ein Gespräch mit den Krankenhausseelsorgern tut mir nach den Patientenbesuchen auch gut.

Diese ehrenamtliche Tätigkeit war und ist für mein Leben ein großer Gewinn. Mit Krankheit und Sterben kann ich heute ruhiger umgehen, gelernt habe ich auch, geduldig zu sein. Oft, wenn ich das Krankenhaus verlasse und nach Hause fahre, bin ich dankbar, dass es mir gut geht.

Wie hat sich Ihre Einstellung zur Gesellschaft und zum Leben seit Ihrer Tätigkeit verändert?

In Deutschland engagieren sich mehr als 30 Mio. Menschen. Sie sind der Kitt der Gesellschaft. Ohne Ehrenamtliche würde das Leben in Deutschland gar nicht funktionieren. Aber in vielen Bereichen werden noch Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, benötigt. Diese Tätigkeiten werden dazu beitragen, dass das Miteinander sich verbessert.

Und das Schöne und Wertvolle: Es ist eine Win-Win-Situation. Man gibt, aber man bekommt auch viel zurück.

Sie haben gesagt, es werden weiterhin ehrenamtliche Helfer gesucht. Wen suchen Sie? Benötigt man spezielle Qualifikationen?

Viele Damen und Herren entscheiden sich zum Glück, ihre Tätigkeit über viele Jahre auszuüben. (z.T. bis zu 20 Jahre). Aber wenn sie auf die 80 zugehen und die gute körperliche Verfassung nachlässt, kommt der Zeitpunkt des Aufhörens.

Darum suchen wir weiterhin Ehrenamtliche, die bei uns mitmachen wollen. Die Tätigkeit erfordert keine spezifische Fachkenntnis. Neben Einfühlungsvermögen und Kontaktfreudigkeit sollten die Interessierten Bereitschaft zum Zuhören mitbringen, sowie zuverlässig und belastbar sein.
 

Wie können sich Interessierte bei Ihnen bewerben und was erwartet sie?

Die Bewerbung erfolgt per Telefon; es wird dann ein Vorstellungstermin vereinbartMit einem  Einführungskurs und Hospitieren auf den von uns betreuten Stationen werden die Ehrenamtlichen auf ihre Tätigkeit beim Besuchs dienst vorbereitet. Auf monatlichen Gruppentreffen kommen Fachreferenten zu Wort, es findet ein Gedankenaustausch statt und es werden Gemeinschaftsveranstaltungen (Ausflüge, Weihnachtsfeier) geplant und organisiert.

Wo wird dieser Freiwilligendienst angeboten? Und seit wann gibt es ihn?

Den Krankenhausbesuchsdienst gibt es in der Charité Campus Virchow-Klinikum seit  September 1994. Fünf Jahre später gründete sich die Gruppe in Mitte und 2014/15 im Campus Benjamin-Franklin.

Frau Clausen, Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Amal Khalife

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