Sommerzeit (Bild: Colourbox)
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Interview l Abschaffung der Zeitumstellung - "Dauernde Sommerzeit ist Nonsens"

In der Nacht zu Sonntag heißt es wieder: Die Uhr wird eine Stunde vorgestellt - Sommerzeit. Mit der Umstellerei könnte es aber bald vorbei sein: In einer EU-weiten Umfrage hatten sich bis zu 84 Prozent der Teilnehmer dagegen ausgesprochen. Jetzt stimmt die EU ab, 2021 könnte die Umsetzung folgen. Nur: In welcher Zeit werden wir dann leben? In der EU-Umfrage stimmte die Mehrheit für immerwährende Sommerzeit. Der Schlafmediziner Ingo Fietze erklärt, warum das keine gute Idee ist.

Nach aktuellem Stand könnte es 2021 so weit sein: Nur noch eine Zeit, das ganze Jahr, kein Drehen an der Uhr mehr. Die EU hat Ihre Bürger befragt und ist nun selber im Entscheidungsprozess. Jeder Mitgliedsstaat soll selbst entscheiden, ob er die Sommer- oder die Winterzeit einführen will.
Die Mehrheit der EU-Umfrageteilnehmer plädierte für die immerwährende Sommerzeit. Aber was macht das mit unserer Gesundheit?

Professor Fietze, in welcher Zeit sollten wir leben?

In der Winterzeit, also der Normalzeit. Das ist die Zeit, in der wir Mensch geworden sind und in der auch die Tiere leben. Alle Lebewesen leben nach dieser Normalzeit, nur wir Menschen drehen künstlich an der Uhr.

Angenommen, die Zeitumstellung würde tatsächlich abgeschafft und in Deutschland käme die dauernde Sommerzeit: Was würde das bedeuten?

Die dauernde Sommerzeit ist totaler Nonsens. Die Menschen würden im Sommer noch später ins Bett gehen. Und das, wo die meisten sowieso viel zu wenig schlafen. Das Problem ist: Nur weil ich später ins Bett gehe, kann ich ja nicht später auf Arbeit gehen, sondern ich muss trotzdem früh raus.

Warum würden die Menschen später ins Bett gehen?

Weil es länger hell ist. Viele Leute sind für die Sommerzeit, weil sie sagen: "Dann können wir schön grillen und draußen sitzen." Da frage ich: Was soll das denn? Ab um zehn stellt sich unser Körper auf Schlafen ein und da soll man nicht grillen oder draußen sitzen, das kann man am Wochenende machen.

Aber wer am nächsten Tag arbeiten muss, sollte zwischen zehn und zwölf Uhr ins Bett gehen, weil nur dies die beste Schlafqualität garantiert.

Welche Auswirkungen hat die Helligkeit auf den Körper?

Die Helligkeit unterdrückt die Ausschüttung von Melatonin, das ist eines der Schlafhormone. In der Folge wird man später müde, geht später ins Bett und schläft vielleicht auch schlechter ein. Melatonin hat seinen eigenen 24-Stunden-Rhythmus. Die Konzentration im Blut steigt zwischen 20 und 24 Uhr an.

Man kann das nicht provozieren, aber man kann die Ausschüttung unterdrücken, indem man sich hellem oder blauem Licht aussetzt. Außerdem spielt auch der soziale Aspekt eine Rolle: dieses Nicht-ins-Bett-Gehen-Wollen, wenn es noch hell ist. Das Gefühl, etwas zu verpassen.

Und in der Folge schläft man weniger?

Korrekt. Und genau das ist die Message: Die meisten Menschen schlafen sowieso schon zu kurz. Sechs Stunden ist die minimale Schlafzeit. Gesund sind sieben bis acht Stunden, das ist ideal, dann dürfte man auch am Tag nicht müde werden. Insgesamt sollte man in einer Woche inklusive des Wochenendes mindestens 50 Stunden geschlafen haben, dann hat man in dieser Woche schlafgesund gelebt. Und das würde wahrscheinlich vielen Menschen bei der dauernden Sommerzeit schwerfallen.

Aber es ist doch nur eine Stunde. Kann der Körper sich nicht nach ein paar Monaten daran gewöhnen?

Man kann sich an vieles gewöhnen. Wenn ich in den Urlaub fliege, kann ich mich zum Beispiel an eine neue Zeitzone gewöhnen. Das heißt aber: Ich gewöhne mich an das neue Hell-Dunkel-Regime und nicht an die neue Zeit. Bei der Sommerzeit wäre das anders: Man würde dauerhaft später ins Bett gehen oder früher aufstehen, als einem der Körper das sagt.

Was heißt das für die Gesundheit?

Dazu gibt es keine Langzeituntersuchungen, weil für solche klinisch interessanten Fragestellungen niemand Geld bezahlt. Aber wir wissen aus der Forschung zu Schichtarbeit und Jetlag, dass es auf Dauer sehr ungesund ist, seinen Rhythmus zu verschieben. Wenn der Rhythmus des Körpers langfristig nicht mit dem Hell-Dunkel-Rhythmus übereinstimmt, kann das Folgen haben. Man kann das mal ein Jahr machen, aber wenn es mehr als fünf Jahre dauert, wird es zum Risiko. Und bei einer dauernden Sommerzeit wäre das ja so.

Welche konkreten Folgen befürchten Sie?

Im schlimmsten Fall hätte eine dauernde Sommerzeit ähnliche Folgen wie Schichtarbeit oder Dauerjetlag. Immer wenn man schlecht schläft, dominiert der Sympathikus, also das Wachsystem, Puls und Blutdruck sind erhöht. Das ist Stress für Herz und Kreislauf.

Wer dauerhaft kurz oder schlecht oder kurz und schlecht schläft, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und Diabetes. Und auch das Immunsystem wird geschwächt, dadurch sind die Menschen anfälliger für Infektionen und Krebserkrankungen. Und auch psychische Krankheiten könnten zunehmen, vor allem Depressionen. Depressive brauchen früh das Licht. Aber auch müde Menschen brauchen früh das Licht. Licht ist der Wecker schlechthin.

Der Lehrerverband befürchtet, dass eine Umstellung auf die Sommerzeit negative Auswirkungen auf Gesundheit und schulische Leistungen der Kinder haben könnte.

Kinder brauchen mehr Schlaf als Erwachsene. Viele schlafen jetzt schon zu wenig. Und trotzdem müssen sie schon um acht Uhr in die Schule, obwohl man weiß, dass sie nach ihrem Biorhythmus eigentlich später beginnen sollten.

Im Winterhalbjahr würden die Kinder dann morgens noch länger im Dunkeln lernen. Das beeinflusst die schulischen Leistungen und das Gemüt. Die lange Dunkelheit am Morgen könnte auch bei jungen Leuten psychische Krankheiten provozieren.

Bedenken die Menschen diese Punkte zu wenig, wenn sie über eine fortwährende Sommerzeit nachdenken?

Ja, ganz klar. Auch die EU-Umfrage fand ja im Sommer statt, als die Leute die langen warmen Abende genossen haben. Wäre sie im Winter durchgeführt worden, wenn die Menschen alle früh im Dunkeln ihre Kinder zur Schule bringen oder auf Arbeit gehen müssen, wären die Ergebnisse vielleicht anders ausgefallen. Außerdem war die Umfrage ja auch keineswegs repräsentativ. Deshalb sollte sich die Politik nicht nach diesen Ergebnissen richten, sondern sich mit Experten zusammensetzen. Aber das ist bis jetzt leider nicht geschehen.

Auch wenn das mittlerweile als unwahrscheinlich gilt: Wäre es besser, die Zeitumstellung beizubehalten?

Medizinisch würde ich sagen: Bevor die Sommerzeit eingeführt wird, sollten wir lieber bei der Zeitumstellung bleiben. Dann profitiert man wenigstens im Winter davon, dass es früher hell wird.

Falls die dauernde Sommerzeit wirklich kommen sollte: Was würden Sie den Menschen empfehlen?

Im Winter morgens viel künstliches Licht zu nutzen. Und im Sommer ganz diszipliniert möglichst früh ins Bett gehen.

Beitrag von Florian Schumann

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