Ärztin sitzt telefonierend an ihrem Schreibtisch vor einem Laptop (Quelle: imago/Paul von Stroheim)
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Sprechstunde via Internet - Noch nicht verbunden

Seit mehr als einem Jahr können Ärzte ihre Patienten per Online-Videosprechstunde beraten, ohne dass diese dafür in die Praxis kommen müssen. Die Zwischenbilanz fällt jedoch ernüchternd aus: Obwohl die neue Technik enormes Potenzial birgt, bieten bisher nur wenige Ärzte sie an.

Die Heilung einer OP-Wunde beurteilen, ohne dass der Operierte aus Brandenburg die 50 Kilometer zum nächsten Chirurgen fahren muss. Der stark erkälteten Patientin in Berlin und ihren Mitmenschen ersparen, dass die Frau eine Stunde hustend und schniefend im Wartezimmer sitzt. In solchen Situationen bringt eine Online-Videosprechstunde große Vorteile: Für Patienten, die nicht mehr für jeden Termin extra in die Praxis kommen müssen. Und für Ärzte, die sich viel Zeit sparen können, etwa wenn es beim Hausbesuch nur darum geht, einen Blick auf die Wundheilung zu werfen. Gerade auf dem Land, wo der nächste Arzt oft weit entfernt ist, hat die Technik Potenzial. Seit dem 1. April 2017 können Ärzte die digitalen Sprechstunden nun schon anbieten und abrechnen. Seitdem ist mehr als ein Jahr vergangen – Zeit für einen Zwischenstand.

Videosprechstunde "noch kein Thema"

Bei der Suche nach Medizinern in Berlin und Brandenburg, die bereits Videosprechstunden anbieten, macht sich schnell Ernüchterung breit. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben den Überblick darüber, wie viele Ärzte die Leistung bisher abgerechnet haben. Der Sprecher der KV Brandenburg, Christian Wehry, sagt: "Wir haben die Ärzte über die Möglichkeit der Abrechnung informiert, aber bisher hat niemand davon Gebrauch gemacht." Das heißt, bis zum Ende des ersten Quartals 2018, so die aktuellsten Daten, hat kein einziger Brandenburger Arzt eine Videosprechstunde abgerechnet. Die Ursachen dafür kennt Wehry nicht und verweist auf die Landesärztekammer. Dort vermutet man, dass der schlechte Internetausbau in vielen Teilen Brandenburgs ein Grund sein könnte, dass Ärzte erst gar nicht versuchen, Videosprechstunden anzubieten. Genau wisse man das aber nicht, sie seien jedenfalls "noch kein Thema".

Das gleiche Bild zeigt sich in Berlin. Trotz schnelleren Internets hat auch hier bis Ende März dieses Jahres kein einziger Arzt eine Online-Videosprechstunde abgerechnet. Sascha Rudat, Sprecher der Ärztekammer Berlin, sagt, es gebe eher eine abwartende Haltung in der Ärzteschaft. Da man aber keine Umfrage unter den Mitgliedern gemacht habe, wisse man nicht genau, woran es liege. Einige Ärzte, vermutet Rudat, hätten aber sicher auch Berührungsängste mit der Technik.

Stau und Parkplatzsuche? Mit der Videosprechstunde kein Problem

Eine, die keine Berührungsängste mit digitaler Technik hat, ist die Steglitzer Hausärztin Irmgard Landgraf. Sie versorgt seit 17 Jahren Pflegeheime mit Hilfe einer elektronischen Patientenakte. Die Videosprechstunde bietet Landgraf aber noch nicht an, obwohl sie von den Vorteilen überzeugt ist: "Sie ist eine große Chance, die Versorgung zu verbessern", sagt die Ärztin. Sie sei sicher, dass ihre Patienten die Videosprechstunde sofort in Anspruch nehmen würden, vor allem junge, beruflich stark eingebundene Menschen. "Manche rufen mich schon heute an, wenn sie unter der Woche in Frankfurt, München oder Hamburg arbeiten und einen Rat brauchen", sagt Landgraf. Sie würde die Sprechstunde dann abends oder am Wochenende anbieten, dann könnten auch jene, die unter der Woche nicht vor Ort seien, sich einwählen.

Auch bei der Visite ihrer Patienten im Pflegeheim könnte die Technik Vorteile bringen. Manchmal brauche Landgraf für die Fahrt im dichten Berliner Verkehr und die Parkplatzsuche mehr als eine halbe Stunde pro Strecke – nur um eine Wunde zu kontrollieren. Per Video ginge das schneller. Aber warum bietet die Ärztin noch keine Videosprechstunde an? "Ich habe es einfach noch nicht geschafft, mich neben meiner 60- bis 80-Stunden-Woche mit dem Thema und der Technik zu beschäftigen", sagt Landgraf. Sie glaubt, vielen Kollegen gehe es ähnlich: "Sobald es technisch einfacher ist und es eine Rechtssicherheit gibt, werden es mehr Ärzte in Anspruch nehmen."

Bei Husten und Durchfall ist die Videosprechstunde nicht erlaubt

Ein Grund für das Gefühl einer fehlenden Rechtssicherheit könnte die Lockerung des Fernbehandlungsverbots sein, für die sich der Bundesärztetag im Mai dieses Jahres in Erfurt ausgesprochen hatte. Unter bestimmten Umständen können Mediziner nun auch bislang unbekannte Patienten ausschließlich via Telefon oder Internet beraten. Die Regelung muss allerdings von jeder Landesärztekammer separat beschlossen werden, ehe sie im jeweiligen Bundesland greift. Berlin und Brandenburg haben das noch nicht getan, vor allem die Brandenburger Ärztekammer hat Bedenken gegenüber einer ausschließlichen Fernbehandlung geäußert.

Videosprechstunden mit bekannten Patienten können Ärzte jedoch auch jetzt schon anbieten. Allerdings nur unter der Bedingung, dass es sich um eine Indikation handelt, die sie laut einer Liste der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) abrechnen dürfen. Dazu gehören etwa die Wundkontrolle, die Beurteilung von Bewegungseinschränkungen oder eine Verlaufskontrolle bei Hautausschlag. Häufige Beratungsanlässe wie eine banale Erkältung oder Verdauungsprobleme stehen jedoch nicht auf der Liste. Für einige Mediziner könnte diese Einschränkung ein Grund sein, sich noch nicht ernsthaft mit der Videosprechstunde zu beschäftigen.

Wer Skype nutzt, versteht auch das Programm

Geht es jedoch um die Technik, so wird das Angebot immer größer. Aktuell listet die KBV neun zertifizierte Videodienstanbieter auf, aus denen Ärzte wählen können. Einen davon, "elVi – Die elektronische Visite", hat Dr. Hans-Jürgen Beckmann mit aufgebaut. Der Facharzt für Chirurgie im nordrhein-westfälischen Bünde ist Vorsitzender des Ärztenetzes MuM – Medizin und Mehr. Das ist ein Zusammenschluss von mehr als 50 niedergelassenen Haus- und Fachärzten in der Region Bünde. Derzeit nutzen 43 Praxen und 14 Pflegeheime das Programm für die elektronische Videosprechstunde – natürlich auch Beckmann selbst.

"Wenn ich jemanden behandle, der dafür empfänglich sein könnte, gebe ich ihm eine Pin mit nach Hause. Mit dieser kann er sich ganz einfach an seinem PC auf der Webseite einwählen und eine Videoverbindung mit mir aufbauen", sagt Beckmann. So könne er etwa OP-Wunden kontrollieren und die Medikation besprechen, ohne dass der Patient in die Praxis kommen muss. Ältere Patienten seien manchmal skeptischer. Sie frage der Chirurg, ob sie schon einmal mit ihren Enkeln geskypt haben. "Wenn ja, sind sie grundsätzlich geeignet für die Videosprechstunde, denn schwerer als Skype ist elVi auf keinen Fall." Und wenn jemand nicht wolle, bleibe eben alles wie gehabt.

Mehr Geld als Schlüssel zum Erfolg?

In Bünde läuft die Videosprechstunde im Rahmen eines geförderten Projekts. "Das ist eine besondere Situation, normalerweise ist die Vergütung recht gering und mit vielen Ausschlüssen belegt", sagt Beckmann. Mediziner bekommen für jede Videosprechstunde einen Technikzuschlag von etwa vier Euro. Für die eigentliche Beratung dürfen sie neun Euro abrechnen. Der Haken dabei: Kommt ein Patient in einem Quartal, in dem er per Video beraten wurde, persönlich in die Praxis, muss der Arzt diese neun Euro wieder streichen. Dann bleiben ihm nur die vier Euro pro Patient, mit denen er auch die Lizenz für das Videoprogramm bezahlen muss.

"Die Finanzierung ist in der Tat nicht berauschend", sagt Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die mit den Krankenkassen diesen Satz ausgehandelt hat. Die Kassen argumentieren, dass die Videosprechstunde dasselbe wie ein persönliches Gespräch ist, ohne den Mehraufwand zu berücksichtigen, den die Technik anfangs mit sich bringt. Schließlich muss sich jeder Arzt in das jeweilige Programm einarbeiten und Patienten erklären, wie sie sich ins digitale Wartezimmer setzen. Dafür braucht es schon einen gewissen Anreiz. "Unter diesen Bedingungen ist es verständlich, dass noch nicht mehr Mediziner die Videosprechstunde nutzen", sagt Kriedel. "Das Gesamtpaket ist einfach noch nicht attraktiv." In künftigen Gesprächen mit den Kassen wolle die KBV jedoch anregen, dass Ärzte mehr Geld für die Videosprechstunden bekommen. Auch eine Erweiterung der Anlässe, bei denen Mediziner sie durchführen dürfen, sei geplant.

Ob das dazu führt, dass in Berlin und Brandenburg bald mehr Ärzte ihre Patienten per Video beraten, kann derzeit niemand sagen. Wahrscheinlich wäre es aber eine Grundvoraussetzung.

Beitrag von Florian Schumann

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