Leerer Stuhl am Schreibtisch eines Arztes (Quelle: imago/Schöning)
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Interview | Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane - Flächenland Brandenburg: Ärzte dringend gesucht

Nirgendwo in Deutschland muss ein Arzt so viele Patienten behandeln wie in Brandenburg. Dort kommen auf einen niedergelassenen Arzt im Durchschnitt 733 Einwohner. Bundesweit sind es im Mittel nur 677 Patienten. Mit der Gründung der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB) im Oktober 2014 und dem Start des Lehrbetriebs im April 2015 sollte ein Gegenimpuls zum Ärztemangel in der Region gesetzt werden.

Ob sich das heute schon bemerkbar macht und wie die MHB dem Ärztemangel in Brandenburg begegnet, darüber spricht Dr. Eric A. Hoffmann, Leiter der Abteilung Kommunikation der MHB.

Wie schlimm ist der Ärztemangel in Brandenburg wirklich?

In den "Potsdamer Neuesten Nachrichten" sind gerade neue Zahlen veröffentlich worden, die auf den Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg basieren. Demnach waren im Dezember 2017 46 Arztsitze in Brandenburg nicht besetzt, davon mehr als 91 Prozent im hausärztlichen Bereich. Besonderer Nachwuchsmangel herrscht bei Kinder-, Frauen- und HNO-Ärzten. Eine Ursache des Ärztemangels ist das hohe Durchschnittsalter der brandenburgischen Bevölkerung, mit den damit verbundenen Erkrankungen. Aber auch die Ärzte selbst sind im Durchschnitt älter als ihre Kollegen im Bundesgebiet. Zwar wurde die Altersbeschränkung von 65 Jahren bei Kassenärzten inzwischen aufgehoben. Doch das kann nur übergangsweise an einigen Stellen den Mangel beheben. Junger Nachwuchs wird dringend gebraucht.

Inwiefern kann die Ärzteausbildung an der Medizinischen Hochschule Brandenburg da gegensteuern?

Bis vor drei Jahren war es so, dass es im Land Brandenburg keine eigene Medizinische Fakultät gegeben hat. Das Land Brandenburg setzt bis heute darauf, dass die Ärzte, die in Berlin ausgebildet werden, auch nach Brandenburg gehen. Das hat aber leider schon in der Vergangenheit nicht ausreichend funktioniert. Der Mangel wird sich mit Blick auf die demographische Entwicklung im Land Brandenburg tendenziell weiter verschärfen. Die Gründung der Medizinischen Hochschule Brandenburg im Jahr 2014 verfolgte das Ziel, einen kleinen Beitrag zur Lösung dieses Problems zu leisten. Das geht zwar nicht so schnell, wie wir es uns wünschen, schließlich werden die ersten Studierenden nicht vor 2021 mit dem Studium fertig sein, aber wir haben schon mal angefangen. Aktuell arbeiten wir mit rund 100 Lehrpraxen und mehr als 20 Kliniken zusammen, bei denen die Studierenden der MHB regelmäßig praktisch arbeiten. Das dient zwar in erster Linie Ausbildungszwecken. Aber wir erhoffen uns, dass diese Anbindung auch nach dem Studium anhält. Ob sich die erhofften Klebeeffekte einstellen, wird man dann sehen. Was man sicher sagen kann ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ärztinnen und Ärzte im Land ansiedeln und in die Klinik oder die Niederlassung gehen, mit der MHB größer ist als ohne die MHB.

Haben sie ein spezielles Konzept bei der Ausbildung von Ärzten?

Wichtiger Bestandteil des Brandenburger Modellstudiengangs Medizin ist von Beginn an die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Schon ab dem 2. Semester gehen die Studierenden in allgemeinmedizinische Arztpraxen und lernen dort den Praxisalltag kennen. Ab dem 5. Semester wechseln sie dann in Facharztpraxen. Was auch besonders ist, sind die so genannten TRIK-Seminare (Teamarbeit, Reflexion, Interaktion, Kommunikation). Dort haben die Studierenden die Möglichkeit, ihre Erfahrungen aus den Arztpraxen einzubringen und zu reflektieren. Nicht jeder junge Mensch kann auf Anhieb damit umgehen, wenn ein Patient zum Beispiel eine Krebsdiagnose bekommt. Das lernen sie in diesen Seminaren, die das ganze Studium über angeboten werden.

Dann muss man sagen, dass wir eine private Hochschule sind, die sich zwar in kommunaler und freigemeinnütziger Trägerschaft befindet, die aber keine finanziellen Mittel vom Land Brandenburg erhält. D.h. die Studiengebühren von 125.000 Euro pro Studienplatz müssen von den Studierenden selbst aufgebracht werden. Zwei Drittel von ihnen haben aber einen Darlehensvertrag in Höhe von 80.000 Euro, der darauf basiert, dass sie anschließend bei vollem tariflichen Lohn für fünf Jahre in der Klinik arbeiten, die ihnen das Darlehen gewährt hat. Durch die geleistete Arbeit wandelt sich das Darlehen am Ende in ein Stipendium um. Die verbleibenden 45.000 Euro können über das Sozialunternehmen "Chancen eG." im Rahmen eines so genannten Umgekehrten Generationenvertrags finanziert werden, das so gewährte Darlehen kann später in Abhängigkeit vom Einkommen abgezahlt werden. Bleibt der Absolvent dabei unter einer Einkommensgrenze von 21.000 Euro, ist er von einer Rückzahlung befreit. Beide Modelle, Darlehensvertrag und Umgekehrter Generationenvertrag, sollen dafür sorgen, dass ein Studium an der MHB keine Frage des Geldes wird, sondern eine Frage der Persönlichkeit bleiben kann.

Wie wählen Sie Ihre Studierenden aus?

Die Nachfrage nach einem Studienplatz an der Medizinischen Hochschule Brandenburg steigt von Jahr zu Jahr. Letztes Jahr haben sich insgesamt rund 650 Studierende auf 48 Studienplätze für Medizin beworben. Formale Grundvoraussetzung ist das Abitur, aber statt auf Abiturnoten oder einen Numerus Clausus setzen wir mehr auf Persönlichkeit, Leistungsbereitschaft, Motivation, kommunikative Stärken und Teamfähigkeit. Ein Faktor, der mit in die Bewertung einfließt, ist ein sogenannter Landeskinder-Bonus, bei dem Bewerber aus Brandenburg einen leichten Vorteil genießen. Ein großer Pluspunkt ist, wenn die Bewerber schon einen medizinischen Beruf erlernt haben, zum Beispiel Gesundheits- und Krankenpfleger oder Rettungssanitäter. In einem Anschreiben müssen die Bewerber ihre persönliche Motivation darlegen, anschließend werden 144 Kandidaten und Kandidatinnen zu einem aufwändigen Auswahlverfahren nach Neuruppin eingeladen, wo sie von insgesamt 16 Gutachtern bewertet werden. Dabei geht es vor allem um die so genannten "Soft Skills" und um Kompetenzen, die aus unserer Sicht für eine spätere berufliche Tätigkeit als Ärztin oder Arzt relevant sind. Die Studierenden, die an der MHB immatrikuliert werden, absolvieren als erstes einen speziellen Test, den sogenannten "Progress Test Medizin", der jeweils vor Beginn eines Semesters durchgeführt wird. Dabei hat sich über die letzten drei Jahre gezeigt, dass "unsere" Studierenden im Vergleich zu Studierenden anderer Medizinischer Fakultäten, die diesen Test ebenfalls durchführen, gut abschneiden.

Wie versucht die Hochschule darüber hinaus den Arztberuf in Brandenburg attraktiver zu machen?

Wir stellen immer wieder fest, dass es bei den jungen Menschen viele Vorurteile gegenüber dem Leben als Arzt in einem Flächenland wie Brandenburg gibt. Bei denen, die dann aber mit dem Studium beginnen, bauen sich diese Vorurteile oft durch den persönlichen Kontakt mit den Menschen ab. Das geschieht zum Beispiel, wenn sie ab dem 2. Semester bei den niedergelassenen Ärzten und Ärztinnen arbeiten. Bei einigen ändert sich dadurch im Laufe eines Studiums auch der Berufswunsch und eine Niederlassung wird erstrebenswert. Um Berührungsängste noch weiter abzubauen, planen wir ab September eine Reise durch das Land Brandenburg. Unter dem Motto "MHB mobil. Lassen Sie uns durch. Wir wollen Landarzt!" wollen wir medizinisch unterversorgte Regionen besuchen und Studierende und Lehrende der MHB mit niedergelassenen Ärzten, Kliniken und Gesundheitspolitikern zusammenbringen. Nichtsdestotrotz ist aber auch die Politik gefragt, den Arztberuf in Brandenburg attraktiv zu gestalten. Mit der Prämie der KVBB und der Krankenkassen von bis zu 55.000 Euro bei Übernahme einer Praxis in einer ausgewiesenen Förderregion ist hier schon ein Anfang gemacht. Aber letztendlich gilt, je attraktiver die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte in Brandenburg sind, desto mehr Absolventen werden sich in Zukunft entscheiden, auch in Brandenburg zu bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch, Dr. Hoffmann!
Das Interview führte Ursula Stamm.

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